„Eine Generation kann nicht über Nacht die Unterrichtssprache wechseln“
Lehrende der Kobanê-Universität fordern die Rücknahme der Einschränkung des Kurdischen. Eine über Jahre in ihrer Muttersprache ausgebildete Generation könne nicht plötzlich in einer anderen Sprache weiterlernen.
Vertreter:innen der Kobanê-Universität haben die Entscheidung des syrischen Bildungsministeriums zur Einschränkung des kurdischsprachigen Unterrichts zurückgewiesen. Eine Bildungsrealität, die von der Grundschule bis zur Universität über Jahre aufgebaut worden sei, könne nicht durch einen Verwaltungsbeschluss aufgehoben werden.
Der Ko-Vorsitzende der Kobanê-Universität, Şervan Muslim, bezeichnete die vorgesehene Begrenzung des Kurdischen auf drei Wochenstunden als weder akademisch noch wissenschaftlich vertretbar. „Seit Jahren wird Wissenschaft auf Kurdisch vermittelt. Vom Kindergarten bis zur Universität findet Bildung auf Kurdisch statt. Deshalb ist diese Entscheidung weder aus akademischer noch aus wissenschaftlicher Sicht ausreichend. Sie muss grundlegend geändert und die Situation der Studierenden berücksichtigt werden.“
Die seit Tagen anhaltenden Proteste von Schüler:innen, Studierenden und
Familien zeigten, dass die Entscheidung auch gesellschaftlich nicht
akzeptiert werde. „Wir glauben nicht, dass weder unsere Bevölkerung noch
unsere Studierenden diese Entscheidung hinnehmen werden“, sagte Muslim.
Ein Wechsel über Nacht ist unmöglich
Besondere Bedeutung hat die Sprachenfrage für die Zukunft der Hochschulen in Rojava. Nach Angaben Muslims wird gegenwärtig über den Status der Rojava-Universität gesprochen; anschließend werde auch die Kobanê-Universität im Rahmen des Integrationsprozesses zur Debatte stehen. Die Universität habe ihre Unterlagen dafür bereits vorbereitet. „Wir wollen als syrische Universität unseren Platz innerhalb des syrischen Hochschulsystems einnehmen“, erklärte Muslim.
Die bestehende akademische Struktur müsse dabei berücksichtigt werden. Kurdisch sei die grundlegende Wissenschafts- und Unterrichtssprache der Kobanê-Universität. Gleichzeitig würden die Studierenden auch auf Arabisch und Englisch ausgebildet. „Die akademischen Maßstäbe der Kobanê-Universität beruhen derzeit auf dem Kurdischen, und die Lehre wird entsprechend akademisch organisiert. Es ist unmöglich, dass Studierende, die in mehreren Sprachen ausgebildet werden, über Nacht ihre Ausbildung in einer anderen Sprache fortsetzen.“
Was geschieht mit der Zukunft dieser Kinder?
Şivîn Hecî, Akademikerin für kurdische Sprache und Literatur, verwies insbesondere auf die Folgen für Schüler:innen, deren gesamter Bildungsweg auf ihrer Muttersprache aufbaut. „Wie soll ein Kind, das seit der ersten Klasse auf Kurdisch lernt, plötzlich in einer anderen Sprache unterrichtet werden? Wie soll ein Kind, das seine Träume und Hoffnungen auf Grundlage der kurdischen Sprache entwickelt hat, in einer anderen Sprache lernen? Was geschieht mit der Zukunft dieser Person, die auf Kurdisch denkt und auf Kurdisch ihre Zukunft entwirft?“
Die Entscheidung werde von den Schüler:innen und Studierenden vollständig zurückgewiesen, sagte Hecî. Sie forderte ihre Rücknahme und eine offizielle Anerkennung des Kurdischen in Syrien: „Jedes Volk wird durch seine Sprache erkannt. Auch die kurdische Sprache muss innerhalb Syriens offiziell anerkannt werden.“
Die Revolutionsgeneration ist mit Kurdisch aufgewachsen
Auch Necah Îbrahîm, Lehrerin für kurdische Sprache und Literatur, bezeichnete die Entscheidung als nicht hinnehmbar. „Unsere kurdische Sprache ist für uns grundlegend. Die Generation der Revolution ist auf Grundlage der kurdischen Sprache aufgewachsen. Unsere Sprache aufzugeben und in einer anderen Sprache zu lernen, kommt für uns nicht infrage. So wie jedes Volk in seiner eigenen Sprache lernt, werden auch die Kurden in ihrer eigenen Sprache lernen.“
Vor der Revolution sei Arabisch für viele kurdische Schüler:innen die vorgeschriebene Unterrichtssprache gewesen, obwohl sie diese als fremd empfunden hätten. Erst mit dem Aufbau eines kurdischsprachigen Bildungssystems habe sich diese Situation verändert. „Nach der Revolution konnten wir durch die kurdische Sprache unsere Träume verwirklichen“, sagte Îbrahîm. Die aktuelle Entscheidung greife deshalb weit über die Zahl der Unterrichtsstunden hinaus: „Auch künftig müssen wir unsere Sprache verteidigen.“
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