Amed: „Das größte Problem in den Vierteln sind die Drogen“
Bei einer Feldstudie in Amed hat die Plattform „Şiyar Be!“ mit rund 4.000 Menschen gesprochen. Als größtes Problem in den Stadtvierteln wird die Drogenkrise genannt. Nach Berichten aus Familien werden bereits neunjährige Kinder gezielt angefixt.
Die Drogenkrise in Amed (tr. Diyarbakır) hat nach Erkenntnissen der Plattform „Şiyar Be!“ ein alarmierendes Ausmaß erreicht. Bei einer Feldstudie in mehreren zentralen Bezirken sprachen Aktivist:innen mit rund 4.000 Menschen. Die mit Abstand häufigsten Beschwerden betrafen demnach Drogenhandel und Abhängigkeit. Berichte aus den Stadtvierteln deuten darauf hin, dass inzwischen selbst neunjährige Kinder gezielt mit Drogen in Kontakt gebracht werden.
Die Plattform hatte vor einigen Monaten die Kampagne „Rabin“ (Erhebt euch) gegen Drogen und Abhängigkeit gestartet. Seither finden in verschiedenen Bezirken und Dörfern Versammlungen statt, in einigen Städten wurden zudem Mahnwachen in den Wohnvierteln eingerichtet. In Amed gingen Teams im Rahmen einer Erhebung von Tür zu Tür und befragten in vier zentralen Bezirken jeweils etwa 1.000 Menschen.
„Wir haben sehr unterschiedliche und zugleich sehr ernste Ergebnisse
erhalten“, sagte der Şiyar-Be-Aktivist Rojbin Tellioğlu gegenüber ANF.
Die Feldstudie habe deutlich gemacht, welche Dimension die Drogenkrise
inzwischen angenommen habe: „Wir haben gesehen: Was die Menschen in den
Vierteln beschäftigt, sind nicht Straßen oder Wasser. Das größte Problem
sind die Drogen.“
Drogenhandel reicht bis in Parks und Wohnviertel
Nach Angaben Tellioğlus sind Drogen inzwischen tief in die Wohnviertel vorgedrungen und werden auf Straßen und in Parks verkauft. Besonders schwer seien die Auswirkungen auf Familien, deren Kinder abhängig geworden sind. Viele Eltern hätten berichtet, dass ihre Kinder Wertgegenstände aus den Wohnungen verkaufen, um ihre Abhängigkeit zu finanzieren. „Sie erzählten uns, dass ihre Kinder sogar den Kühlschrank mitnehmen und verkaufen. Die wichtigste Forderung der Familien ist, dass ihre Kinder aus der Abhängigkeit herauskommen.“
Bei einer Versammlung im Stadtteil Körhat habe eine Mutter geschildert, wie bereits Kinder in den Drogenhandel hineingezogen würden. „Neunjährigen Kindern werden die Drogen zunächst kostenlos gegeben. Das Kind weiß nicht, was es ist, und probiert es aus. Wenn sie es später wieder im Park sehen, sagen sie: ‚Geh und bring Geld.‘ Auf diese Weise geraten Kinder in die Abhängigkeit.“
„Das Einstiegsalter ist auf neun Jahre gesunken“
Die Schilderungen seien kein Einzelfall geblieben. Im Verlauf der Feldarbeit habe sich bestätigt, dass das Alter beim Einstieg in den Drogenkonsum bis auf neun Jahre gesunken sei. „Wir wollten es nicht glauben, aber als wir in die Viertel gingen, haben wir es gesehen. Die Situation ist wirklich sehr schlimm“, sagte Tellioğlu.
Die Plattform sieht die Bekämpfung der Drogenkrise deshalb nicht allein als Aufgabe einzelner Organisationen. Notwendig sei ein gemeinsames Vorgehen von Bewohner:innen, zivilgesellschaftlichen Organisationen und Institutionen. Tellioğlu spricht dabei ausdrücklich von gesellschaftlicher Selbstverteidigung: „Wir müssen gemeinsam mit den Menschen in unseren Vierteln unsere eigene Selbstverteidigung aufbauen und verhindern, dass Drogendealer in unsere Viertel kommen.“
Familien fordern Behandlungsmöglichkeiten
Aus den Gesprächen gingen zugleich konkrete Forderungen hervor. Bewohner:innen verlangten unter anderem eine bessere Beleuchtung öffentlicher Räume und stärkere Maßnahmen gegen den offenen Drogenhandel. Vor allem aber fehle es Familien an Unterstützung, wenn ihre Kinder bereits abhängig sind. „Die Familien sind völlig verzweifelt. Sie wollen nur, dass ihre Kinder behandelt werden und aus dieser Abhängigkeit herauskommen“, sagte Tellioğlu. Entsprechend häufig sei während der Gespräche Unterstützung bei Behandlung und Entzug gefordert worden.
„Şiyar Be!“ setzt darüber hinaus auf eine dauerhafte Organisierung der Bewohner:innen in den betroffenen Vierteln. Eine gesellschaftliche Struktur vor Ort könne verhindern, dass sich Dealer und organisierte Drogennetzwerke ungehindert ausbreiten. „Wenn wir uns in unseren Vierteln organisieren, werden diese Banden nicht mehr einfach in unsere Viertel kommen können.“
Die Folgen der Drogenkrise reichen nach den Erfahrungen der Plattform weit über die Abhängigkeit selbst hinaus. Tellioğlu berichtete von einer Mutter, deren Kind begonnen hatte, synthetische Drogen zu konsumieren und innerhalb kurzer Zeit immer tiefer in die Abhängigkeit geriet. Die Feldarbeit zeige, dass Drogenkonsum bestehende Armut weiter verschärfe, Gewalt innerhalb von Familien begünstige und Kinder zunehmend in Kriminalität hineingezogen würden.
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