Karayılan: Mängel des Rahmengesetzes müssen behoben werden
Murat Karayılan bezeichnet das Rahmengesetz als „neuen und wertvollen Schritt“, fordert aber Nachbesserungen. Für den Übergang zur demokratischen Politik müsse Abdullah Öcalan den Prozess führen können.
Murat Karayılan, Kommandant im zentralen Hauptquartier der Volksverteidigungskräfte (HPG), hat das am 10. August vom türkischen Parlament verabschiedete Rahmengesetz als „neuen und wertvollen Schritt“ bezeichnet, zugleich aber grundlegende Nachbesserungen gefordert. In einer Botschaft zum 42. Jahrestag der Offensive vom 15. August 1984 erklärte Karayılan, die kurdische Freiheitsbewegung habe die Strategie des bewaffneten Kampfes beendet und gehe nun in eine Phase demokratischer Politik über. Voraussetzung dafür seien jedoch entsprechende politische und rechtliche Möglichkeiten. Eine zentrale Rolle weist Karayılan dem kurdischen Repräsentanten Abdullah Öcalan zu: Der von ihm initiierte Prozess könne nicht vorankommen, solange Öcalan inhaftiert sei und ihn nicht selbst führen könne.
Die Erklärung von Murat Karayılan im Wortlaut:
„Liebe Genoss:innen, verehrtes Volk,
euch allen ein frohes Fest der Wiedergeburt am 15. August!
Zunächst gratulieren wir im Namen der Freiheitsguerilla Kurdistans und aller Genoss:innen Rêber Apo [Abdullah Öcalan] zum 42. Jahrestag des Festes der Wiedergeburt und übermitteln ihm unsere Grüße, unseren Respekt und unsere Verbundenheit. Ebenso gratulieren wir allen Müttern der Gefallenen, den Familien der Gefallenen, unserem geschätzten Volk, allen Völkern der Region, unseren Freund:innen sowie allen Weggefährt:innen zum Fest der Wiedergeburt.
In der Person unseres unsterblichen Kommandanten Egîd (Mahsum Korkmaz) gedenken wir mit Respekt und Dankbarkeit aller Gefallenen der Revolution. Wir erneuern unser ihnen gegebenes Versprechen und sagen: „Ihr Gefallenen, möget ihr in Frieden ruhen. Wir werden eure Ziele erreichen und euren Kampf zum Erfolg führen.“
In der Person unserer Genossen Erdal (Engin Sincer), Zeki Şengalî (Ismail Özden) und Atakan Mahir (Ibrahim Çoban) gedenken wir außerdem mit Respekt aller im August Gefallenen. Die Offensive vom 15. August war nicht nur eine Offensive der Guerilla, sondern zugleich eine Offensive unseres Volkes. Unser Volk hat von damals bis heute großen Widerstand geleistet und Massaker durchlebt. In der Person der Menschen, die wir bei den Massakern von Şıirnex, Dîgor und Kendekol verloren haben, gedenken wir mit Respekt und Dankbarkeit all jener, die bei Angriffen des türkischen Staates gefallen sind.
Vom 15. August zum politischen Lösungsansatz
Liebe Freund:innen, nach der Niederschlagung der Serhildan entwickelte sich in Nordkurdistan eine tiefgreifende und umfassende Assimilation. In den 1970er Jahren war diese Assimilation bereits weit fortgeschritten. Unser Volk war an einen Punkt gelangt, an dem es von Auflösung und Vernichtung bedroht war. In einer solchen Zeit war der Aufbruch Rêber Apos ein historischer Aufbruch. Der damals einsetzende Freiheitskampf entwickelte sich unter verschiedenen Bezeichnungen und verschaffte unserem Volk Luft zum Atmen.
Doch unmittelbar darauf kam am 12. September 1980 die militärisch-faschistische Junta an die Macht. Es stimmt, dass die Junta antrat, um die revolutionäre Bewegung in der Türkei und die kurdische Freiheitsbewegung zu zerschlagen. Zugleich ging es ihr jedoch darum, in Kurdistan den „Reformplan für den Osten“ [Şark Islahat Planı] umzusetzen. Sie unternahm also den Versuch, den Reformplan von 1925 zu vollenden. In Kurdistan wurde tagsüber den Kindern und nachts Frauen und Männern zwangsweise Türkisch beigebracht. Die kurdische Sprache wurde verboten. Die Menschen konnten nicht einmal mehr in ihren eigenen Häusern Kurdisch sprechen. Dorfplätze wurden in Folterstätten verwandelt. Kurd:innen wurden unabhängig von ihrem Geschlecht vollständig entkleidet und auf denselben Plätzen in Reihen aufgestellt. Unsere Menschen wurden gezwungen, Exkremente zu essen. Eine solche Barbarei wurde praktiziert. Und dies geschah nicht nur in den Gefängnissen; ganz Kurdistan wurde gewissermaßen in ein Gefängnis verwandelt.
Es besteht kein Zweifel daran, dass es bedeutet hätte, die eigene Menschlichkeit aufzugeben, angesichts dieser Barbarei zu schweigen. Zunächst waren es im Kerker von Amed Mazlum Doğan, Ferhat Kurtay und seine Genossen sowie die Widerstandskämpfer des 14. Juli, die sich dagegen erhoben, das Schweigen durchbrachen und Widerstand leisteten. Rêber Apo unternahm intensive Anstrengungen und es wurden Vorbereitungen getroffen, um angesichts dieser menschenunwürdigen Praktiken nicht zu schweigen. Auf dieser Grundlage begann unter der Führung von Mahsum Korkmaz die Offensive vom 15. August. Einen anderen Weg, sich dieser Barbarei entgegenzustellen, gab es ohnehin nicht.
Die Offensive vom 15. August begann zwar mit der Waffe, doch ihre Bedeutung reichte weit über den bewaffneten Kampf hinaus. Sie entwickelte sich zu einer Intervention in die Gesellschaft, zu einem Aufruf gegen deren Schweigen. Unser Volk begegnete ihr zunächst mit Zweifel und Sorge. Denn bis dahin war dem kurdischen Volk jedes Mal, wenn es sein Haupt erhoben hatte, der Kopf abgeschlagen worden. Deshalb blickte die Bevölkerung mit Sorge auf diese Entwicklung.
Als sie jedoch erkannte, dass die Guerilla eine andere Methode darstellte, nicht besiegt wurde, aus ernsthaften und entschlossenen Menschen bestand und immer weiter anwuchs, verstand sie, dass der Guerillakampf ein Weg zu Freiheit und Befreiung war. Von da an machte sie sich diesen Kampf zu eigen, junge Menschen schlossen sich an und im kurdischen Volk vollzog sich ein Wandel. Misstrauen verwandelte sich in Vertrauen, Angst in Mut und Pessimismus in Hoffnung. Ein für tot erklärtes Volk erwachte wieder zum Leben und erhob sich.
Auf dieser Grundlage gingen zunächst in Nisêbîn und Cizîr und anschließend in vielen Teilen Kurdistans Kurd:innen auf die Straße. Unser Volk ging auf die Straße, um seine gefallenen Held:innen beerdigen zu können. Auf diese Weise begann die Bewegung der Serhildan, der Aufstände. Dies führte zu tiefgreifenden Veränderungen innerhalb der Gesellschaft. So vollzog sich die Revolution der Wiedergeburt. Sie war eine ideelle, politische, kulturelle und gesellschaftliche Revolution. Sie war zugleich eine Frauenrevolution. Unter der Führung von Frauen wie Bêrîvan, Saadet und Havva beteiligten sich kurdische Frauen an dieser Revolution. Auf diese Weise brachte die Offensive vom 15. August zugleich eine gesellschaftliche Revolution hervor. So vollzog sich die eigentliche Revolution.
1992 erklärte der damalige türkische Ministerpräsident Süleyman Demirel: „Wir erkennen die kurdische Realität an.“ Damit hatte die zwischen 1984 und 1990 verfolgte Guerillastrategie Erfolg gezeigt und Ergebnisse hervorgebracht. 1993 hatte sich der Erfolg dieser Strategie endgültig bestätigt. Aus diesem Grund ersuchte der türkische Staatspräsident Turgut Özal über den verehrten Mam Celal [Celal Talabanî] um die Ausrufung einer Waffenruhe, um einen neuen Prozess einzuleiten. Rêber Apo verkündete daraufhin zu Newroz 1993 die erste Waffenruhe. Damit begann eine neue Phase unseres Kampfes, eine neue Strategie – die Strategie der politischen Lösung. Denn der Krieg hatte seine Rolle inzwischen erfüllt und getan, was er zu tun hatte. Er hatte die zuvor unsichtbar gemachte kurdische Frage offengelegt und auf die Tagesordnung gesetzt. Deshalb musste nun eine Lösung mit politischen Mitteln und Methoden entwickelt werden.
Doch unmittelbar danach, so mussten wir feststellen, griff in der Türkei eine tiefer liegende Kraft in diesen Prozess ein. Turgut Özal wurde getötet. Auch General Eşref Bitlis, der an Özals Seite dafür eintrat, die kurdische Frage mit politischen Mitteln zu lösen, sowie Cem Ersever, der in Kurdistan maßgeblich an der Führung des Spezialkriegs beteiligt gewesen war, und viele weitere Menschen wurden getötet. Auf diese Weise machte eine Kraft innerhalb des Staates die Frage zu einem unentwirrbaren Knoten. Rêber Apo rief auch danach immer wieder Waffenruhen aus, sobald sich eine Gelegenheit dazu bot. Er entwickelte Wege und Methoden, um den Krieg zu beenden und eine politische Lösung zu ermöglichen. Bis heute haben wir neunmal eine Waffenruhe ausgerufen. Von den vergangenen 42 Jahren des Krieges entfielen elf Jahre auf Waffenruhen und 31 Jahre auf Krieg. Warum? Weil eine bestimmte Mentalität innerhalb des Staates dies nicht zuließ und uns mit Gewalt und Waffen vernichten wollte. Nach jedem Angriff hieß es: „Wir haben gewonnen und erzielen Erfolge.“ Ein solcher psychologischer Krieg und Spezialkrieg wurde in äußerst umfassender Weise geführt.
In den vergangenen zehn Jahren betrachteten sie das Erstarken unserer Bewegung als Gefahr und erklärten, „die Existenz der Türkei steht auf dem Spiel“. Alle Kräfte innerhalb des Staates schlossen sich zusammen und erklärten uns den Krieg. Sie wollten uns mit Gewalt und Waffen vernichten. Es folgte eine schwere und umfassende Kriegsphase. Gegen uns wurden alle Arten moderner Waffen eingesetzt, auch verbotene Waffen. Mit Unterstützung der NATO, sogar mit Unterstützung benachbarter Staaten und auch bestimmter kurdischer Kreise wollten sie uns vernichten. Doch es gelang ihnen nicht. In Zap und Metîna kamen sie nicht weiter; ihr Vormarsch geriet ins Stocken. Als sie schließlich erkannten, dass sie uns mit Waffen und Gewalt nicht vernichten können, erfolgte erneut ein Aufruf. So muss der Aufruf von Devlet Bahçeli verstanden werden. Wie bekannt ist, reagierte Rêber Apo positiv darauf, und auf dieser Grundlage ist der Prozess bis heute vorangeschritten.
„Das Rahmengesetz hat viele Mängel“
Verehrtes Volk, liebe Genoss:innen, das am 10. August von der Großen Nationalversammlung der Türkei verabschiedete Rahmengesetz ist etwas Neues in der Geschichte der Republik. Seit ihrer Gründung hat die Republik den Willen der Kurd:innen nicht anerkannt und versucht, sie durch Töten zu vernichten. Vor diesem Hintergrund ist dieses Gesetz ein neuer und wertvoller Schritt. Doch es weist viele Mängel und Fehler auf. Vor allem bezieht es den Architekten dieses Prozesses, Rêber Apo, nicht mit ein. Dabei ist es Rêber Apo, der diesen Prozess eingeleitet hat. Auch das Wort „kurdisch“ kommt in dem Gesetz nicht einmal vor. Von Demokratie ist überhaupt keine Rede. Die Befindlichkeiten unseres Volkes, die Auffassungen unserer Bewegung und selbst die Positionen Rêber Apos wurden kaum berücksichtigt. Die Angelegenheit wird allein auf die Niederlegung der Waffen durch die Guerilla reduziert. Dabei handelt es sich um eine große, hundert Jahre alte Frage. Der Ansatz ist zu eng gefasst. Zweifellos kann ein derart enger Ansatz die Frage nicht lösen. Infolge welcher Bedingungen ist die Guerilla überhaupt auf die Bühne der Geschichte getreten? Wenn dies nicht umfassend aufgearbeitet wird, kann es auch keine grundlegende Lösung der Frage geben.
„Öcalan muss den Prozess führen“
Auf der anderen Seite sagte Devlet Bahçeli in seinem ersten Aufruf mit Blick auf Rêber Apo: „Er soll den Krieg beenden, seine Organisation auflösen, ins Parlament kommen, vor der Fraktion der DEM-Partei sprechen, und das Recht auf Hoffnung soll ihm uneingeschränkt gewährt werden.“ Tatsächlich haben auch wir die Beschlüsse des Auflösungskongresses auf dieser Grundlage gefasst. Wir haben also gesagt: „Rêber Apo muss diesen Prozess führen.“ Und genau das sagen wir auch heute. Rêber Apo muss den Prozess führen. Das bedeutet, dass Rêber Apo physisch frei sein muss. Ohne das geht es nicht.
Ich habe bereits früher gesagt: „Solange Rêber Apo im Gefängnis ist, kann ich niemandem sagen: Lege deine Waffe nieder und geh.“ An diesem Punkt stehe ich auch heute noch. Aber ich könnte jetzt sagen: „Liebe:r Genoss:in, geh, Rêber Apo wird dich empfangen. Rêber Apo wird dir die Perspektiven für die neue Phase vermitteln.“ Wenn Rêber Apo also aktiv in den Prozess eingreifen kann, die Genoss:innen empfängt, Zusammenkünfte abhält und sie überzeugt, dann ist es möglich. Wir sind bereit, diesen Kampf von der Grundlage des Krieges und der Waffen auf die Grundlage von Politik und Recht zu überführen. Rêber Apo bemüht sich seit 33 Jahren darum, und wir vertrauen ihm. Der seit 33 Jahren geführte Krieg war ein Krieg, der über das Notwendige hinaus fortgesetzt wurde. Er war zu einer Wiederholung seiner selbst geworden und eigentlich nicht mehr angebracht. Doch gegenüber jenen, die uns vernichten wollten, waren wir gezwungen, diesen Krieg zu führen. So war es immer. Wir wollen diesen Krieg beenden, und darin besteht unser aufrichtiger Ansatz.
Was hat Rêber Apo über diesen Prozess gesagt? „Wir sind vom Galgen an den Verhandlungstisch gelangt. Das kann der Beginn, ein erster Schritt für einen bedeutenden Prozess sein.“ Das ist sehr bedeutungsvoll. Auch wir betrachten es so. Doch solange der Architekt dieses Prozesses im Gefängnis sitzt, kann dieser Prozess nicht funktionieren. Das muss allen bewusst sein. Ich glaube, dass auch die staatlichen Verantwortlichen das wissen. Denn das ist die Realität.
Kritik an fortgesetzter „Kriegssprache“
Auf der anderen Seite hat sich die verwendete Sprache noch immer nicht verändert. Die Sprache des Krieges war eindeutig: Es war die Kriegssprache des türkischen Staates, die Sprache der psychologischen Kriegsführung. Ständig hieß es: „Wir haben zugeschlagen und gewonnen.“ Als die Offensive vom 15. August stattfand, war Kenan Evren Staatspräsident der Türkei. Kenan Evren sagte: „Wer auch immer dieses Verbrechen begangen hat, in welches Loch er auch gekrochen sein mag, unter welchem Stein er sich auch versteckt hält – innerhalb von 72 Stunden wird unsere Armee ihn an den Ohren packen und vor Gericht bringen.“ Doch aus diesen 72 Stunden sind inzwischen 42 Jahre geworden, und noch immer ist das nicht geschehen.
Rêber Apo machte sich allein auf den Weg. Heute sind wir Millionen; wir verfügen über Zehntausende Kader. Wer hat also gewonnen, wer verloren? Dieses Volk, das einst auf dem Sterbebett lag, hat sich heute erhoben. Es ist das freiheitsorientierteste, demokratischste und kämpferischste Volk der Region. Es ist für alle Völker zu einer Hoffnung auf die Schaffung eines demokratischen und freien Systems auf der Grundlage der Freiheit der Frauen geworden. Genau das hat der 15. August hervorgebracht: Er schuf in ganz Kurdistan einen nationalen Geist und in der Region einen Geist des Widerstands. Doch sie sagen noch immer: „Wir haben gewonnen.“
Nachdem die Türkei 2016 technologische Unterstützung von der NATO erhalten hatte, sagte Süleyman Soylu [ehemaliger türkischer Innenminister]: „Bis April 2017 wird von der PKK nichts mehr übrig sein und niemand wird mehr ihren Namen erwähnen.“ Solche Aussagen haben sie vielfach getroffen. Zuletzt griffen sie im Februar 2021 Gare und damit unser Hauptquartier an. Damals hatten sie geplant, uns mit Unterstützung des irakischen Staates und bestimmter kurdischer Kreise innerhalb von drei Monaten vollständig aus Südkurdistan zu vertreiben und dort zu vernichten, sodass kein:e Einzige:r von uns übrigbleiben sollte. Auf dieser Grundlage begannen sie ihren Angriff.
Doch was war das Ergebnis? Im vergangenen Jahr haben wir unsere Genoss:innen auf Ersuchen staatlicher Verantwortlicher und auf der Grundlage einer Vereinbarung aus Zap abgezogen. Unsere Freund:innen befinden sich weiterhin in Metîna, und man fordert uns auf, sie auch von dort abzuziehen. Wenn ihr erfolgreich wart und uns besiegt habt, warum konntet ihr uns dann nicht aus Zap vertreiben? Warum befinden sich noch immer Guerillakräfte in Metîna? Das zeigt, dass es dort eine Kraft und einen Willen gibt. Es ist offensichtlich, dass die türkischen Truppen in diesen Gebieten nicht weiterkamen und ihr Vormarsch ins Stocken geriet. Das ist eine Tatsache.
Wir sprechen niemandem ab, was ihm zusteht. Die türkische Armee ist eine starke Armee. Sie ist die zweitgrößte Armee der NATO, verfügt über moderne Waffen und führt Krieg. Doch auch die Freiheitsguerilla Kurdistans, Frauen wie Männer, die sich an Rêber Apo orientiert, ist keine gewöhnliche Kraft. Sie ist eine im Kampf opferbereite und erfahrene Kraft. Niemand kann sie besiegen. Der jüngste Beweis dafür ist der Widerstand von Zap. Wie Jesus sagte: Man muss dem Kaiser geben, was des Kaisers ist.
Weltweit gibt es zahlreiche Fachleute, die die Kämpfe unterdrückter Völker verfolgen und analysieren. Einer von ihnen war Henry Kissinger, der über viele Jahre führende Funktionen in der US-Außenpolitik innehatte. Kissinger und zahlreiche andere Expert:innen sagen: „Wenn ein herrschender Staat die gegen ihn aufständischen Kräfte nicht vernichten kann, dann hat dieser Staat verloren. Wenn die Aufständischen nicht nur ihrer Vernichtung entgehen, sondern darüber hinaus gesellschaftliche Anerkennung erlangen, dann waren die Aufständischen erfolgreich.“
Ist das nicht genau die Situation in Kurdistan? Die Realität muss also zur Kenntnis genommen werden. Diese Sprache der psychologischen Kriegsführung muss endlich beendet werden.
Forderung nach einer Wahrheits- und Gerechtigkeitskommission
Erneut wird der Eindruck erweckt, als hätte die Guerilla Verbrechen begangen. Dem ist nicht so. Die Guerilla verkörpert innerhalb der Gesellschaft Kurdistans Verantwortungsbewusstsein und Würde. Guerillakämpfer:innen sind Menschen, die auf der Grundlage ihrer Verantwortung und ohne eine Gegenleistung zu erwarten bereit sind, sich für die Sache, an die sie glauben, und für ihr Volk aufzuopfern. Sie haben den Krieg mit Ehre und Würde geführt und werden auch den Frieden mit Ehre und Würde verwirklichen. Sie werden erhobenen Hauptes am Weg zum Frieden teilnehmen. Jede und jeder einzelne Angehörige der Guerilla hat dies verdient.
Natürlich kann es bei uns, also bei der Guerilla, Unzulänglichkeiten gegeben haben – und es hat sie gegeben. Es ist ganz offensichtlich, dass wir Rêber Apos Position am Verhandlungstisch nicht in dem Maße stärken konnten, wie es notwendig gewesen wäre. Das ist für uns ein ernstes Versäumnis. Wegen dieser Unzulänglichkeiten üben wir gegenüber Rêber Apo und unserem Volk Selbstkritik. In diesem Sinne befinden wir uns in einem Prozess der Selbstkritik. Doch außer gegenüber Rêber Apo und unserem Volk üben wir gegenüber niemandem Selbstkritik. Wir haben unsere Aufgabe nicht vollständig erfüllt, und dafür üben wir Selbstkritik. So ist es.
Wir sind die Kinder der Şêx Seîds, des Massakers von Geliyê Zîlan und des Dersim-Terteles. Unsere Geschichte reicht weit zurück. Alle wissen, was uns angetan wurde. Als Volk haben wir Dutzende Massaker durchlebt. Fast 5.000 unserer Dörfer wurden niedergebrannt und zerstört, gegen 17.520 unserer Menschen wurden unter dem Etikett „unbekannter Täter“ Angriffe verübt, nahezu alle wurden getötet. Wer hat das getan? 2015 wurden in Cizîr 271 unserer unbewaffneten jungen Menschen in Kellern mit Benzin übergossen und verbrannt. Wer hat dieses Verbrechen begangen? Hatten Mehmet Tunç und Asya Yüksel etwa Waffen in der Hand? Haben sie nicht jeden Tag über die Medien Appelle an die Öffentlichkeit gerichtet? Warum wurden diese jungen Menschen dann auf derart grausame Weise getötet?
Kurz gesagt: Wenn wir die alten Akten wieder öffnen, wird sich zeigen, wer schuldig und wer unschuldig ist. Deshalb schlagen wir die Einrichtung einer Kommission für Gerechtigkeit und Wahrheitsfindung vor. Sie soll Untersuchungen durchführen, die Wahrheit ans Licht bringen und Verantwortliche zur Rechenschaft ziehen. Wir halten eine solche Kommission für notwendig und erklären, dass wir dazu bereit sind.
„Wir wollen ein neues Kapitel aufschlagen“
Liebe Genoss:innen, verehrtes Volk, wir wollen wirklich zu einer Verständigung mit der Türkei gelangen und die Feindschaft beenden. Wir wollen ein neues Kapitel aufschlagen. Wir werden uns nicht dem Feind anschließen, sondern uns an einer demokratischen Republik beteiligen. Das war unsere Erwartung. Doch wir sehen, dass die andere Seite nicht entsprechend handelt. Noch immer betrachtet man uns als Terroristen und Kriminelle. Man spricht von Terror, aber ihr übt seit hundert Jahren Terror gegen unser Volk aus. Kann man also die eine Seite der Waage belasten und die andere völlig außer Acht lassen? Hier ist ein gerechter Ansatz notwendig.
Wir werden diesen Prozess auf der Grundlage der Perspektiven Rêber Apos und des Andenkens unserer geschätzten Gefallenen gestalten. Wir wissen, dass dieser Prozess durch den Widerstand und die Anstrengungen Rêber Apos und unserer Gefallenen entstanden ist. Auch diesem Rahmengesetz liegen die Anstrengungen Rêber Apos und das Blut unserer Gefallenen zugrunde. Wir betrachten das Rahmengesetz keineswegs als etwas Belangloses, doch seine Mängel müssen behoben werden. Denn wir wollen einen dauerhaften Frieden erreichen. Niemand sollte versuchen, den anderen zu täuschen.
Ein dauerhafter Frieden wird den Völkern der Türkei vieles bringen. Die Türkei könnte im Nahen Osten eine führende Rolle einnehmen und viel gewinnen. Auch in der Geschichte hat sich der türkische Staat immer dann weiterentwickelt und an Stärke gewonnen, wenn er ein Bündnis mit den Kurd:innen einging. Heute durchleben wir erneut eine solche historische Phase. Wenn man sich dem Prozess in dem von uns beschriebenen Rahmen nähert, werden auch wir unseren Teil dazu beitragen. Doch wir halten an unseren Werten fest. Wir wollen den Freiheitskampf Kurdistans mit den Mitteln demokratischer Politik weiterführen und ihn auf diesem Wege zum Erfolg bringen. Dafür müssen jedoch auch die entsprechenden Möglichkeiten geschaffen werden.
„Wir haben die Strategie des bewaffneten Kampfes beendet“
Verehrtes Volk, liebe Genoss:innen, es stimmt: Wir haben die Strategie des bewaffneten Kampfes beendet. Nun gehen wir in die Phase der demokratischen Politik über. Doch die Offensive vom 15. August ist ein Meilenstein in der Geschichte unseres Volkes. Sie hat eine historische Revolution der Wiedergeburt hervorgebracht. Deshalb wird die Revolution der Wiedergeburt von unserem Volk stets als nationales Fest begangen und gefeiert werden.
Denn durch diese Revolution hat unser Volk vieles gewonnen. Vor allem hat es sich selbst wiedergewonnen. Durch diese Revolution hat sich unser Volk erhoben, seinen Freiheitskampf vorangebracht, sich erneuert und neu geschaffen. So vollzog sich die Wiedergeburt. Deshalb sollten wir die Revolution der Wiedergeburt auch weiterhin bewahren und uns ihr verpflichtet fühlen.
Auf dieser Grundlage gratuliere ich noch einmal allen zum Fest der Wiedergeburt und wünsche allen viel Erfolg für die bevorstehende Phase des Kampfes.
Es lebe das Fest der Wiedergeburt!
Bijî Serok Apo!“
Kommentare
Kommentar veröffentlichen