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John Holloway an Öcalan: „Dein Lied ist ein Lied der Hoffnung“


Der irische Philosoph John Holloway hat Abdullah Öcalan einen Brief gewidmet. Dessen Denken sei ein „Lied der Hoffnung“ für die kurdische Gesellschaft, den Mittleren Osten und die Welt. „Wir wollen dich frei sehen und deine Stimme hören.“

„Wir wollen dich frei sehen“
 
ANF / ANKARA, 17 Aug. 2026.

Der irische Philosoph und marxistische Theoretiker John Holloway hat sich in einem Brief an Abdullah Öcalan gewandt. Darin beschreibt er das Denken des kurdischen Repräsentanten als eine Hoffnung, die weit über die kurdische Gesellschaft hinausreiche, und verbindet dies mit dem Wunsch nach seiner Freiheit.

Holloway übermittelte den unter dem Titel „Du bist eine Hoffnung für die Welt“ verfassten Brief an die Imrali-Delegation der DEM-Partei. Der in Mexiko lebende Philosoph greift darin das Bild eines eingesperrten Vogels auf, dessen Lied trotz des Käfigs nach außen dringt. Nach Jahren der Gefangenschaft müsse Öcalans Stimme nun unmittelbar zu hören sein.

„Wir haben deine Bücher gelesen; jetzt wollen wir dein Gesicht sehen und deine Stimme hören“, schreibt Holloway. Öcalans „Lied“ sei eines der Hoffnung – „der Hoffnung, die wir in dieser immer dunkler werdenden Welt so dringend brauchen“. Diese Hoffnung bezieht Holloway ausdrücklich nicht allein auf die kurdische Gesellschaft. Er spricht von einer Perspektive für einen durch Staatsgrenzen zerrissenen Mittleren Osten und für eine Welt, in der die Unterdrückung von Frauen überwunden wird und Pflanzen, Tiere und andere Lebensformen mit Respekt behandelt werden.

Der Brief von John Holloway im Wortlaut:

Lieber Abdullah Öcalan,

Singe nun dein Lied laut und klar. Seit vielen Jahren singst du schöne Lieder, doch es war das Lied eines Vogels, der in einen Käfig gesperrt ist. Jetzt musst du aus deinem Käfig herauskommen und von den Baumwipfeln und Dächern aus ein Lied singen, das die ganze Welt erfüllt. Wir haben deine Bücher gelesen; jetzt wollen wir dein Gesicht sehen und deine Stimme hören.

Dein Lied ist ein Lied der Hoffnung – der Hoffnung, die wir in dieser immer dunkler werdenden Welt so dringend brauchen. Hoffnung für das kurdische Volk, aber noch viel mehr als das. Hoffnung für den Mittleren Osten, der auf tragische Weise durch die absurde und barbarische Aufteilung in Staaten zerrissen ist, obwohl sich so vieles lösen ließe, wenn man dem gemeinsamen Leben freien Lauf ließe. Und Hoffnung für die Welt: eine Hoffnung, die den Weg zu anderen Formen des Lebens öffnet, in denen die Versklavung der Frauen nur noch eine schmerzliche Erinnerung an die Vergangenheit ist und Pflanzen, Tiere und andere Lebensformen mit Respekt behandelt werden.

Das Lied der Hoffnung ist zugleich ein Lied der Verweigerung. Es bedeutet: „Nein, wir werden das nicht hinnehmen.“ Wir werden die Brutalität der Herrschenden, die sinnlose Grausamkeit des Krieges, die zerstörerische Herrschaft des Geldes und die Gewalt von Sexismus und Rassismus nicht hinnehmen. Nein, es reicht. Wir werden nicht länger hinnehmen.

Das Lied der Hoffnung besingt den Schmerz der Welt. Den Schmerz der Gefangenschaft, der Folter, der Diskriminierung, der Erniedrigung und der Ausbeutung. Den Schmerz der Verhinderung all dessen, was wir erschaffen könnten, den Schmerz der Enttäuschung darüber, keine Welt des Reichtums zu erreichen, in der wir gemeinsam darüber entscheiden, wie das Leben sein sollte.

Die Kraft des Liedes, das du singst, verbiegt die Gitterstäbe deines Käfigs. Wir, die wir dich mit Bewunderung verfolgen, wollen dich frei sehen und deine Stimme hören. Wir wollen, dass dein Lied für die Freiheit in der ganzen Welt widerhallt. Natürlich ist es ein Lied eines Dengbêj: ein Lied, das Hoffnung, Verweigerung, Schmerz und gemeinschaftliches Leben miteinander verbindet.

Mit tiefer Bewunderung und in der Hoffnung, dass du bald frei sein wirst.

Wer ist John Holloway?

John Holloway, 1947 in Dublin geboren, ist ein irischer Politikwissenschaftler und marxistischer Theoretiker. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften und der Europäischen Studien promovierte er 1975 an der University of Edinburgh in Politikwissenschaft und lehrte dort viele Jahre. 1991 zog Holloway nach Mexiko; seit 1993 ist er an der Benemérita Universidad Autónoma de Puebla (BUAP) tätig. Seine theoretische Arbeit ist stark von der zapatistischen Bewegung und der Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Selbstorganisation geprägt. International bekannt wurde er insbesondere mit seinem 2002 erschienenen Buch Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen (Change the World Without Taking Power: The Meaning of Revolution Today). Darin setzt er sich mit der Möglichkeit gesellschaftlicher Veränderung jenseits der Eroberung staatlicher Macht auseinander. Zu seinen weiteren bekannten Arbeiten gehört Kapitalismus aufbrechen (Crack Capitalism).

 

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