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Öcalan: „Religion sollte nicht das Gewissen der Macht, sondern das Gewissen der Gesellschaft sein“

 


In einer Botschaft an den Demokratischen Islamkongress plädiert Abdullah Öcalan für einen demokratischen Islam, der Frauenfreiheit, Pluralismus und demokratische Gesellschaft stärkt.

Botschaft an Demokratischen Islamkongress
 
ANF / AMED, 20. Juni 2026.

In Amed (tr. Diyarbakır) wird an diesem Samstag der 3. Demokratische Islamkongress ausgerichtet. Veranstalterin ist die Föderation für Islamische Forschung in Mesopotamien (MIA-FED), das Motto lautet „Demokratischer Islam: Aufrichtigkeit im Glauben, Freiheit in der Gesellschaft“. Zum Auftakt wurde eine Botschaft Abdullah Öcalans verlesen, in der sich der kurdische Repräsentant mit der historischen Entwicklung des Islam, dem Verhältnis von Religion und Macht sowie den Perspektiven eines demokratischen Islam auseinandersetzt. Dabei hebt er die Bedeutung von Pluralismus, Frauenfreiheit, gesellschaftlicher Selbstorganisation und demokratischer Politik hervor.

Nachfolgend dokumentieren wir die Botschaft in deutscher Übersetzung:

„An den 3. Großen Kongress des Demokratischen Islam,

Der Islam ist seinem Wesen nach eine große gesellschaftliche Wahrheitsbewegung, die auf den Werten von Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit einer ethischen und politischen Gesellschaft gründet. Die erste islamische Gemeinschaft, die unter der Führung des Propheten Mohammed entstand, entwickelte sich als ein kraftvoller Aufbruch zu einer demokratischen Gesellschaft gegen die von der staatszentrierten Zivilisation auferlegte Klassenbildung, Ausbeutung und stammesbezogene Herrschaft.

Im Laufe der Geschichte wurde dieses freiheitliche und gesellschaftliche Wesen des Islam jedoch zunehmend von staatlichen Herrschaftstraditionen vereinnahmt. Mit dem Beginn der Umayyaden-Herrschaft wurde die Religion schrittweise von ihrer Funktion als ethische und gesellschaftliche Lebensordnung entfremdet und zu einem Instrument staatlicher Legitimation gemacht. Dadurch wurden die demokratischen und freiheitlichen Strömungen des Islam geschwächt.

Sowohl der heutige offizielle Staatsislam als auch verschiedene konfessionalistische Strömungen, die nach politischer Macht streben, stellen unterschiedliche Erscheinungsformen dieser historischen Fehlentwicklung dar.

Die Bedeutung der Charta von Medina

Das Verständnis eines Demokratischen Islam steht für die Rückkehr zu den ethischen, gewissenhaften und freiheitlichen Werten, die dem Islam seinem Wesen nach innewohnen. Einer der wichtigsten historischen Bezugspunkte dieser Rückbesinnung ist die Medina-Charta. Die Medina-Charta ist ein demokratischer Gesellschaftsvertrag, der Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen, Identitäten, Kulturen und Gemeinschaften ermöglicht, ihre Eigenheiten zu bewahren und zugleich auf der Grundlage gemeinsamer Prinzipien des Zusammenlebens zueinanderzufinden. In dieser Hinsicht stellt sie eines der ersten pluralistischen und demokratischen Modelle gemeinschaftlicher Ordnung in der Geschichte der Menschheit dar.

Der wahre Dschihad ist der fortwährende Befreiungskampf des Menschen gegen die Machtansprüche im eigenen Inneren, gegen Egoismus, das Verlangen nach Herrschaft und jede Form von Unterdrückung. Der größte Kampf ist der Kampf des Menschen um seine eigene Wandlung und um die Begegnung mit der Wahrheit. Ohne eine Kultur der Selbstkritik können weder individuelle noch gesellschaftliche Freiheit gedeihen. Auch das Prinzip der Schura gehört zu den Grundwerten einer demokratischen Gesellschaft. Schura bedeutet, die gemeinsame Vernunft der Gesellschaft zur Entfaltung zu bringen, Entscheidungen auf partizipative Weise zu treffen und die Ausübung von Herrschaft gesellschaftlicher Kontrolle zugänglich zu machen.

Die historischen Wurzeln demokratischer Politik, lokaler Demokratie und kommunalen Lebens liegen in diesem Verständnis begründet. Notwendig ist heute nicht, den Islam in den Dienst des Staates, der Macht oder der Kräfte des Kapitals zu stellen, sondern ihn erneut in den Dienst einer ethischen Gesellschaft, demokratischer Politik und eines freien Lebens zu stellen. Religion sollte nicht das Gewissen der Macht, sondern das Gewissen der Gesellschaft sein. Wahrheit kann nur innerhalb der freien gesellschaftlichen Selbstorganisation ihren Sinn entfalten.

Verständnis, das die Frau ausgrenzt, kann den Islam nicht repräsentieren

Kein Verständnis, das die Freiheit der Frau ausgrenzt, die Natur als Objekt grenzenloser Ausbeutung betrachtet oder Feindschaft zwischen den Völkern hervorbringt, kann das Wesen des Islam repräsentieren. Der Demokratische Islam ist eine ethische Lebensperspektive, die Frauenfreiheit, ökologisches Leben, gesellschaftliche Solidarität und die Geschwisterlichkeit der Völker ins Zentrum stellt. In dieser Hinsicht ist er nicht nur für muslimische Gesellschaften, sondern für die gesamte Menschheit eine wichtige Quelle demokratischer Zivilisation.

Angesichts der sich vertiefenden Krisen des Nahen Ostens, der konfessionellen Kriege, nationalistischen Konflikte und Machtkämpfe liegt die Lösung nicht in einer weiteren Stärkung staatszentrierter und hegemonialer Ansätze, sondern in der Entwicklung einer demokratischen Gesellschaft. Die Perspektive eines Demokratischen Islam kann einen wichtigen Beitrag zu einem Verständnis der demokratischen Nation leisten, in der die Völker mit ihren jeweiligen Identitäten, Glaubensvorstellungen und ihrem freien Willen gemeinsam leben können.

Ich bin überzeugt, dass die Diskussionen, die Sie auf dieser Grundlage führen, und die Ergebnisse, die Sie hervorbringen werden, zum Aufbau einer demokratischen Gesellschaft, zum gemeinsamen Leben der Völker sowie zur Weiterentwicklung des von uns angestoßenen Prozesses für Frieden und eine Demokratische Gesellschaft beitragen werden.

Für Ihre Arbeit wünsche ich Ihnen viel Erfolg.“

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