Demokratischer Islamkongress: „Religion wurde zur Unterdrückung von Frauen missbraucht“
Beim Demokratischen Islamkongress in Amed diskutierten Teilnehmer:innen über die Stellung der Frau im Islam und die Bedeutung der Muttersprache. Kritisiert wurde die Instrumentalisierung der Religion zur Unterdrückung von Frauen.
Der von der Föderation für Islamische Forschung in Mesopotamien (MIA-FED) in Amed (tr. Diyarbakır) organisierte Demokratische Islamkongress ist am zweiten Tag mit einer Diskussion über Frauen und Islam fortgesetzt worden. Delegierte aus Kurdistan, dem Irak, Ägypten und der Türkei befassten sich dabei mit der Stellung von Frauen im Islam, ihrem gesellschaftlichen Beitrag sowie mit der Bedeutung der Muttersprache für die Vermittlung religiöser Inhalte. Die Sitzung stand unter dem Titel „Frauen und Islam“ und wurde von Menice Rümeysa Gülmez vom Sekretariat der Initiative für Demokratische Einheit moderiert. In ihrer Einführung verwies sie auf die Rolle von Frauen wie Maryam und Aischa in der islamischen Geschichte und erinnerte an ihren Beitrag für Glauben und Gesellschaft.
Frauenrechte zwischen religiösem Anspruch und gesellschaftlicher Realität
Die Journalistin und Autorin Rajaa Hamid Rashid aus Bagdad betonte in ihrem Beitrag, dass der Islam in einer Zeit entstanden sei, in der Frauen vielfach entrechtet gewesen seien. Der Koran habe grundlegende Prinzipien von Gerechtigkeit und Gleichheit etabliert und Frauen Rechte zugesprochen, die zuvor nicht selbstverständlich gewesen seien. Hamid verwies unter anderem auf Eigentums-, Erb- und Bildungsrechte sowie auf die aktive Rolle von Frauen in den frühen islamischen Gemeinschaften. „Der Koran misst Frauen eine besondere Bedeutung bei. Die Stellung der Frau und ihre Rechte sind dort ausdrücklich verankert“, sagte sie. Gleichzeitig kritisierte Hamid spätere Entwicklungen in islamisch geprägten Gesellschaften. Nicht die Religion selbst, sondern deren Auslegung und politische Instrumentalisierung hätten dazu geführt, dass Frauenrechte eingeschränkt worden seien. „Religion wurde in späteren Zeiten dazu benutzt, Frauen auszubeuten und zu unterdrücken“, erklärte sie. Um den Koran richtig zu verstehen, müsse auch die Stellung der Frau richtig verstanden werden.
Frauen als Trägerinnen von Widerstand
Die kurdische Sprachpädagogin Nesibe Kaya aus Wan (Van) widmete ihren Vortrag der gesellschaftlichen Rolle von Frauen und den Traditionen weiblichen Widerstands. Sie verwies auf historische und aktuelle Beispiele von Frauen, die trotz Repressionen und Gewalt gesellschaftliche Veränderungen angestoßen hätten. Als Beispiele nannte sie Sumeyye, die als erste Märtyrerin des Islam gilt, ebenso wie die vom Saddam-Regıme hingerichtete kurdische Aktivistin Leyla Qasim, die Frauen im Militärgefängnis von Diyarbakır und die von Irans Sittenpolizei getötete Jina Mahsa Amini. „Heute verfügen Frauen über einen eigenen Willen in der Gesellschaft. Niemand wird diesen Willen brechen können“, sagte Kaya. Die weltweite Verbreitung der Losung „Jin, Jiyan, Azadî“ (Frau, Leben, Freiheit) wertete sie als Ausdruck eines jahrhundertelangen Kampfes von Frauen für Freiheit und Selbstbestimmung. Auch die Friedensmütter hob Kaya hervor. Frauen, die sich gegen Krieg und Gewalt stellten, seien ein wichtiger Teil dieses Widerstands und verdienten gesellschaftliche Anerkennung.
„Religion erreicht die Menschen durch ihre Sprache“
Im zweiten Teil der Sitzung rückte die Verbindung von Sprache und Religion in den Mittelpunkt. Der Ko-Vorsitzende von MIA-FED, Dr. Abdullah Sağır, betonte, dass religiöse Botschaften nur dann ihre volle Wirkung entfalten könnten, wenn sie die Menschen in ihrer eigenen Sprache erreichten. „Sprache spielt eine zentrale Rolle bei der Vermittlung von Botschaften. Auch im Koran wird ihre Bedeutung hervorgehoben“, sagte Sağır. Er rief Geistliche dazu auf, religiöse Inhalte verstärkt in kurdischer Sprache zu vermitteln und die Muttersprache im gesellschaftlichen Alltag zu stärken. „Unsere Muttersprache ist ein großer Reichtum. Sprechen Sie mit Ihren Kindern und Enkeln Kurdisch. Religion und Sprache sind miteinander verbunden, denn religiöse Botschaften erreichen die Menschen durch ihre Sprache“, erklärte er.
Debatte über Frauen, Glauben und gesellschaftliche Teilhabe
Die Diskussion machte deutlich, dass viele Teilnehmer:innen die Frage der Frauenrechte nicht als Gegensatz zum Islam betrachten, sondern als Teil einer Auseinandersetzung um die ursprünglichen Werte von Gerechtigkeit, Gleichheit und gesellschaftlicher Teilhabe. Nach den Vorträgen wurde die Sitzung mit einer Fragerunde fortgesetzt. Die Konferenz wird am Abend mit weiteren Diskussionsrunden abgeschlossen.
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