Armenischer Journalist: Die demokratische Erneuerung der Türkei beginnt mit der Aufarbeitung ihrer Geschichte
Der armenische Journalist und Autor Pakrat Estukyan sieht die demokratische Zukunft der Türkei in einer umfassenden Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte. Ein Frieden zwischen Türk:innen und Kurd:innen allein reiche dafür nicht aus.
Auf der Konferenz „Die demokratische Transformation der Republik im zweiten Jahrhundert“, die am vergangenen Wochenende in Istanbul stattfand, diskutierten Politiker:innen, Wissenschaftler:innen, Intellektuelle und Vertreter:innen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen über Wege zu einer demokratischen Erneuerung der Türkei. Im Mittelpunkt standen Fragen von Demokratie, Gleichberechtigung, gesellschaftlicher Teilhabe und historischer Aufarbeitung.
Zu den Teilnehmern gehörte auch der armenische Journalist und Autor Pakrat Estukyan. Als Angehöriger der armenischen Gemeinschaft, die zu den von Genozid und Vertreibung betroffenen Völkern Anatoliens zählt, sprach Estukyan mit ANF über die Voraussetzungen für eine demokratische Transformation der Türkei. Für ihn ist eine solche Entwicklung nur möglich, wenn sich die Gesellschaft ihrer Geschichte stellt und unterschiedliche Identitäten als gleichberechtigte Bestandteile des Landes anerkennt.
Die kurdische Bewegung und die gesellschaftliche Transformation
Estukyan betonte, dass die von der kurdischen Befreiungsbewegung entwickelte Perspektive einer demokratischen Gesellschaft heute eine konkrete Grundlage für das Zusammenleben unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen biete. Die Vorstellung eines gemeinsamen Lebens in Freiheit und Gleichberechtigung habe durch die politische Entwicklung der kurdischen Bewegung in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend Gestalt angenommen.
Dabei verwies Estukyan auf die tiefgreifenden Veränderungen innerhalb der kurdischen Gesellschaft. Der seit mehreren Jahrzehnten andauernde bewaffnete Kampf habe nicht nur politische Auswirkungen gehabt, sondern zugleich einen umfassenden gesellschaftlichen Wandel ausgelöst. „Der kurdische bewaffnete Widerstand brachte zugleich eine kurdische Aufklärung hervor“, sagte Estukyan.
Vor vierzig Jahren sei die kurdische Gesellschaft vielerorts noch stark von Stammesstrukturen geprägt gewesen. Heute seien die Kurd:innen weit stärker durch ein gemeinsames nationales Bewusstsein, eine gemeinsame Sprache und gemeinsame politische Ziele verbunden. Der Prozess der Nationsbildung habe sich parallel zum politischen Kampf entwickelt.
Sozialistische Tradition und die Rolle der Frauen
Besonders hob Estukyan die ideologischen Wurzeln der kurdischen Bewegung in der Türkei hervor. Während politische Kräfte in anderen Teilen Kurdistans vielfach noch von traditionellen Familien- und Stammesstrukturen geprägt seien, sagte er mit Blick auf die Familien Barzanî und Talabanî, habe sich die kurdische Bewegung in der Türkei aus einer sozialistischen Tradition heraus entwickelt. Er erinnerte daran, dass zahlreiche kurdische Aktivist:innen bereits in den Reihen der türkischen sozialistischen Bewegung politisiert wurden. Auch die Entstehungsgeschichte der PKK sei eng mit diesem Umfeld verbunden.
„Die kurdische Bewegung bezieht ihre Dynamik aus dieser Tradition. Deshalb sind ihre Diskurse, ihre Paradigmen und ihre politischen Vorschläge so richtungsweisend“, erklärte Estukyan. Die Wirkung dieser politischen Ansätze reiche inzwischen weit über die Türkei hinaus. Als Beispiel nannte er die Stellung von Frauen innerhalb der kurdischen Bewegung. Die politische Rolle von Frauen, das System der genderparitätischen Doppelspitze und die Frauenquote hätten Entwicklungen angestoßen, die inzwischen auch außerhalb der kurdischen Bewegung Wirkung zeigten.
Lob und Kritik an der DEM-Partei
Auch die DEM-Partei bewertete Estukyan grundsätzlich positiv. Die Partei sei aufgrund ihrer politischen Grundsätze, ihrer Programmatik und ihrer demokratischen Versprechen eine wichtige politische Kraft. Gleichzeitig äußerte er die Sorge, dass die Partei mit wachsender gesellschaftlicher Reichweite und zunehmender Wählerbasis gezwungen sein könnte, von einzelnen Grundsätzen abzurücken.
„Die Rolle einer breiten Bündnis- und Dachpartei bringt unterschiedliche politische Strömungen zusammen“, sagte Estukyan. Dies könne einerseits neue gesellschaftliche Gruppen erreichen, andererseits aber auch zu politischen Zugeständnissen führen. Trotz dieser Vorbehalte betonte Estukyan seine Unterstützung für die Partei und erinnerte zugleich an die Zeit, in der Selahattin Demirtaş die politische Arbeit der HDP prägte. Die damalige Dynamik und politische Klarheit würden ihm bis heute in Erinnerung bleiben.
Frieden darf nicht auf Türk:innen und Kurd:innen beschränkt bleiben
Mit Blick auf den von Abdullah Öcalan angestoßenen Prozess für Frieden und eine demokratische Gesellschaft bezeichnete Estukyan eine Verständigung zwischen Türk:innen und Kurd:innen als entscheidenden Schritt. Zugleich warnte er davor, den Friedensprozess ausschließlich auf diese beiden Bevölkerungsgruppen zu beschränken. „Die demokratische Transformation der Türkei muss alle Völker und Glaubensgemeinschaften einschließen, die in der Vergangenheit ausgegrenzt oder verdrängt wurden.“
Estukyan erinnerte daran, dass die Geschichte Anatoliens nicht allein aus türkischen und kurdischen Erfahrungen bestehe. Auch Armenier:innen, Suryoye, Pontosgriech:innen und andere Gemeinschaften seien Teil dieser Geschichte. Eine demokratische Zukunft könne nur entstehen, wenn die Erfahrungen aller Bevölkerungsgruppen anerkannt würden und die Gesellschaft bereit sei, sich mit den dunklen Kapiteln ihrer Geschichte auseinanderzusetzen.
„Zunächst müssen wir die Geschichte richtig erzählen“
Besonders deutlich äußerte sich Estukyan zur offiziellen Geschichtsschreibung der Republik. Viele historische Ereignisse würden bis heute ausschließlich aus der Perspektive staatlicher Narrative vermittelt, während die Erfahrungen anderer Bevölkerungsgruppen ausgeblendet blieben. Als Beispiel verwies er auf den 19. Mai 1919. Während dieses Datum im offiziellen Staatsverständnis als Beginn des Unabhängigkeitskrieges gefeiert werde, werde es von den Pontosgriech:innen als Beginn eines Vernichtungsprozesses erinnert.
Für Estukyan zeigt dieses Beispiel die Notwendigkeit einer gemeinsamen historischen Auseinandersetzung. „Zunächst müssen wir die Geschichte richtig erzählen und uns mit ihr auseinandersetzen“, sagte er. Demokratisierung bedeute deshalb auch, historische Ereignisse neu zu diskutieren und unterschiedliche Erinnerungsperspektiven sichtbar zu machen. „Die Fehler der Vergangenheit können nur korrigiert werden, wenn ihre Ursachen offen benannt werden.“
Skepsis gegenüber dem aktuellen Prozess
Trotz seiner Unterstützung für den Friedens- und Demokratisierungsprozess äußerte Estukyan Zweifel daran, dass die derzeitige Politik der Regierung zu einer Lösung der kurdischen Frage führen werde. Den von MHP-Vorsitzendem Devlet Bahçeli geprägten Begriff einer „terrorfreien Türkei“ hält er nicht für geeignet, um die politischen und gesellschaftlichen Ursachen der kurdischen Frage zu lösen.
Und selbst wenn sich die Haftbedingungen Abdullah Öcalans verbessern sollten, werde dies allein keine Lösung herbeiführen, erklärte Estukyan. Die eigentlichen Fragen seien die Anerkennung der kurdischen Identität, die Anerkennung der Muttersprache und die Gewährleistung demokratischer Rechte. Diese Themen stünden derzeit jedoch nicht im Mittelpunkt der politischen Debatte.
Auch die Diskussion um eine neue Verfassung bewertete Estukyan kritisch. Nach seiner Einschätzung konzentriere sich die Debatte weniger auf eine demokratische Neugründung des Landes als auf machtpolitische Interessen. Für Estukyan bleibt deshalb die zentrale Aufgabe bestehen, die Geschichte des Landes gemeinsam aufzuarbeiten und eine demokratische Ordnung zu schaffen, in der alle Völker, Glaubensgemeinschaften und Identitäten als gleichberechtigte Bestandteile der Gesellschaft anerkannt werden.
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