Zwischen Sichtbarkeit und Schweigen: Minderheiten diskutieren Assimilation in der Türkei
Beim Symposium „Alevitentum und Zukunft“ haben jüdische, armenische, alevitische und kurdische Stimmen über Assimilation, staatliche Gewalt und Minderheitenpolitik diskutiert. Im Zentrum stand die Frage, ob Sichtbarkeit Schutz oder Gefahr bedeutet.
„Sichtbar werden oder sich verstecken?“ Diese Frage zog sich wie ein roter Faden durch ein Panel beim Symposium „Alevitentum und Zukunft“ in London, bei dem jüdische, armenische, alevitische und kurdische Stimmen über Assimilation, staatliche Gewalt und die Erfahrung des Ausschlusses in der Türkei diskutierten.
Die Veranstaltung mit dem Untertitel „Das Dilemma von Minderheitenidentitäten“ fand im Rahmen des vom Alevitischen Kulturzentrum Großbritannien organisierten Symposiums statt. Moderiert wurde das Panel von Dr. Şirvan Karakış. Zu den Teilnehmenden gehörten der jüdische Autor Dario Navarro, der armenische Journalist und Schriftsteller Hayko Bağdat, der Ko-Vorsitzende der Föderation der Alevit:innen in Europa (AABF), Hüseyin Mat, sowie der kurdische Politiker Osman Baydemir.
Bereits zu Beginn wurde im Cem-Saal eine audiovisuelle Präsentation des Madımak-Gedächtnismuseums gezeigt. Dabei wurden die Namen der Opfer des Madımak-Pogroms verlesen und das virtuelle Erinnerungsprojekt vorgestellt. Die Initiator:innen des Museums erklärten, einen Raum für gesellschaftliche Konfrontation mit Staatsverbrechen und kollektiver Erinnerung schaffen zu wollen.
„Assimilation garantierte keine Gleichheit“
Der jüdische Autor Dario Navarro erklärte, der Minderheitenbegriff in der Türkei sei historisch fast ausschließlich auf nichtmuslimische Gemeinschaften reduziert worden. Dieses Verständnis sei von der osmanischen Ordnung bis in die Republik hinein übernommen worden. Am Beispiel der jüdischen Gemeinschaft schilderte Navarro, wie viele sephardische Jüd:innen über Jahrzehnte versucht hätten, durch Anpassung und Assimilation gesellschaftliche Akzeptanz zu erreichen.
Historische Einschnitte wie die Pogrome von Thrakien 1934, die Vermögenssteuer, die Struma-Katastrophe oder die sogenannten „Ereignisse“ vom 6. und 7. September 1955 in Istanbul hätten jedoch gezeigt, dass selbst weitgehende Anpassung keine tatsächliche Gleichberechtigung garantiere.„Die eigentliche Frage ist nicht, ob man seine Identität offenlegt oder versteckt, sondern unter welchen Bedingungen Staat und Mehrheitsgesellschaft Verschiedenheit akzeptieren“, sagte Navarro.
Minderheitenidentitäten als Bedrohung
Der armenische Journalist Hayko Bağdat knüpfte daran an und beschrieb das Spannungsfeld zwischen Sichtbarkeit und Verstecken als tief politisches und historisch gewachsenes Dilemma. Seit dem Genozid von 1915 habe sich innerhalb der armenischen Gemeinschaft eine generationenübergreifende Strategie des Schweigens und Überlebens entwickelt. Bağdat erklärte, viele Minderheitenidentitäten würden in der Türkei selbst heute noch als Bedrohung oder Vorwurf behandelt, wenn sie offen gelebt würden. „Die Erfahrung von Minderheiten bewegt sich zwischen Assimilation, Unsichtbarkeit und zeitweiligem Widerstand“, sagte er.
„Organisierung ist keine Wahl, sondern Notwendigkeit“
Der Ko-Vorsitzende von AABF, Hüseyin Mat, erinnerte daran, dass auch Alevit:innen über Jahrzehnte gezwungen waren, ihre Identität im Verborgenen zu leben. Selbst die Gründung alevitischer Vereine sei lange kriminalisiert worden. Die öffentliche Verwendung des Begriffs „Alevit:in“ habe erst nach jahrelangen Kämpfen gesellschaftliche Sichtbarkeit erlangt.
Mat betonte, Unsichtbarkeit habe für viele Alevit:innen zeitweise wie ein Schutzmechanismus gewirkt. Langfristig habe sie jedoch zum Verlust von Rechten und gesellschaftlicher Präsenz beigetragen. „Organisierung ist für die alevitische Gemeinschaft keine Wahl, sondern eine Notwendigkeit geworden“, sagte Mat. Der heutige Kampf der Alevit:innen gehe deshalb weit über kulturelle Anerkennung hinaus und betreffe grundlegende Fragen von Gleichberechtigung und gesellschaftlichen Rechten.
Baydemir spricht von „weißem Tod“
Den politisch schärfsten Beitrag des Panels formulierte der kurdische Politiker Osman Baydemir. Er beschrieb die Geschichte der Republik Türkei als Kontinuität von Leugnung, Vereinheitlichung und Gewalt gegenüber unterschiedlichen Identitäten. Wer sich diesem System widersetzt habe, sei mit offener Repression, Exil oder Tod konfrontiert worden. Gleichzeitig habe es gegenüber jenen, die schwiegen, eine andere Form der Auslöschung gegeben.
„Wer nicht widersprach, wurde in einen unsichtbaren Untergang gedrängt – in Assimilation und weißen Tod“, sagte Baydemir. Die verschiedenen Staatsformen und Regierungen hätten zwar ihre äußere Form verändert, erklärte Baydemir weiter, die grundlegende Staatslogik gegenüber dem „Anderen“ sei jedoch bestehen geblieben. „Das Problem ist strukturell“, betonte er.
Keine „Geschwisterlichkeit“, sondern Herrschaft der Mächtigen
Kritisch äußerte sich Baydemir auch zum häufig verwendeten Begriff der „Geschwisterlichkeit“. Dieser habe oft keine tatsächliche rechtliche Gleichheit geschaffen, sondern vielmehr ein Verhältnis beschrieben, in dem die Mächtigen die Bedingungen bestimmten. Eine demokratische Lösung könne deshalb nur auf gleichberechtigter Staatsbürgerschaft, gesellschaftlicher Konfrontation mit der Vergangenheit und einem politischen Raum ohne Gewalt beruhen.
An konkreten Beispielen aus der Kommunalpolitik machte Baydemir deutlich, dass das Fehlen von Cemhäusern, Kirchen oder Synagogen in vielen Städten kein individuelles Problem, sondern Ausdruck staatlicher Politik sei.
Zum Abschluss diskutierten Teilnehmer:innen und Publikum über persönliche Erinnerungen, Erfahrungen von Ausgrenzung sowie Möglichkeiten gesellschaftlicher Organisierung. Das Panel machte deutlich, dass die Debatte über Minderheiten in der Türkei weit über kulturelle Anerkennung hinausgeht und grundlegende Fragen von Macht, Erinnerung und Gleichberechtigung berührt.
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