Nach Monaten in Gefangenschaft: „Ich bin Kurdin und Kämpferin“
Drei Monate war die YPJ-Kämpferin Henan im Al-Aqtan-Gefängnis in Raqqa, ihrem früheren Einsatzort, inhaftiert. Nach ihrer Freilassung berichtet sie von Gewalt, Druck und ihrem Widerstand.
Drei Monate lang war die YPJ-Kämpferin Henan im Al-Aqtan-Gefängnis in Raqqa inhaftiert. Nach ihrer Freilassung berichtet sie von Verhören, psychischem Druck und Gewalt, und davon, warum sie dennoch nicht gebrochen wurde. Henan gehörte zu jenen Kämpferinnen, die während der Offensive der syrischen Übergangsregierung gegen die Selbstverwaltung von Nordostsyrien im Januar in Gefangenschaft gerieten. Nach dem Fall des Gefängnisses, Henans früherem Einsatzort, geriet sie in die Hände von Milizen der Machthaber in Damaskus.
Verhöre, Druck und Folter
Während ihrer Haft wurde Henan wiederholt verhört. Unterschiedliche Gruppen führten die Befragungen mit einem klaren Ziel durch: Einschüchterung und Zwang zu Aussagen. „Sie haben immer wieder gefragt: Warum bist du zu den YPJ gegangen? Warum kämpfst du?“, berichtet sie. Junge Frauen, die sich bewaffnet organisieren, seien von den Vernehmenden grundsätzlich infrage gestellt worden. Neben psychischem Druck sei sie auch zeitweise körperlicher Gewalt ausgesetzt gewesen. Insgesamt seien sechs Frauen inhaftiert gewesen, darunter zwei YPJ-Kämpferinnen. Eine von ihnen sei verletzt gewesen.
„Ich habe nie daran geglaubt, hier lebend herauszukommen“
Henan beschreibt die Haft als von permanenter Angst geprägt. „Ich bin in die Hände von HTS gefallen. Ich habe nie gedacht, dass ich dort lebend herauskomme“, sagt sie. Die Gefangenen seien immer wieder mit Drohungen konfrontiert worden. „Sie haben gesagt: Ihr werdet hier nie rauskommen.“ Für sie selbst habe es nur zwei Möglichkeiten gegeben: „Entweder töten sie mich oder ich bleibe mein Leben lang hier.“
Schlaflosigkeit, Isolation und Ungewissheit bestimmten den Alltag.
Gleichzeitig versuchten die Verhörer, sie unter Druck zu setzen und zur
Kollaboration zu bewegen. „Sie sagten: Du hast politisches Wissen, wir
bringen dich zu Ahmed al-Scharaa“, berichtet sie. Doch sie blieb
standhaft: „Ich habe immer gesagt: Ich verrate meine Freund:innen
nicht.“
Zwischen Angst und Hoffnung
Während der Haft wurden den Geiseln auch gezielt Falschinformationen vermittelt. „Sie sagten, sie hätten ganz Rojava eingenommen, auch Hesekê“, erzählt Henan. Diese Aussagen hätten sie verunsichert,bis sie erkannte, dass sie nicht der Realität entsprachen. Trotz allem habe sie die Hoffnung nicht vollständig verloren. „Ich habe an die Frauen gedacht, mit denen ich zusammen gekämpft habe. Ihre Kraft hat mich aufrecht gehalten.“
Der Moment der Freiheit
Erst in der letzten Woche ihrer Geiselhaft wurde ihr eine mögliche Freilassung angekündigt. „Sie sagten: Am Samstag werdet ihr freigelassen.“ Die Tage davor beschreibt sie als emotionalen Ausnahmezustand: „Ich habe eine Woche lang nicht geschlafen. Ich war so glücklich. Nach Monaten würde ich meine Freundinnen und meine Familie wiedersehen.“ Am Morgen ihrer Freilassung wurden sie aus dem Gefängnis geführt. Die Truppen des syrischen Übergangsregimes hätten zum Abschied gesagt: „Wenn wir euch Unrecht getan haben, vergebt uns.“
„Ich wurde neu geboren“
Auf dem Weg von Raqqa nach Hesekê wurde ihr erst langsam bewusst, dass sie frei ist. „Ich habe mir immer wieder gesagt: Ich bin jetzt ein freier Mensch.“ Einen besonders symbolischen Moment beschreibt sie so: „Als ich mein schwarzes Kopftuch abnahm, sagte ich mir: Ich habe meine Freiheit zurück.“ Die Begegnung mit ihrer Familie habe sie überwältigt. „Ich hätte nie gedacht, dass ich sie wiedersehe“, sagt sie. Freude, Schmerz und Erleichterung hätten sich vermischt.
Forderung nach Freilassung der Zurückgebliebenen
Trotz ihrer eigenen Befreiung denkt Henan an jene, die weiterhin in Gefangenschaft sind. „Viele meiner Freund:innen sind noch in Haft. Ich will, dass auch sie freikommen.“ Sie verbindet ihre persönliche Geschichte mit einer politischen Perspektive: „Ich bin eine kurdische Frau und eine Kämpferin. Ich will die Freiheit meines Volkes.“ Zugleich fordert sie, dass die Vertriebenen nach Efrîn und Serêkaniyê zurückkehren können: in ihre Heimat, aus der sie vertrieben wurden.
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