Direkt zum Hauptbereich

Öcalan zum 8. März: „Die grundlegende Kraft des gesellschaftlichen Wandels ist die Frau“


In einer Botschaft an die kurdische Frauenbewegung betont Abdullah Öcalan die zentrale Rolle von Frauen für gesellschaftliche Erneuerung. Frauenorganisation und politische Selbstermächtigung seien entscheidend für eine demokratische Zukunft.

Internationaler Frauenkampftag
 
ANF / REDAKTION, 6. März 2026.

Zum Internationalen Frauenkampftag am 8. März hat der in der Türkei inhaftierte kurdische Repräsentant Abdullah Öcalan eine ausführliche Botschaft an die kurdische Frauenbewegung gerichtet. In dem Schreiben, das von der Koordination der Partei der freien Frauen Kurdistans (Partiya Azadiya Jinên Kurdistanê, PAJK) veröffentlicht wurde, hebt er die historische Rolle der Frau als gesellschaftsbildendes Subjekt hervor und ruft zu einer stärkeren politischen Organisierung der Frauenbewegung auf.

Öcalan argumentiert darin, dass gesellschaftliche Freiheit ohne die Befreiung der Frau nicht denkbar sei. Zugleich beschreibt er die gegenwärtige Phase als eine historische Gelegenheit, in der Frauen eine führende Rolle im Prozess gesellschaftlicher Erneuerung übernehmen könnten. Die Frauenbewegung verfüge bereits über ein hohes Maß an Bewusstsein und Organisation. Nun gehe es darum, diesen Stand in eine noch stärkere politische Praxis zu überführen.

Die Frauenfrage als grundlegendes philosophisches Problem

„Jeder Mensch verfügt über eine subjektive Sicht auf die Frau – sei es in Form einer Leidenschaft, eines Fluchs oder auch einer Blindheit. Wenn wir in dieser Welt von etwas Göttlichem sprechen wollen, erscheint es mir zutreffender, ja sogar notwendig, dessen Ursprung im Weiblichen zu verorten. Was mich dabei besonders erstaunt, ist die Tatsache, dass der Mann sein gesamtes Wissensmonopol und seine Macht bedenkenlos dafür eingesetzt hat, die Frau zu versklaven. Dass er, ohne irgendeine ethisch-politische Norm zu beachten, die Frau seelisch wie körperlich in einem solchen Ausmaß erschöpft und konsumiert hat, zwingt mich, dieses Problem als eine der grundlegendsten Fragen der Philosophie zu begreifen.

Um dieses Phänomen zu erhellen, bedarf es weit mehr philosophischer Reflexion, wissenschaftsphilosophischer Auseinandersetzung sowie einer vertieften Analyse religiöser und mythologischer Traditionen, als gemeinhin angenommen wird. Nur auf diesem Wege lassen sich die Grundlagen einer wahrhaft menschlichen Ethik und Ästhetik, der Aufbau eines politischen Raumes sowie letztlich die Institutionalisierung einer demokratischen Gesellschaft sichtbar machen. Damit wird deutlich, dass diese Fragestellung zum zentralen Gegenstand der Soziologie, und folglich auch der Jineolojî werden muss.

Kritik an Realsozialismus und klassischer Soziologie

Auf die bekannte Aussage von Karl Marx, „Nichts Menschliches ist mir fremd“, möchte ich daher mit den Worten antworten: „Der Mensch als Frau interessiert mich umso mehr.“ Dass der Realsozialismus, der sich selbst als besonders wissenschaftlich verstand, gegenüber der Frau eine derart blinde Haltung einnahm, gehört zu den wichtigsten Gründen für seinen Zusammenbruch. Zugleich ist dies ein deutlicher Hinweis darauf, wie tief verwurzelt der von der Zivilisation hervorgebrachte „versklavte Mann“ tatsächlich ist.

Als wir nach Wegen suchten, den Realsozialismus zu überwinden, wurde für mich ein grundlegendes Kriterium leitend: Sozialistisch zu sein kann nur aus einer tatsächlichen Freiheitsbeziehung zur Frau hervorgehen. Mehr noch: wahrhaft Mensch zu werden und sich von der bloßen Naturhaftigkeit des Tierreichs zu lösen, ist nur möglich auf der Grundlage einer Beziehung zur Frau, die von Gleichheit, Freiheit sowie ethischen und ästhetischen Maßstäben getragen wird.

In meinem letzten Manifest wollte ich zum Ausdruck bringen, dass am Ursprung dessen, was ich als das kastische gesellschaftliche Tötungssystem bezeichne, die Zerstörung der Seele der Frau steht, während die kapitalistische Moderne ihren Körper in einen Zustand versetzt hat, der schlimmer ist als der eines Leichnams. Ihr wisst sehr gut, dass Frauen häufig sagen: „Ihr habt mich meiner Seele und meines Körpers beraubt.“ Diese Redewendung hat eine tiefe historische Bedeutung und ist seit jeher Teil eines kollektiven Ausdrucks von Erfahrung.

Eine weitere zentrale Feststellung meines Manifests betrifft die Notwendigkeit, die Soziologie neu zu definieren. Meiner Auffassung nach kann Soziologie nicht als eine Wissenschaft der Gesellschaft im engeren Sinne begründet werden. Denn die Gesellschaft als „zweite Natur“ besitzt aufgrund ihrer unendlichen Relationalität eine Bedeutungsdimension, die nicht als Objekt wissenschaftlicher Untersuchung erfasst werden kann. Zwar lassen sich bestimmte Aspekte, etwa die ökonomische Basis, wie sie von Karl Marx und Friedrich Engels hervorgehoben wurde, die soziale Struktur im Sinne von Max Weber oder die identitären und normativen Strukturen, wie sie Émile Durkheim analysierte, als Gegenstände wissenschaftlicher Untersuchung behandeln. Doch die umfassende „Bedeutungswelt“ der gesellschaftlichen Natur lässt sich auf diese Weise nicht vollständig erfassen.

Selbst wenn man sich ihr analytisch nähert, kann das Ergebnis eher als eine ethisch-ästhetische Praxis verstanden werden – als eine Kunst des politischen und gesellschaftlichen Zusammenlebens. Damit meine ich selbstverständlich nicht jene vermeintliche „Kunst“, die die kapitalistische Moderne im Rahmen ihrer Kulturindustrie hervorgebracht hat, die in Wirklichkeit eher einer kulturellen Schlachtbank gleicht.

Vom mütterlichen Gesellschaftssystem zum Patriarchat

Anstelle der marxistischen These, wonach „die Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen“ sei, bin ich zu einer anderen Bestimmung gelangt: Die gesamte Geschichte, einschließlich der Zeit vor der Schrift, lässt sich als eine Spannung zwischen Kommune und Staat verstehen, die aus der Spaltung der ursprünglichen Clanstrukturen hervorgegangen ist.

Das Phänomen der Kommunalisierung, dessen eingehende Untersuchung und Darstellung eine umfangreiche Analyse erfordert, entwickelte sich im Wesentlichen als eine mütterliche Gesellschaftsform. Archäologische Befunde lassen erkennen, dass sie – begünstigt vor allem durch geografische Faktoren sowie durch eine geeignete Flora und Fauna – entlang der Zagros-Toros-Achse eine Entwicklung nahm, die bis etwa 50.000 bis 30.000 Jahre zurückreicht. Auch die Funde aus dieser Zeit, in denen sich zahlreiche weibliche Figuren, jedoch keinerlei männliche Statuen finden, weisen auf diese Realität hin.

Bis in die neolithische Epoche hinein akkumulierte diese mütterliche Gesellschaft eine bedeutende kulturelle und soziale Entwicklung, insbesondere im Bereich der Sprache sowie der Pflanzen- und Tierkulturen. Bis an die Schwelle der sesshaften Gesellschaft blieb die dominierende kulturelle Ordnung eindeutig frauenorientiert. Ein Hinweis darauf findet sich etwa im weiblichen Ursprungselement vieler Sprachen sowie in der Ma-Kultur. In einer späteren Phase jedoch erlangte der männliche „Bund“, der im Töten von Tieren zunehmend Erfahrung und Macht gewann, Zugang zu diesem gesellschaftlichen Reichtum. Von der Jagd auf Tiere wandte er sich schließlich gegen die Frauenwelt selbst. Zunächst tötete er jene männlichen Verwandten, insbesondere Onkel und heranwachsende Männer, die unter dem Schutz der Frauen standen, und eignete sich deren gesellschaftliche Ressourcen an. Anschließend unterwarf und versklavte er die Frauen. Im Kern bedeutete dies die Zerstörung der weiblichen Seele.

Auf diese Weise entstand der „männliche Gott“. Die ursprüngliche Religion der natürlichen Göttin wich einer himmlischen Religion des männlichen Gottes. Die weiteren Entwicklungen lassen sich aus der sumerischen Mythologie und der späteren Geschichte der monotheistischen Religionen leicht nachvollziehen. Der mythologische Konflikt zwischen Enki und Inanna sowie die Erzählungen im Gilgamesch-Epos spiegeln diese Transformation wider. Von jener Zeit bis in die Gegenwart hinein haben Literatur, Politik und Soziologie im Wesentlichen diese männlich gewordene, hegemoniale Gestalt des Mannes zum Ausdruck gebracht.

Das „Frauenprojekt“ und seine praktische Umsetzung

Was mich erstaunt, ist die Tatsache, dass wir im Verlauf der gesamten Zivilisationsgeschichte gegenüber einer Wahrheit, die eigentlich relativ leicht zu erkennen und zu verstehen gewesen wäre, eine derart verblendete Bewusstseins- und Gefühlsstruktur aufrechterhalten und sogar darauf beharrt haben. Es liegt daher in der Verantwortung der Gesellschaftsanalyse und insbesondere der Jineolojî und der Soziologie, aber ebenso eines neuen Sozialismus (eines Sozialismus nach dem Realsozialismus) sowie der Kunst, diese Realität sichtbar zu machen, theoretisch zu erfassen und sie in Prozesse einer erneuten gesellschaftlichen Gestaltung zu überführen.

Liebe Genossinnen, als ich sagte, mein „Frauenprojekt“ könne im Wesentlichen als abgeschlossen gelten, wollte ich genau diese gedankliche Ausarbeitung zum Ausdruck bringen. Vor mir steht nun jedoch eine gewaltige praktische Aufgabe: die Umsetzung und Verwirklichung dieser Perspektive im gesellschaftlichen Leben.

Das wachsende Interesse sowie die zahlreichen Fragen von Genossinnen und Freunden bewegen mich offensichtlich zu neuen Suchbewegungen und Überlegungen. Zugleich ist klar, dass mein Ort und meine gegenwärtigen Bedingungen in kommunikativer Hinsicht nicht ausreichen, um auf all diese Fragen angemessen antworten zu können.

Frauen als zentrale Kraft gesellschaftlicher Erneuerung

Der Prozess, in dem wir uns gegenwärtig befinden, ist ein Prozess, in dem Frauen eine noch aktivere Rolle übernehmen können. Der Aufbau der kommenden gesellschaftlichen Ordnung wird unter der Führung von Frauen gestaltet werden. Auch historisch betrachtet ist die Frau das konstituierende Subjekt der Gesellschaft.

Vergesellschaftung formiert sich um die Frau herum und durch ihr Handeln. Dies ist eine soziologische Realität. Frauen verfügen sowohl hinsichtlich ihres Freiheitsbewusstseins als auch ihres Organisationsgrades über ein Potenzial, das sie befähigt, im Prozess des gesellschaftlichen Wiederaufbaus eine führende Rolle zu übernehmen. Daher sollten jene Bemühungen um Vertiefung, Mobilisierung und praktische Aktivierung, die dieses Potenzial vom bloßen Vermögen in reale Wirksamkeit überführen, zum zentralen Anliegen der Frauenorganisationen werden. Denn der gegenwärtige Prozess eröffnet günstige Bedingungen dafür, dass Frauen sich selbst befreien und zugleich zur Befreiung der Gesellschaft beitragen können.

Politische Organisierung und Ethik der Beziehungen

Die grundlegende Kraft dieses Prozesses ist die Frau. Daher ist es notwendig, dass Frauen ihre eigene Existenz stärker politisieren und sich als eigenständige politische Subjekte begreifen. Anstelle rein emotionaler Zugänge gewinnt eine Form des Frau-Werdens an Bedeutung, in der die politische Dimension zunehmend in den Vordergrund tritt. Ohne politische Realität lässt sich nicht einmal Atem holen. Das ist von großer Bedeutung, und ich bin fest davon überzeugt, dass ihr dieser Aufgabe gerecht werden werdet.

Unsere ideologische Linie der Frauenbefreiung ist bekannt. Frauen haben in Bezug auf Freiheit und Organisation bereits ein beachtliches Niveau erreicht. Nun gilt es jedoch, einen qualitativen Sprung zu vollziehen: von der Ideologie der Frauenbefreiung hin zu einer politischen Praxis der Frauenbefreiung. Tatsächlich lässt sich eine solche Entwicklung bereits vielerorts beobachten. Ich bin überzeugt, dass aus euren Reihen starke politische Führungsfiguren hervorgehen werden.

Ihr wisst, dass ich euch niemals verlassen habe. Ich bin überzeugt, dass gerade darin der realistischste Ausdruck dessen liegt, was ich als platonische Liebe im gesellschaftlichen Sinne bezeichne.

Die Auffassung eines sozialistischen Menschen von Liebe sowie seine Haltung zu den Beziehungen zwischen Frau und Mann geben Aufschluss über seine Persönlichkeit. Es muss klar verstanden werden, dass jenes Gefühl, das vom kastischen gesellschaftlichen Tötungssystem als „Liebe“ vermarktet wird, so organisiert ist, dass es die Fortsetzung der Versklavung der Frau gewährleistet.

Idealismus der platonischen Liebe vs. Realismus der praktischen Liebe

Auch das von mir verwendete Konzept der „platonischen Liebe“ darf nicht missverstanden werden. Platonische Liebe bedeutet die Idealisierung dessen, was in der Praxis nicht realisierbar ist. Der Idealismus der platonischen Liebe ist wertvoller als der Realismus der praktischen Liebe. Darauf könnt ihr eure Aufmerksamkeit richten. Ihr solltet euren Verstand und euer Herz nicht auf die Realisierung praktischer Liebe ausrichten. Wir sollten uns für die platonische Liebe entscheiden, denn die Realisierung praktischer Liebe ist voller Fallstricke.

Abschließend möchte ich betonen, dass ich eure Entwicklungen als bedeutsam erachte und sie als eine „Epoche weiblicher Heroik“ begreife. Dazu beglückwünsche ich euch. Eure heroische Lebensweise ist zutiefst ethisch und ästhetisch; sie stellt die stärkste Antwort unserer Zeit auf das kastische gesellschaftliche Tötungssystem dar. Die zentrale Frage besteht darin, wie ein neues menschliches Leben gestaltet werden kann. Ohne durch die Frau zu den wirklichen Geheimnissen des Lebens vorzudringen, wird es nicht möglich sein, die Sprache des Universums zu verstehen.

Euch allen, insbesondere euch, aber auch allen Freundinnen und Freunden, die Fragen stellen, wünsche ich, dass das kommende Jahr und die kommenden Jahre reich an Sinn sind und euch dazu führen, die Segel in Richtung Liebe und Zuneigung zu setzen. Mit respektvollen Grüßen.“

 

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Premiere der Dokumentation „Jinwar“ in Nordostsyrien

Frauenforum in ehemaliger IS-Hauptstadt Raqqa

Türkei zwingt Zehntausende zurück in den Folterstaat Syrien