Rawesta-Kooperative: Solidarische Ökonomie gegen Armut und Ausgrenzung
In Amed haben sich Angehörige von Gefangenen zur Rawesta-Frauenkooperative zusammengeschlossen. Ziel ist es, mit kollektiver Arbeit sowohl Frauenarmut als auch die soziale Isolation von Gefangenenfamilien selbstorganisiert und solidarisch zu bekämpfen.
Mitten in wirtschaftlicher Unsicherheit, wachsender Repression und sozialer Isolation bauen Frauen in Amed (tr. Diyarbakır) ein solidarisches Wirtschaftsmodell auf: Die Rawesta Frauenkooperative wurde auf Initiative des Vereins für Solidarität mit Familien von Gefangenen (TUHAY-DER) gegründet. Getragen wird das Projekt von Frauen, deren Angehörige inhaftiert sind – viele von ihnen unter politischen Vorwürfen.
Die Kooperative versteht sich als Antwort auf strukturelle Frauenarmut, auf die existenziellen Belastungen von Gefangenenfamilien und auf die politische Marginalisierung kurdischer Bevölkerungsteile.
Ursprung in Gefängnisbesuchen
Die Idee zur Kooperative entstand laut Yeter Erel Tuma, Vorsitzende von TUHAY-DER, bei Besuchen betroffener Familien. „Viele Frauen sagten uns: Wir können die Reisekosten nicht tragen, wir können unsere Angehörigen nicht mehr besuchen, die Armut nimmt uns das Letzte“, so Tuma. Aus diesem unmittelbaren Bedarf heraus sei die Initiative entstanden.
Eröffnung der Frauenkooperative Rawesta im Dezember 2025 © Bezirksverwaltung Payas
„Wir wollten keine Firma gründen, sondern ein Modell, das auf kollektiver Arbeit, gegenseitiger Unterstützung und lokaler Selbstermächtigung basiert.“ Ziel sei nicht nur wirtschaftliches Überleben, sondern der Aufbau eines alternativen, solidarischen Wirtschaftens, das verwurzelt ist in gemeinschaftlichen Werten und ökologischer Nachhaltigkeit. Der Leitsatz der Kooperative lautet: „Wir kennen den Wert von Arbeit, Ökologie und Solidarität.“
Kollektive Küche, kollektive Kraft
Derzeit liegt der Schwerpunkt auf der Produktion und Auslieferung von Speisen für Veranstaltungen, Beerdigungen, Versammlungen und soziale Einrichtungen. Das dabei erwirtschaftete Einkommen deckt die Betriebskosten und fließt zugleich in Unterstützungsstrukturen für Gefangene und deren Angehörige.
„Alle sieben Frauen, die derzeit hier arbeiten, haben Angehörige im Gefängnis“, so Tuma. „Sie organisieren sich, um finanziell unabhängiger zu werden und um überhaupt weiterhin Besuche machen zu können.“ Auch Gefangene aus Rojava und Rojhilat (West- und Ostkurdistan), die keine Angehörigen vor Ort haben, sollen künftig unterstützt werden. „Hier entsteht auch für jene, die keine Stimme haben, ein Raum der Solidarität.“
„Wir kennen den Wert von Arbeit, Ökologie und Solidarität.“
„Wir stehen auf eigenen Beinen – ohne Bittstellerin zu sein“
Für die Mitwirkenden bedeutet die Kooperative mehr als nur ein Arbeitsplatz. „Ich habe gelernt, dass wir uns auf unsere eigene Kraft verlassen können“, sagt die Gefangenenangehörige Aslı Çelebi. Die Arbeit gebe ihr nicht nur ein Einkommen, sondern auch das Gefühl von Gemeinschaft, Handlungsfähigkeit und Würde. „Wir bitten niemanden. Wir arbeiten, wir produzieren, wir teilen. Was wir aufbauen, gehört uns – und wir tun es füreinander.“
Langfristig will die Rawesta-Kooperative ihre Produktionskapazitäten erweitern, mehr Frauen einbinden und weitere Familien erreichen. Ziel sei es, die Idee auf andere Städte zu übertragen und ein solidarisches Netzwerk aufzubauen, das jenseits staatlicher Hilfslogiken funktioniert.
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