Abdi: Wir wollen internationale Garantien für die Umsetzung der Vereinbarungen
Mazlum Abdi hat eine gemeinsame internationale Linie zu Rojava gefordert. Er verlangt Garantien für die Umsetzung der Abkommen mit Damaskus, spricht von offenen Kanälen zur Türkei und nennt Frauenkräfte eine „rote Linie“.
Der Generalkommandant der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD), Mazlum Abdi, hat bei seinen Gesprächen auf der Münchner Sicherheitskonferenz eine abgestimmte internationale Haltung zu Nord- und Ostsyrien verlangt. „Unsere aktuelle Erwartung ist, dass sich eine gemeinsame Position zu Rojava herausbildet“, sagte Abdi im Interview mit Stêrk TV. „Wir konnten unsere Stimme allen vermitteln und wollen, dass Rojava Unterstützung erhält.“ Den Hintergrund skizzierte er mit Verweis auf die Sicherheitslage der letzten Wochen: Es habe massive Angriffe gegeben, weshalb eine reine Beobachterrolle externer Akteure aus Sicht der QSD nicht ausreiche.
Erstmalige offizielle Präsenz
Abdi bezeichnete die Teilnahme der kurdischen Selbstverwaltung Rojavas in München als politisch bedeutsam: „Wir wurden erstmals offiziell eingeladen und ich habe als Oberkommandierender der QSD teilgenommen.“ Zugleich, so Abdi, habe es Akteure gegeben, die diese Präsenz verhindern wollten.
Inhaltlich rückte er ein Datum in den Mittelpunkt: das Abkommen vom 29.
Januar. Dieses dürfe nicht unterlaufen werden. „Es darf keine Verletzung
der Vereinbarungen geben“, betonte Abdi. Mit Blick auf frühere
Rückschläge sagte Abdi sinngemäß, die Dynamik dürfe nicht erneut wie in
früheren Phasen zusammenbrechen, und leitete daraus die zentrale
Forderung ab: „Wir wollen von allen Seiten, besonders von den
Garantiemächten, verbindliche Zusicherungen.“
Nach seinen Angaben wurde genau dieser Punkt auch in Gesprächen mit den USA angesprochen. „Wir haben die Garantiefrage beim US-Außenminister aufgebracht und Unterstützung eingefordert.“ Entscheidend sei nun, dass internationale Akteure Umsetzung nicht nur politisch begrüßen, sondern praktisch absichern.
Kontakte zu Damaskus und offene Kanäle zur Türkei
Abdi erklärte, es habe bereits vor München Kontakte zu Vertretern in Damaskus gegeben; Gespräche in diesem internationalen Rahmen seien jedoch neu. Dabei zeichne sich eine Arbeitslinie ab, die von kurdischer Seite wie auch von der syrischen Regierung getragen werden könne. Zur regionalen Ebene sagte Abdi, die Beziehungen zu Nachbarstaaten befänden sich in einer neuen Phase. Mit Blick auf Ankara formulierte er vorsichtig, aber deutlich: „Für die Türkei gibt es offene Kanäle.“ Gleichzeitig verwies er auf die vergangenen Monate relativer Deeskalation und verband diese mit der Erwartung, dass die Türkei im weiteren Prozess konstruktiv handelt: „Wir wollen, dass die Türkei eine positive Rolle spielt.“
Waffenruhe, internationaler Druck und Einladung in die USA
Aus Abdis Sicht haben gesellschaftlicher Druck in Rojava, die Haltung der Diaspora und Positionierungen in Teilen der US-Politik die internationale Linie beeinflusst. Das habe zur Stabilisierung in Rojava beigetragen. „Der Waffenstillstand ist ein Ergebnis dieses Prozesses“, sagte er. Zudem bestätigte Abdi, dass es eine Einladung in die Vereinigten Staaten gebe: „Wir wurden in die USA eingeladen; wenn sich die Möglichkeit ergibt, können wir reisen.“ Ein solcher Besuch würde aus Sicht der QSD dazu dienen, Sicherheits- und Integrationsfragen auf höherer politischer Ebene verbindlicher zu machen.
Die Rolle Abdullah Öcalans
Ein weiterer Schwerpunkt von Abdis Aussagen betraf die politische Rolle des auf der türkischen Gefängnisinsel Imrali inhaftierten kurdischen Repräsentanten Abdullah Öcalan. Der QSD-Kommandant berichtete von mehreren Schreiben aus Imrali, die sich auf die Umsetzung des Abkommens vom 10. März bezogen, und folgerte: „Die syrischen Verantwortlichen sollten mit Imrali in einen Dialog treten.“ Parallel warnte Abdi vor dem Versuch, ethnische Konfliktlinien zu vertiefen: „Einige wollen einen kurdisch-arabischen Krieg auslösen.“ Trotz gewaltsamer Vorfälle dürfe diese Logik nicht dominieren, „da dies nicht bedeutet, dass Kurd:innen und Araber:innen Feinde sind“, sagte Abdi.
Er verwies auf lange Phasen gemeinsamen Zusammenlebens in Regionen wie Kobanê und Cizîrê. Seine politische Leitlinie sei, Fehler offen zu benennen, aber den gemeinsamen Rahmen nicht aufzugeben: „Wir werden Fehler korrigieren und gemeinsam eine gute Zukunft aufbauen.“
Kurdische Einheit und Frauenstrukturen als rote Linie
Abdi hob die Mobilisierung in der Bevölkerung und in der Diaspora während der schweren Angriffe in den vergangenen Wochen gegen die Selbstverwaltung in Nordostsyrien hervor. Diese habe die Außenwahrnehmung von Rojava verändert. Zugleich forderte er eine stärkere politische Bündelung kurdischer Kräfte: Nur mit geschlossenerer Organisation lasse sich der laufende Prozess stabil gestalten.
Nicht verhandelbar sei aus seiner Sicht die Rolle von Frauen in den Sicherheitsstrukturen. „Die Frauenkraft ist unsere rote Linie“, sagte Abdi. In den Gesprächen mit Damaskus hätten die QSD gefordert, „dass in jeder Brigade eine Fraueneinheit vorhanden sein muss“. Bis zu einer klaren gesetzlichen Regelung solle diese Praxis fortgeführt werden.
„Kein Rückzug, bis der Status gesichert ist“
Zum Abschluss stellte Abdi den Gesamtprozess als lang und konflikthaft dar, zugleich aber als politisch offen. „Die Revolution verläuft nicht immer ohne Unterbrechungen“, sagte er. Ein Rückzug komme nicht in Frage: „Unser Volk darf keinen Schritt zurückgehen.“ Sein Schlusssatz setzte die Richtung: „Die bisherigen Errungenschaften reichen nicht aus; der Kampf geht weiter, bis unser Status gestärkt ist.“
Kommentare
Kommentar veröffentlichen