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Heyva Sor a Kurd: Krankenhauspersonal in Şêxmeqsûd verschleppt

 


Drei Mitarbeiter von Heyva Sor a Kurd wurden verschleppt, das gesamte Personal des Xalid-Fecir-Krankenhauses soll sich in Gefangenschaft befinden. Şêxmeqsûd und Eşrefiyê sind vollständig abriegelt, 120.000 Menschen wurden zur Rückkehr nach Efrîn gezwungen

Ezidische Familien unter Zwang zurück nach Efrîn
 
ANF / REDAKTION, 14. Jan. 2026.

Bei den Angriffen auf die mehrheitlich kurdisch bewohnten Stadtteile Şêxmeqsûd und Eşrefiyê in der vergangenen Woche in Aleppo haben Truppen der syrischen Übergangsregierung gemeinsam mit verbündeten Dschihadistenmilizen schwere Kriegsverbrechen begangen. Nachweislich wurden dabei medizinische Einrichtungen bombardiert und Zivilist:innen gezielt getötet. Auch medizinisches Personal sowie Mitarbeiter der Hilfsorganisation Heyva Sor a Kurd wurden verschleppt. Ihr Verbleib ist weiterhin ungeklärt.

Ins Visier der Angreifer geriet unter anderem das Xalid-Fecir-Krankenhaus. Die Klinik in Şêxmeqsûd wurde mehrfach bombardiert und ist nicht mehr funktionsfähig. Zum Zeitpunkt der Angriffe befanden sich dort zahlreiche Verwundete und Zivilist:innen. Die verschleppten Mitarbeiter des Kurdischen Roten Halbmonds – die beiden Sanitäter Abdulrahman Muhammad und Rami Hussein al-Ali sowie der Fahrer Youssef Hanan Hakmo – wurden ganz in der Nähe des Krankenhauses auf dem Weg zu einem Verletztentransport entführt.

Der Ko-Vorsitzende Dilgeş Îsa erklärte gegenüber der Zeitung Yeni Özgür Politika, man habe den Vorgang internationalen Gremien gemeldet, darunter dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz, den zuständigen UN-Mechanismen in Genf sowie der syrischen Übergangsregierung. Bei einem Anrufversuch auf das Telefon eines der Verschleppten habe sich ein Unbekannter gemeldet. Auf die Frage, wo der Betroffene sei, habe er nur spöttisch geantwortet: „Er ist hier – kommt ihn doch holen.“

Dilgeş Îsa

Kein Kontakt nach Şêxmeqsûd und Eşrefiyê

Nach aktuellen Erkenntnissen starb bei einem der Bombardements gegen das Xalid-Fecir-Krankenhaus eine weibliche medizinische Fachkraft. Das gesamte restliche Personal der Einrichtung wurde laut Heyva Sor a Kurd verschleppt. Auch im Osman-Krankenhaus kamen zwei weitere Beschäftigte ums Leben, sie sollen hingerichtet worden sein. Zudem gibt es Hinweise, dass Getötete nach den Angriffen verbrannt wurden. In den betroffenen Stadtteilen ist die Kommunikation vollständig zusammengebrochen – Telefon- und Internetverbindungen sind unterbrochen, der Zugang in die Stadtteile ist blockiert. Wie viele Menschen getötet oder verschleppt wurden, lässt sich bislang nicht verlässlich beziffern.

Evakuierungen unter Beschuss

Trotz anhaltender Angriffe bereitete Heyva Sor a Kurd ab dem dritten Tag der Offensive Evakuierungsmaßnahmen vor. Am 8. Januar erreichte der erste Transport eines Hilfskonvois die Gemeinde Dair Hafir, wurde dort jedoch 48 Stunden lang blockiert und beschossen. Erst ein temporärer Waffenstillstand ermöglichte die Evakuierung von Verwundeten und Toten in Gebiete der Demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien.

Der am 11. Januar eingetroffene Konvoi brachte 118 Verletzte und zwei Leichname in Sicherheit. Parallel dazu konnten 750 Zivilist:innen aus 181 Familien mit sieben Bussen aus den belagerten Gebieten evakuiert werden. Zehn Schwerverletzte wurden über den Grenzübergang Sêmalka nach Südkurdistan gebracht, um dort medizinisch versorgt zu werden. Die übrigen Verletzten wurden auf Kliniken in Tabqa, Raqa und Hesekê verteilt.

Hilfsbedarf wächst – Lager überfüllt

Viele Evakuierte wurden bei Verwandten in Städten wie Raqqa, Hesekê, Qamişlo oder Tabqa aufgenommen. Andere fanden Zuflucht in den Flüchtlingslagern Azadî und Têkoşîn. Dort ist die Versorgungslage angespannt. „Vor allem Kinder stehen unter starkem psychischem Druck. Unsere Teams leisten auch psychologische Erste Hilfe“, so Îsa. Allein im Camp Têkoşîn wurden bislang 49 Familien und 115 Verletzte aufgenommen. Die Zahl steigt weiter. Bereits seit Dezember leben in dem Camp auch rund 175 Familien aus Şehba, die nach der Machtübernahme durch die Islamistenmiliz „Hayat Tahrir al-Sham“ (HTS) in Damaskus in der Region Schutz suchten. Die humanitären Kapazitäten sind erschöpft.

Menschen verschwinden

Wie viele Menschen sich vor Beginn der Angriffe in Şêxmeqsûd und Eşrefiyê aufhielten, ist unklar – viele waren bereits zuvor aus Efrîn oder Şehba geflüchtet. Auch über das ganze Ausmaß der Angriffe und Opferzahlen gibt es weiterhin keine verlässlichen Informationen. Es sei von zahlreichen getöteten und verschleppten Personen auszugehen, so Heyva Sor a Kurd. Die Behörden der Selbstverwaltung erhalten demnach fortlaufend Anfragen von Angehörigen nach dem Verbleib vermisster Familienmitglieder.

„Wir wissen, dass systematisch vor allem junge und mittelalte Männer verschleppt werden“, sagt Îsa. In Aleppo und Umgebung fänden derzeit gezielte Identitätskontrollen statt. Personen kurdischer Herkunft oder mit Wohnsitz in Şêxmeqsûd und Eşrefiyê seien besonders gefährdet. Rund 120.000 Menschen – viele ursprünglich aus Efrîn und Şehba – wurden laut Îsa zur Rückkehr nach Efrîn gezwungen. Nur ein kleiner Teil habe es in Gebiete der Selbstverwaltung geschafft. In Şêxmeqsûd und Eşrefiyê lebende Menschen hätten keinen Zugang zu Nahrung oder medizinischer Versorgung und seien dringend auf Hilfe angewiesen.

Massaker an 14-köpfiger Familie

Lokale Gremien berichteten der Nachrichtenagentur ANHA von einem Massaker an einer 14-köpfigen Familie im Stadtteil Şêxmeqsûd. Auch in anderen Teilen Aleppos dauern Festnahmen an. Die Täter gehen laut Quellen mit äußerster Brutalität vor.

Ezidische Familien unter Zwang zurück nach Efrîn

Parallel dazu wurden nach Angaben der Freien Ezidischen Stiftung rund 800 ezidische Familien gewaltsam in das türkisch-dschihadistisch besetzte Efrîn zurückgebracht. Der Kontakt zu ihnen ist abgebrochen, ihr aktueller Aufenthaltsort unbekannt. Weitere 400 ezidische Familien sitzen derzeit in Aleppo fest.

Meryem Cirdi vom Mala Êzîdiya für Efrîn warnte, dass sich angesichts der Situation die Verbrechen des sogenannten Islamischen Staates (IS) aus dem Jahr 2014 in Şengal – insbesondere sexualisierte Gewalt und Versklavung – wiederholen könnten. Eine Quelle aus der Region, die aus Sicherheitsgründen anonym bleiben möchte, berichtete, dass Männer systematisch von Frauen und Mädchen getrennt würden – ein Vorgehen, das dem Muster des IS bei seinem Genozid an den Ezid:innen entspricht. Menaf Cafo vom Ezidischen Haus in Aleppo sagte gegenüber dem Sender Rudaw, er habe in der Stadt erneut IS-Flaggen gesehen.

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