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Alevitische Organisationen fordern humanitären Korridor nach Syrien

 


Alevitische Verbände haben an der türkisch-syrischen Grenze vor einem drohenden Völkermord an den Alawit:innen in Syrien gewarnt. Sie fordern einen humanitären Korridor und die Einsetzung einer unabhängigen Untersuchungskommission

Protest an der Grenze
 
ANF / HATAY, 3. Jan. 2026.

Alevitische Organisationen aus der Türkei haben bei einer Kundgebung am Grenzübergang Yayladağı die internationale Gemeinschaft zum Handeln aufgerufen. Anlass ist die eskalierende Gewalt gegen Alawit:innen in Syrien, die laut den Initiatoren ein systematisches Vorgehen mit genozidalen Zügen darstellt.

Zu der Aktion an dem türkisch-syrischen Grenzübergang versammelten sich Vertreter:innen aus Hatay, Adana und Mersin, darunter zahlreiche zivilgesellschaftliche Organisationen und Verbände. Die Gruppe forderte unter anderem die Öffnung eines humanitären Hilfskorridors, die Einsetzung einer unabhängigen Untersuchungskommission sowie internationale Reaktionen auf die anhaltenden Übergriffe.

„Systematische Angriffe auf Alawit:innen“

Die gemeinsame Erklärung wurde von Hamit Karaoğullarından, dem Vorsitzenden des Solidaritätsvereins der arabischen Alevit:innen (AHAD-DER) verlesen. Er berichtete von Überfällen auf alawitische Dörfer in Syrien seit der Machtübernahme der islamistischen HTS-Regierung im Dezember 2024, von Morden an Zivilist:innen, Vergewaltigungen, Entführungen sowie der Zerstörung religiöser Stätten. „Diese Angriffe sind Teil einer geplanten und systematischen Vernichtungspolitik, die gezielt gegen eine Glaubensgemeinschaft gerichtet ist“, so Karaoğullarından. Er zog Parallelen zu früheren Gewaltexzessen gegen Alevit:innen in der Türkei, etwa in Gurgum (tr. Maraş), Çorum und Sêwas (Sivas), und kritisierte die anhaltende Straflosigkeit sowie das Schweigen von Staat und Gesellschaft.

Forderung nach Aufklärung und internationalem Handeln

Zu den konkreten Forderungen der alevitischen Organisationen zählen:

▪ Einsetzung einer unabhängigen Untersuchungskommission unter Beteiligung von Menschenrechtsorganisationen, Akademiker:innen, Religionsgemeinschaften und Politiker:innen – etwa unter dem Dach des türkischen Parlaments

▪ Sofortiges Ende der Angriffe auf Alawit:innen in Syrien

▪ Einrichtung sicherer humanitärer Korridore für Alawit:innen und andere bedrohte Minderheiten

▪ Abkehr von sektiererischer Politik in der Region

▪ Klares Eingreifen der Vereinten Nationen und internationaler Organisationen

„Wer schweigt, macht sich mitschuldig“

In deutlichen Worten wandte sich Mustafa Aslan, Vorsitzender der Alevi-Bektaşi-Föderation, gegen die türkische Regierung. Er warf Ankara vor, Gruppierungen in Syrien unterstützt zu haben, die nun Massaker an Alawit:innen verübten. „Diese Täter wurden in der Türkei ausgebildet, unterstützt und groß gemacht. Wer ihnen heute nicht entgegentritt, ist Teil ihres Verbrechens“, sagte Aslan. „Wir rufen seit einem Jahr: In Syrien findet ein Massaker statt! Die Welt darf nicht länger wegsehen.“

Parlamentsabgeordnete und Bürgermeister fordern Kommission

Celal Fırat, Abgeordneter der DEM-Partei, erklärte, seine Fraktion habe das Thema mehrfach im Parlament eingebracht, doch Initiativen zur Bildung einer parteiübergreifenden Kommission seien abgelehnt worden. „Es braucht eine Delegation aus Abgeordneten und zivilgesellschaftlichen Organisationen, die sich ein Bild vor Ort macht“, so Fırat. Auch Samandağs Bürgermeister Emrah Karaçay (TIP) bezeichnete die Vorgänge in Syrien als versuchten kulturellen und religiösen Genozid: „Ein Volk, ein Glaube soll ausgelöscht werden. Wir werden unseren Widerstand dagegen verstärken.“

Celal Fırat

Zivilgesellschaftlicher Schulterschluss

Breite Unterstützung erhielt der Protest auch von zivilgesellschaftlichen Gruppen. Seda Yüce, Sprecherin der Europäischen Föderation der Arabischen Alevit:innen, nannte die Vorgänge in Syrien Verbrechen gegen die Menschlichkeit und forderte ein Ende selektiver Menschenrechtspolitik: „Die Leben von Alevit:innen bzw. Alawit:innen sind nicht verhandelbar. Diese Verbrechen werden nicht vergessen und sie werden nicht ungesühnt bleiben.“

Mert Titiz, Ko-Vorsitzender der Partei des Sozialistischen Wiederaufbaus (SYKP), sprach von einem notwendigen Schulterschluss aller progressiven Kräfte, darunter Demokrat:innen, Sozialist:innen, Kurd:innen und religiösen Minderheiten, gegen die aktuelle Gewaltpolitik. Çetin Yalçınkaya, Vertreter der Plattform für Arbeit und Demokratie in Antakya, forderte ein inklusives politisches Modell für Syrien: „Ein friedliches Syrien braucht Gleichberechtigung, Teilhabe und das Ende aller sektiererischen und diskriminierenden Politiken.“

Anmerkung: Im Türkischen gibt es keine sprachliche Unterscheidung zwischen „Alevitentum“ und „Alawitentum“, beides sind jedoch zwei verschiedene Religionsgemeinschaften.

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