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Alawitischer Widerstand in Syrien: Neue Dynamik für föderalen Umbau

 


Der Autor Aziz Tunç warnt vor den Angriffen auf Alawit:innen in Syrien, die „genozidähnliche Dimensionen“ angenommen hätten. Zugleich sieht er im wachsenden Widerstand der Gemeinschaft eine Chance für eine demokratische und föderale Neuordnung Syriens.

Aziz Tunç: Widerstand als gesellschaftliche Gegenmacht
 
ANF / REDAKTION, 4. Jan. 2026.

Seit dem Sturz der syrischen Regierung unter Baschar al-Assad im Dezember 2024 sieht sich die alawitische Bevölkerung in Syrien einer Welle gezielter Gewalt ausgesetzt. Der kurdische Autor und Journalist Aziz Tunç spricht in diesem Zusammenhang von einem „koordinierten Versuch, die religiöse Minderheit zu zerschlagen“. Die Angriffe, darunter Massaker, Entführungen, Hausdurchsuchungen, Plünderungen und Vertreibungen, hätten inzwischen „genozidähnliche Dimensionen“ erreicht, so Tunç.

Unmittelbar nach der Machtübernahme durch den selbsternannten Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa begann dessen Islamistenmiliz „Hayat Tahrir al-Sham“ (HTS) organisierte Angriffe auf Dörfer und Stadtteile in den Regionen rund um Homs, Latakia und Tartus, die sich im März 2025 in großflächigen Massakern kulminierten. Tunç sieht darin eine „politisch gewollte Strategie der ethnisch-religiösen Säuberung“.

„Alawitische Selbstorganisierung war unausweichlich“

Angesichts der Angriffe sei Widerstand für viele Alawit:innen zur Überlebensstrategie geworden. Die Gemeinschaft habe sich nach anfänglicher Zurückhaltung neu organisiert – mit sichtbaren Auswirkungen. Laut Tunç wirkten dabei insbesondere die Erfahrungen aus Rojava mit dem kurdischen Selbstverwaltungsmodell sowie der Widerstand der drusischen Bevölkerung in Suweida als wichtige moralische und praktische Bezugsquellen.

„Die Solidarität mit anderen Minderheiten hat nicht nur Kraft gespendet, sondern auch konkrete Wirkung gezeigt: Der fünftägige Generalstreik war ein deutliches Signal“, sagte Tunç. Der alawitische Widerstand beschränke sich dabei nicht nur auf Proteste oder symbolische Aktionen, sondern sei verbunden mit organisatorischer Selbststärkung, politischer Willensbildung und einer wachsenden Bereitschaft, föderale und dezentrale Regierungsformen aktiv einzufordern.

Föderalismus als gemeinsame Perspektive

Ein zentrales Ergebnis dieser Entwicklung sei laut Tunç die offene Forderung nach einem föderalen Umbau Syriens. „Die Alawit:innen akzeptieren kein zentralistisch autoritäres Syrien mehr“, so Tunç. „Wie zuvor bereits Kurd:innen und Drus:innen sprechen sie sich nun offen für eine föderale, dezentral organisierte Staatsstruktur aus – als Antwort auf die Bedrohung durch eine islamistische Zentralherrschaft.“

Diese Haltung sei nicht nur ein Akt der Selbstverteidigung, sondern ein konstruktiver Vorschlag für ein friedliches Zusammenleben der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. „Föderale Modelle könnten die Grundlage eines pluralistischen, demokratischen Syriens bilden“, betont Tunç. Ein solcher Umbau würde auch den Einfluss extremistischer Kräfte nachhaltig schwächen.

Kritik an Toleranz gegenüber HTS

Tunç fordert die internationale Gemeinschaft auf, den alawitischen Widerstand ernst zu nehmen. Länder wie die USA, Russland, Israel und mehrere europäische Staaten begegneten HTS nach wie vor mit faktischer Tolerierung, als sei die Gruppe eine hinzunehmende Realität in Syrien. Doch diese Haltung sei nicht Ausdruck politischer Anerkennung, sondern zeuge eher von Unsicherheit.

„Die internationale Gemeinschaft vertraut HTS nicht wirklich, und man erkennt, dass der Gruppe keine langfristige Legitimität zugestanden wird“, sagt Tunç. Innerhalb der Gesellschaft Syriens genieße HTS ohnehin keinerlei Rückhalt – weder unter Alawit:innen, noch unter Kurd:innen oder anderen Bevölkerungsgruppen. „Dass diese Miliz nur durch militärische Unterstützung, in erster Linie durch die Türkei, überhaupt handlungsfähig bleibt, ist kein Geheimnis.“

Es sei an der Zeit, dass die internationalen Akteure ihre Politik gegenüber HTS neu bewerten. Tunç betont, dass sich eine dauerhafte Stabilität in Syrien nicht auf der Grundlage einer islamistischen Führungsmacht erreichen lasse, die große Teile der Bevölkerung ausschließe oder bedrohe. „Der Widerstand der Alawit:innen, aber auch der Kurd:innen und Drus:innen, zeigt, dass die Bevölkerung diese Struktur nicht akzeptiert. Der Westen wird sich dieser Realität stellen müssen.“

Widerstand als Motor demokratischer Umgestaltung

Tunç unterstreicht zudem, dass der alawitische Widerstand nicht als sektiererische Bewegung missverstanden werden dürfe. Vielmehr handle es sich um eine politische Bewegung mit übergreifender Bedeutung für alle Bevölkerungsgruppen im Land. „Dies ist nicht nur ein Überlebenskampf der Alawit:innen. Es ist ein Kampf um ein demokratisches Syrien, in dem alle gleichberechtigt leben können.“

Dieser Kampf werde mittelfristig auch das Verhältnis internationaler Akteure zu HTS und zu ihren bisherigen Allianzen verändern. Eine anhaltende Ignoranz gegenüber der realen gesellschaftlichen Dynamik könne nicht Grundlage einer zukunftsfähigen Syrien-Politik sein. „HTS wird scheitern, ob mit oder ohne Unterstützung von außen. Was bleibt, ist die Frage, ob die internationale Gemeinschaft sich frühzeitig an der Gestaltung eines föderalen, demokratischen Syriens beteiligt, oder ob sie weiterhin auf das falsche Pferd setzt.“

Aufruf an die Diaspora

Zum Schluss ruft Aziz Tunç die alawitische sowie die alevitische Bevölkerung in der Türkei, Diasporagruppen in Europa und alle demokratischen Kräfte zur Unterstützung auf: „Der Kampf um Rechte und Sicherheit in Syrien ist auch ein europäisches und ein innertürkisches Thema. Wer Demokratie sagt, darf zu diesem Widerstand nicht schweigen.“

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