Sebahat Tuncel: „Der Frauenkampf braucht eine neue Perspektive“
Im Vorfeld des 25. November mahnt TJA-Aktivistin Sebahat Tuncel einen grundlegenden Perspektivwechsel im feministischen Kampf an. Patriarchale Gewalt nehme trotz öffentlicher Proteste weiter zu, betont sie und fordert eine radikale Neuorganisierung.
Anlässlich des 25. November – dem Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen – hat die kurdische Politikerin und Aktivistin Sebahat Tuncel eine kritische Bilanz des gegenwärtigen feministischen Kampfes gezogen. Im Gespräch mit ANF betonte sie, dass der aktuelle Umgang mit patriarchaler Gewalt nicht ausreiche, um tatsächlich Veränderungen herbeizuführen. „Wenn sich das Ergebnis nicht verändert, müssen wir unsere Methoden überdenken“, so Tuncel.
„Nur zu protestieren reicht nicht mehr“
Tuncel, die der Bewegung freier Frauen (Tevgera Jinên Azad, TJA) angehört, stellt fest, dass Gewalt gegen Frauen weiter zunehme – trotz öffentlicher Aufmerksamkeit, trotz Aktionstagen, trotz Protest. Die Reaktion auf diese Realität müsse eine Neuausrichtung sein. Es brauche einen umfassenderen, tiefergreifenden Kampf, der das patriarchale System nicht nur punktuell kritisiert, sondern grundsätzlich herausfordert.
„Wir haben gesagt, wir werden keine Särge mehr tragen. Doch seither haben wir viele Frauen zu Grabe getragen. Das ist ein ernstes Problem“, so Tuncel.
Sebahat Tuncel
Der Druck patriarchaler Machtstrukturen nehme zu. Frauen würden ihrer Lebensperspektive beraubt – durch physische, psychische, ökonomische und strukturelle Gewalt. „Wir müssen uns fragen: In was für einer Welt wollen wir leben? Und was sind wir bereit dafür zu tun?“, so die TJA-Aktivistin. Es sei Zeit, über bloßen Protest hinauszugehen, gemeinsam neue Organisationsformen zu schaffen und so eine feministische Gesellschaft aktiv aufzubauen.
„Wir stehen einer hoch organisierten Männlichkeit gegenüber“
Tuncel hebt hervor, dass die patriarchale Herrschaft in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens tief verwurzelt und gut organisiert sei – ob in Politik, Justiz, Wirtschaft oder Medien. Demgegenüber brauche es ein neues Maß an Widerstand, Organisierung und kollektiver Praxis: „Wir müssen Mauern durchbrechen. Und dafür müssen wir als Frauen näher zusammenrücken.“
Die Veränderung betreffe jedoch nicht nur Frauen. Auch Männer müssten sich in die Pflicht nehmen lassen – nicht als Alibi-Figuren, sondern mit der klaren Aufforderung zur Selbstveränderung: „Was wir erleben, ist kein Frauenproblem, es ist ein Problem der Männlichkeit“, so Tuncel. „Solange sich Männer nicht wandeln, ändert sich auch das Leben der Frauen nicht.“
Sie verweist auf eine gewaltvolle Normalität, die durch kapitalistische Produktionslogik, politische Repression und mediale Instrumentalisierung weiter reproduziert werde – oft unter dem Deckmantel von Ordnung, Religion oder nationalem Interesse.
Ravive, Dilovası: Arbeitermorde als Ausdruck patriarchaler Herrschaft
Als Beispiel nennt Tuncel den Tod von sechs Arbeiterinnen, darunter drei Minderjährige, bei einem Brand in einem Parfümlager in Dilovası bei Kocaeli. Für sie ist der Vorfall kein tragischer Einzelfall, sondern ein Symptom: „Es ist eine Form von strukturellem Femizid – ein Arbeitsmord, der auf Kosten des Profits begangen wurde und auf patriarchale Strukturen verweist.“
Sie fordert, den Frauenkampf auch in der Arbeitswelt zu verankern – in der Sichtbarmachung von Care-Arbeit, in gerechten Löhnen, in gewerkschaftlicher Mitbestimmung. Gleichstellung sei kein Nebenschauplatz, sondern Bedingung für Demokratie.
„Frieden ist die zentrale Forderung aller Frauen“
Ein weiterer zentraler Aspekt in Tuncels Analyse: der Zusammenhang zwischen Krieg, staatlicher Gewalt und patriarchaler Unterdrückung. Der Krieg raube Frauen Räume, Rechte und Leben – nicht nur an der Front, sondern auch in Familien, im Alltag, im Rechtssystem. Deshalb sei der Ruf nach Frieden untrennbar mit dem Kampf gegen Männergewalt verbunden: „Wir haben mit Tausenden Frauen gesprochen: Frieden ist die zentrale Forderung aller. Doch das Vertrauen in die Politik fehlt, und das hat Gründe.“
Die Erfahrungen der letzten zehn Jahre – Repression, Justizwillkür, die Einschränkung demokratischer Freiheiten – hätten das Vertrauen der Gesellschaft in die Institutionen geschwächt. Dennoch: „Die Frauen stehen nicht still. Sie rufen auf den Straßen nach Frieden. Sie demonstrieren, fordern, organisieren“, so Tuncel.
Gesetzliche Grundlagen schaffen – Verantwortung liegt beim Staat
Für einen glaubwürdigen Friedensprozess brauche es konkrete politische Schritte: „Der Besuch der Kommission auf Imrali muss stattfinden. Gespräche mit Abdullah Öcalan sind zentral. Es braucht ein Friedensgesetz, es braucht gesetzliche Rahmenbedingungen.“
Tuncel erinnert daran, dass frühere Friedensinitiativen an fehlenden Garantien gescheitert seien – wie etwa die Rückkehr von Guerillakämpfer:innen, die inhaftiert wurden, obwohl sie ihre Waffen niedergelegt hatten. Auch heute würden selbst Urteile des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) und des Verfassungsgerichts nicht umgesetzt. „Das ist nicht nur ein Problem der Kurd:innen. Frieden, Demokratie, Freiheit betrifft die ganze Türkei.“
„Wollen wir wirklich Frieden?“
Sie warnt: Wer bei der Entrechtung einer Gruppe wegschaut, wird später selbst betroffen sein. „Was mit kurdischen Politiker:innen begann, trifft heute auch Abgeordnete der CHP. Was mit Zwangsverwaltung in kurdischen Kommunen begann, wird heute landesweit angewendet.“
Sebahat Tuncel beendet das Gespräch mit einer grundsätzlichen Frage: „Wollen wir wirklich, dass die Waffen schweigen? Dann muss die Türkei antworten – nicht nur die Kurd:innen.“
Kommentare
Kommentar veröffentlichen