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Konferenz über Wege zum demokratischen Zusammenleben in Mesopotamien


In Mêrdîn diskutieren Politiker:innen, Journalist:innen und Intellektuelle über Wege zum demokratischen Zusammenleben in Mesopotamien. Die Zusammenkunft will Perspektiven für eine friedliche, plurale Zukunft in der Türkei und der Region formulieren.

Ahmet Türk warnt vor islamistischer Herrschaft in Syrien
 
ANF / MÊRDÎN, 11. Okt. 2025.

In der kurdischen Stadt Mêrdîn (tr. Mardin) hat am Samstag eine mehrsprachige Konferenz der Initiative für Demokratische Einheit begonnen. Unter dem Titel „Völker, Glaubensgemeinschaften und das demokratische Zusammenleben in Mesopotamien“ versammelten sich Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Zivilgesellschaft und verschiedenen ethnisch-religiösen Gruppen, um über Perspektiven eines gemeinsamen, demokratischen Lebens in der Region zu beraten.

Die Veranstaltung wurde mit Grußworten in Türkisch, Kurdisch, Arabisch, Syrisch-Aramäisch und Armenisch eröffnet – ein symbolischer Auftakt für den Anspruch auf kulturelle und sprachliche Vielfalt, der die Konferenz prägt. Die Reden betonten die Bedeutung eines gemeinsamen demokratischen Zusammenlebens, die Notwendigkeit kurdischer Einheit und die zentrale Rolle eines friedlichen politischen Prozesses im Nahen Osten.

„Ein neues, demokratisches Zusammenleben ist möglich“

Die Ko-Sprecherin der Initiative, Gülcan Kaçmaz Sayyiğit, verwies auf den „Aufruf für Frieden und eine demokratische Gesellschaft“, den Abdullah Öcalan am 27. Februar veröffentlicht hatte. Dieser Aufruf sei nicht nur an die Türkei oder das kurdische Volk gerichtet, sondern an die gesamte Region und Welt. „Er zeigt, dass ein neues Leben, ein demokratisches Zusammenleben, möglich ist“, so Sayyiğit. Die Initiative verstehe sich als Teil dieses gesellschaftlichen Aufbaus. Trotz Assimilations- und Verdrängungspolitiken sei es möglich gewesen, in Mêrdîn eine Kultur des gemeinsamen Widerstands und der Koexistenz aufrechtzuerhalten. „Wir verfügen über das Wissen, die Erfahrung und die Stärke, diesen historischen Prozess gemeinsam zu gestalten“, erklärte sie.

Kamaç: Für ein Zusammenleben aller Völker und Glaubensgemeinschaften

Mehmet Kamaç, ebenfals Sprecher der Initiative, betonte, dass die Arbeit für ein gleichberechtigtes Miteinander über Jahre hinweg gewachsen sei. „Heute werden Menschen mal als Armenier, mal als Kurden oder als Aleviten zur Zielscheibe – das zeigt, wie wichtig ein gemeinsames Leben aller Gemeinschaften ist.“ Ziel sei eine Gesellschaft, in der ethnische und religiöse Vielfalt nicht als Bedrohung, sondern als Stärke begriffen werde. Er zeigte sich überzeugt, dass die Initiative wachsen und sich zu einem landesweiten Kongress entwickeln werde. „Wir stehen an der Schwelle eines Wandels im Nahen Osten, und dieser Wandel kann friedliches, gleichberechtigtes Zusammenleben ermöglichen“, sagte Kamaç.

Türk: Souveränität der Kurden in Syrien darf nicht an Islamisten fallen

Der abgesetzte Bürgermeister von Mêrdîn, Ahmet Türk, richtete in seinem Redebeitrag scharfe Worte an die türkische Regierung und äußerte sich mit Nachdruck zur politischen Lage in Syrien. Die Demokratische Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien (DAANES) bezeichnete er als „rote Linie“, deren Schutz nicht nur im Interesse der Kurd:innen, sondern der gesamten Region liege.

Mit Blick auf die Entwicklungen im Nachbarland warnte Türk eindringlich vor einem Erstarken islamistischer Gruppen: „Statt kurdischer Selbstverwaltung soll nun ‚Hayat Tahrir al-Sham‘ (HTS) an der Grenze zur Türkei stehen – eine Gruppierung, aus der sich die sogenannte Übergangsregierung in Syrien gebildet hat. Doch HTS ist nichts anderes als ein radikal-islamistisches Bündnis ohne demokratische Legitimität, ohne Polizei, ohne Armee, ohne irgendeine zivile Struktur. Wer soll die Sicherheit der Bevölkerung garantieren, wenn nicht sie selbst?“

Die türkische Forderung nach Entwaffnung der Militärverbände in der DAANES sei unter diesen Umständen realitätsfern, so Türk. „Die Kurd:innen haben nicht zum Angriff, sondern zur Verteidigung gegriffen. Sie haben keine Armee aufgestellt, sondern sich vor Vertreibung und Angriffen geschützt. Es ist absurd, von ihnen jetzt Entwaffnung zu verlangen, während gleichzeitig radikale Islamisten freie Hand bekommen“, sagte er und richtete einen Appell an die Regierung in Ankara: „Wenn es darum geht, wer an der Grenze zur Türkei stehen soll – dann lieber die Kurd:innen als HTS. Wovor hat man Angst? Wird die Welt untergehen, wenn die Kurd:innen ihre eigene Zukunft gestalten?“

Aufruf zur kurdischen Einheitsfront

Türk betonte zudem die Notwendigkeit einer politischen und organisatorischen Einheit aller kurdischen Kräfte in der Region – über Parteigrenzen und Landesgrenzen hinweg. „Wir brauchen einen gemeinsamen Weg – zwischen Parteien in allen vier Teilen Kurdistans. Nur wenn wir gemeinsam handeln, können wir historische Chancen nutzen.“

Dabei richtete Türk auch deutliche Worte an die demokratischen Kräfte in der Türkei: „Zivilgesellschaft, politische Bewegungen und lokale Führungsstrukturen – ob Intellektuelle, Älteste oder Glaubensvertreter:innen – sie alle müssen jetzt Verantwortung übernehmen. Es reicht nicht, am Rand zu stehen. Es geht um die Zukunft der gesamten Region.“

Die aktuelle Phase sei historisch: „Solche Gelegenheiten kommen vielleicht einmal in hundert Jahren. Wenn wir sie nicht nutzen, hinterlassen wir unseren Kindern Dunkelheit statt Perspektiven“, sagte Türk.

Konferenz als Plattform für Vielfalt und Friedensimpulse

Auch weitere Redner:innen betonten die Bedeutung gemeinsamer politischer Prozesse. Pakrat Estukyan, Redakteur der armenischsprachigen Seiten der Zeitung Agos, verwies auf die historische Verfolgung der Armenier:innen und die andauernde Politik der kulturellen Verleugnung. Ein friedliches Zusammenleben sei nur durch ein Ende des „Einheitsdenkens“ möglich. Der Aufruf zu Frieden und Demokratie Öcalans sei daher auch für Armenier:innen, Suryoye, Araber:innen und andere Minderheiten von Bedeutung.

Eyüp Burç, Chefredakteur des oppositionellen Senders Ilke TV und Angehöriger der ezidischen Gemeinschaft, kritisierte die Rolle nationalstaatlicher Ideologien in der Region. Er plädierte dafür, dass sich verschiedene Gemeinschaften aus ihrer eigenen Perspektive kennenlernen sollten, statt nur aus der Sicht Dritter. „Nur durch gegenseitiges Verstehen kann eine demokratische Gesellschaft entstehen“, sagte er.

Der Sprachwissenschaftler Ömer Gültekin betonte die zentrale Bedeutung der Muttersprache im Friedensprozess. „Wir sind keine farbigen Elemente eines Landes, sondern Menschen mit Herkunft und Sprache. Wenn es Frieden geben soll, muss er auch in der Muttersprache stattfinden können.“

Yüksel Genç, Koordinatorin des Zentrums für soziopolitische Feldforschung, analysierte die komplexen Krisen in der Region: ethnische Konflikte, religiöse Spannungen, ungleiche Verteilung von Ressourcen. Eine Rückkehr zu gesellschaftlicher Pluralität sei der Weg aus dieser Spirale. „Wir müssen dorthin zurück, wo wir unser gemeinsames Leben verloren haben“, sagte Genç. Dabei verwies sie auf das von Abdullah Öcalan formulierte Konzept einer „demokratischen Nation“, das Alternativen zur herrschenden Staatslogik biete.

Ausblick

Die Konferenz in Mêrdîn wird mit thematischen Panels und Arbeitsgruppen fortgesetzt, auch am Sonntag. Die Initiative kündigte an, aus der Veranstaltung konkrete politische Handlungsperspektiven für ein breiteres gesellschaftliches Bündnis in der Türkei und der Region ableiten zu wollen. Ein entsprechendes Positionspapier soll nach Abschluss der Zusammenkunft veröffentlicht werden.

 

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