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Zwischen Mangel und Engagement: Gesundheitsarbeiten in Nordostsyrien



In Nordostsyrien kämpfen medizinische Einrichtungen mit Mangel an Personal, Medikamenten und Infrastruktur. Die Frauenorganisation WJAS betreibt mit ihren Ari-Kliniken Orte der Versorgung und Hoffnung – trotz Embargo, Krieg und wachsendem Bedarf.

Gesundheitsarbeit für Frauen und Kinder – Ari-Kliniken bitten um Unterstützung
 
ANF / HESEKÊ, 1. Aug. 2025.

Nach jahrelangem Terror durch den sogenannten „Islamischen Staat“ und permanenten Angriffen des türkischen Staates wird die Gesundheitsversorgung in Nord- und Ostsyrien wieder aufgebaut. Zahlreiche Kliniken wurden zerstört und auch neu geschaffene Strukturen, die sich teilweise noch im Aufbau befanden, wurden von der Türkei attackiert.

Das (Wirtschafts-)Embargo erschwert es, medizinische Geräte und Medikamente in ausreichendem Umfang ins Land zu bringen. Durch Inflation und Lieferengpässe sind Medikamente und Materialien zudem extrem teuer geworden.

Ein weiteres Problem im Gesundheitssektor ist der Fachkräftemangel. Aufgrund der schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen, des andauernden Krieges und gerade bei Ärzt:innen auch aufgrund fehlender Weiterbildungsmöglichkeiten hat ein großer Teil des lokalen medizinischen Fachpersonals das Land verlassen. Die verbliebenen Krankenpfleger:innen, Ärzt:innen und Rettungssanitäter:innen haben oft mehrere Jobs gleichzeitig, da es überall an Personal fehlt – und das bei schlechter Bezahlung.

Die zerstörte Infrastruktur sowie der Mangel an Personal und Medikamenten betreffen in erster Linie die öffentlichen Gesundheitseinrichtungen. Diese können aktuell keine flächendeckende Versorgung gewährleisten. Daher spielen private Krankenhäuser und Praxen inzwischen eine zunehmende Rolle. Allerdings können sich viele Menschen, insbesondere Frauen, die Kosten für eine Behandlung in privaten Einrichtungen nicht leisten. 

Um diese Menschen zu unterstützen, betreibt die Frauenorganisation WJAS (Stiftung der Freien Frau in Syrien) an insgesamt fünf Standorten sogenannte Ari-Kliniken. Diese bieten Frauen und Kindern aus finanziell schwachen Familien eine Basisgesundheitsversorgung, zu der sie sonst kaum oder keinen Zugang hätten. Das Angebot umfasst ambulante allgemeinmedizinische, pädiatrische und gynäkologische Untersuchungen und Behandlungen. Das Fachpersonal besteht aus Ärzt:innen und Krankenpfleger:innen. Für die Behandlung wird ein Betrag von umgerechnet 50 bis 75 Cent erhoben. Verordnete Medikamente werden kostenfrei ausgegeben.

Neben medizinischen Leistungen bieten die Ari-Kliniken auch Gespräche und Unterstützung zu Themen, die neben der körperlichen auch die mentale, emotionale und psychosoziale Gesundheit betreffen. So stellen sie für viele Frauen einen wichtigen Ort dar, der ihnen Versorgung, Halt und Orientierung bietet.

Eine Mitarbeiterin der Ari-Klinik in Hesekê, die 2019 eröffnet wurde, fasst die Rolle der Klinik wie folgt zusammen: „Die Ari-Klinik spielt eine wesentliche Rolle für die gesundheitliche Versorgung der Frauen in der Region, indem sie medizinische Beratung, psychologische Unterstützung sowie intensive Schulungen und Vorträge zu allen Lebensbereichen anbietet. Sie trägt aktiv zur Gesundheitsförderung und Aufklärung bei.“

Die Ari-Klinik in Hesekê ist täglich von 9 bis 14 Uhr geöffnet. Ein Kinderarzt, eine Frauenärztin, zwei Krankenschwestern und eine Verwaltungskraft versorgen im Monat etwa 220 Kinder und 280 Frauen. Viele Patient:innen leiden aufgrund des Wassermangels und der schlechten Wasserqualität in der Region an infektiösen Magen- und Darmkrankheiten sowie Hautkrankheiten. Oft behandelt werden müssen zudem zahlreiche weitere Infektionskrankheiten wie Leishmaniose und Bronchitis sowie Vitamin- und Eisenmangel, Atemwegserkrankungen und chronische Kopf- und Rückenschmerzen.

Die oben genannten Defizite im Gesundheitsbereich betreffen leider auch die Ari-Kliniken. So berichtet eine Mitarbeiterin: „Wir können natürlich nur dann richtig behandeln, wenn auch die Medikamente vorhanden sind. Zudem haben wir nur eingeschränkte diagnostische Möglichkeiten, da zum Beispiel Tests fehlen, um bestimmte Analysen zu machen. Wir machen Basisuntersuchungen und -behandlungen, für spezielle Erkrankungen senden wir die Patientinnen weiter zum Facharzt/ärztin bzw. ins Krankenhaus.“

In der Ari-Klinik in Hesekê befindet sich auch ein kleines Zentrum für Naturheilkunde, in dem eine Heilpraktikerin und eine Assistentin tätig sind. Aus Kräutern werden dort Medikamente, Öle, Cremes etc. hergestellt. Behandelt werden häufige Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes und die aufgrund von Wassermangel und schlechter Wasserqualität allgegenwärtigen Haut- und Magen-/Darmkrankheiten.

Die Nachfrage ist groß. Die Naturheilkunde wird hier nicht als optionale Ergänzung zur Schulmedizin wahrgenommen, sondern als echte Alternative Das Wissen über Gesundheit, Krankheit, Pflanzenkunde und Naturmedizin wird traditionell von Mutter zu Tochter und Enkelin weitergegeben, wodurch uraltes Wissen erhalten bleibt. Bislang gibt es hierzu keine Lehrbücher, aber es wird damit begonnen, das Wissen über Naturheilkunde und ihre praktische Anwendung in Ausbildungen systematisch zu vermitteln, um in mehr Naturheilkundezentren Behandlungen anbieten zu können.  Im Naturheilzentrum von WJAS in Dirbêsiyê werden derzeit zwei Frauen ausgebildet.

Damit WJAS die Ari-Kliniken betreiben kann, sind sie auf Spenden angewiesen. Im Rahmen der Solidaritätskampfsportveranstaltung THIRTYSIX FIGHTS am 6. September im SO36 in Berlin wurde deshalb eine Spendenkampagne für die Ari-Klinik in Hesekê gestartet. Der Ticketverkauf für die Veranstaltung startet am 1. August.

Spenden sind aber auch unabhängig von der Veranstaltung schon jetzt möglich:

Kurdistanhilfe e. V.
IBAN:
DE40 2005 0550 1049 2227 04
Stichwort: Ari-Klinik

Fotos © WJAS

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