Mazlum Abdi III: „Wir sind Syrer:innen – wir wollen unsere Probleme selbst lösen“
In Teil 3 des Gesprächs mit Mazlum Abdi geht es um die Gewalt in Suweida und den Küstenregionen, die Rolle des syrischen Staates, das fragile Machtgefüge in Damaskus und warum ein inklusives, dezentrales Syrien die einzige tragfähige Perspektive darstellt
Pogrome gegen Alawit:innen in den Küstenregionen, Massaker an Drus:innen in Suweida und martialische Drohgebärden gegenüber der Demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien (DAANES) lassen die Vision eines stabilen Nachkriegssyriens in weite Ferne rücken. Im Zentrum dieser komplexen Gemengelage steht Mazlum Abdi, Oberkommandierender der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD).
Im letzten Teil des Interviews mit der Zeitung „Yeni Yaşam“ spricht Abdi über die Hintergründe religiös motivierter Gewalt, benennt strukturelle Defizite im syrischen Sicherheitsapparat und warnt eindringlich vor einer weiteren Destabilisierung des Landes. Gleichzeitig skizziert er Perspektiven für eine politische Lösung: den Aufbau eines dezentralen, inklusiven Syriens, das alle Bevölkerungsgruppen einschließt – auch als Gegenmodell zu autoritären Zentralismusfantasien.
In dem Gespräch macht Abdi deutlich, dass weder Gewalt noch äußere Einmischung zur Stabilisierung beitragen können. Stattdessen brauche es einen ernsthaften nationalen Dialog – und eine Neudefinition staatlicher Verantwortung.
Während in Syrien nach Stabilität gesucht wird, kam es im März zu Pogromen gegen die alawitische Gemeinschaft in den Küstenstädten. Im April und Mai folgten Übergriffe auf die drusischen Bevölkerungsteile in Jaramana und Sahnaya bei Damaskus. Mitte Juli schließlich begann eine Angriffswelle gegen die drusische Stadt Suweida unter islamistischen Parolen. Warum konnten diese Angriffe nicht verhindert werden? Weshalb beteiligten sich Teile der Armee, obwohl Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa stets Einigkeit betont? Und mobilisierten sich bewaffnete Stammesgruppen und die SNA tatsächlich spontan in Konvois, wie behauptet?
Die jüngsten Ereignisse verdeutlichen einmal mehr, dass die komplexen Probleme Syriens nicht durch Gewalt, sondern einzig durch Dialog gelöst werden können. In den Küstenstädten und in Suweida wurde militärische Gewalt angewendet – dies hat jedoch nicht zu einer Lösung geführt, sondern lediglich zahlreiche Todesopfer gefordert.
Meiner Einschätzung nach liegt der schwerwiegendste Fehler in einem fehlenden Dialogansatz. Die Regierung in Damaskus hätte einen echten Dialog mit der Bevölkerung der Küstenregion suchen und deren Rechte anerkennen müssen. Dasselbe gilt für Suweida – die Regierung hätte es nicht so weit kommen lassen dürfen.
Die sicherheitspolitischen Konsequenzen lassen sich auf zwei zentrale Probleme zurückführen: Erstens besteht in Syrien ein eklatantes Sicherheitsvakuum. Zwar existieren viele bewaffnete Einheiten, aber sie agieren nicht unter einem einheitlichen Kommando. Die Akteure, die die Massaker in den Küstenregionen und in Suweida verübten, stehen nicht unter staatlicher Kontrolle. Zwar folgten sie einem Aufruf des Staates, jedoch operieren sie unabhängig, teils auch gegen die Interessen der Zentralregierung. Diese Gruppen agieren vorwiegend im Eigeninteresse, sie sind keine professionellen Kräfte unter staatlichem Befehl. Gleichzeitig braucht der Staat sie – was ein widersprüchliches Machtverhältnis schafft.
Diese sicherheitspolitische Lücke muss dringend geschlossen werden. Die religiös motivierten Gewalttaten in den Küstenstädten und in Suweida sind inakzeptabel. Der von uns am 10. März unterzeichnete Waffenstillstand beruhte auf der Absicht, die Gewalt in der Küstenregion zu beenden. Wir haben auch versucht, Suweida zu unterstützen und setzten auf eine dialogorientierte Lösung. Letztlich trägt der syrische Staat die Verantwortung für die Geschehnisse. Wenn der Staat nicht klar sagt „Das ist meine Verantwortung“, stellt sich die Frage, ob er überhaupt souverän handeln und seine Bevölkerung schützen kann. Die einzige nachhaltige Lösung besteht in einem inklusiven, politischen Dialog.
Wie lässt sich das politische Gesamtbild Syriens nach dem Angriff auf Suweida skizzieren? Es gibt Stimmen, die befürchten, dass ein ähnliches Szenario bald in Nord- und Ostsyrien drohen könnte. Wie bewerten Sie diese Sorge?
Tatsächlich haben sich viele der Milizen, die nach Suweida entsandt wurden, öffentlich in Videobotschaften auch gegen Nord- und Ostsyrien sowie insbesondere gegen die kurdische Bevölkerung ausgesprochen. Ihre Botschaft war unmissverständlich: „Wenn wir mit Suweida fertig sind, wenden wir uns euch zu.“ Viele dieser Personen haben bereits in der Vergangenheit gegen uns gekämpft. Die jüngsten Entwicklungen haben somit viele verborgene Absichten offenbart.
Die Geschehnisse haben jedoch auch zu einem Umdenken geführt – sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene. Immer mehr Akteure erkennen, dass ein zentralistisch-autoritärer Staatsaufbau nicht tragfähig ist. Stattdessen wird zunehmend ein dezentralisiertes, inklusives System gefordert, in dem alle gesellschaftlichen Komponenten gleichberechtigt beteiligt sind.
Der Versuch, nach und nach verschiedene Gruppen – erst die Alawit:innen, dann die Drus:innen, schließlich die Kurd:innen – auszuschalten, ist nicht nur moralisch verwerflich, sondern auch politisch und strategisch zum Scheitern verurteilt. Die Rechte aller Bevölkerungsgruppen müssen gemeinsam diskutiert und garantiert werden. Die Zukunft Syriens hängt davon ab, ob es gelingt, ein konsensorientiertes Gesellschaftsmodell zu etablieren.
Trotz des früheren Dialogprozesses in der Türkei betont die Regierung in Ankara weiterhin regelmäßig rote Linien gegenüber der kurdischen Selbstverwaltung in Syrien. Auch die jüngste Sitzung des Nationalen Sicherheitsrats am 30. Juli griff das Thema erneut auf. Wie interpretieren Sie diese Haltung?
Die von der türkischen Regierung artikulierten Bedrohungsszenarien sind unbegründet. Derzeit befinden wir uns in einem offenen Verhandlungsprozess – transparent und unter Einbeziehung internationaler Akteure. Unser strategisches Ziel ist es, die syrischen Regionen – einschließlich der nationalen Institutionen wie der Armee – zu einen.
Die Türkei sollte diesen Prozess nicht sabotieren, sondern vielmehr unterstützen. Wir sind Syrer:innen – wir wollen unsere Probleme selbst lösen. Insbesondere die Gespräche über die mögliche Eingliederung der Demokratischen Kräfte Syriens in die syrische Armee stellen keine Bedrohung für die Türkei dar. Im Gegenteil: Sollte der Dialog erfolgreich sein, könnten viele Spannungen sogar abgebaut werden.
Ankara sollte diesen Prozess nicht behindern – weder durch Drohungen noch durch politischen Druck auf Damaskus. Wir sind offen für Gespräche mit der Türkei – etwa über die Öffnung von Grenzübergängen. Wir hoffen auf einen konstruktiven Kurswechsel. Zudem ist festzuhalten: Die Türkei hat uns wiederholt vorgeworfen, Teil der PKK zu sein – aktuell aber befindet sie sich selbst im Gesprächsprozess mit der PKK. Auch das sollte reflektiert werden.
Die türkische Regierungskoalition aus AKP und MHP bringt auch erneut die Entwaffnung von YPG, YPJ und QSD ins Gespräch. Wie ist der Stand der militärischen Verhandlungen mit Damaskus? Welche Modelle werden für die militärische Zukunft Nord- und Ostsyriens diskutiert?
Der Fokus auf Entwaffnung ist verfehlt. Es geht nicht darum, ob bestimmte Gruppen bewaffnet sind oder nicht, sondern um die Frage: Wird es in Zukunft eine einheitliche syrische Armee geben?
Wir haben die Entscheidung getroffen, unsere militärischen Strukturen mit der syrischen Armee zu vereinen. Konkret heißt das: Die QSD soll ein offizieller Bestandteil des Verteidigungsministeriums werden. In diesem Rahmen werden künftig Vertreter des Ministeriums in unseren Regionen präsent sein. Wir streben eine grundlegende Reform hin zu einer nationalen Armee an, die alle Bevölkerungsgruppen repräsentiert und schützt – frei von nationalistischer Ideologie.
Der Prozess ist komplex: Die QSD und die Inneren Sicherheitskräfte umfassen zusammen etwa 100.000 Personen. Deren Integration in die nationale Armee ist kein einfacher administrativer Akt, sondern eine tiefgreifende strukturelle Herausforderung. Es wurde bereits eine gemeinsame Militärkommission zwischen den QSD und dem syrischen Verteidigungsministerium initiiert. Der Dialog läuft – aber die Umsetzung braucht Zeit.
Zum Vergleich: In Syrien gibt es laut Verteidigungsminister rund 139 bewaffnete Gruppen, die mehrheitlich von der Türkei unterstützt werden. Obwohl sie teilweise bereits formell eingegliedert sind, existieren sie faktisch weiterhin autonom. Wenn wir also von der Eingliederung unserer Kräfte sprechen, dann ist das ein Großprojekt, das ernsthaft vorbereitet werden muss – nicht öffentlich diskutiert, sondern praktisch umgesetzt.
Al-Scharaa erklärte im Dezember, dass Wahlen frühestens in vier Jahren stattfinden könnten. Nach den Angriffen auf die Drus:innen hat er jedoch angekündigt, die Wahlen bereits im September 2025 abzuhalten. Ist Syrien – politisch, gesellschaftlich und militärisch – überhaupt bereit für echte Wahlen? Und was müsste Damaskus tun, damit auch Regionen wie Suweida, Nordostsyrien oder die Küstenstädte daran teilnehmen können?
Nach unserem Kenntnisstand handelt es sich nicht um allgemeine, sondern um partielle Parlamentswahlen. Es scheint kein wirklicher Wahlprozess mit aktiver und freier Beteiligung der Bevölkerung vorgesehen zu sein.
Wir sind nicht grundsätzlich gegen Wahlen – im Gegenteil: Doch es muss garantiert sein, dass das Volk tatsächlich selbstständig Kandidierende auswählt und abstimmt.
Die bisherigen Modelle – bei denen etwa einige Personen aus Hesekê oder Raqqa nach Damaskus eingeladen und als Abgeordnete deklariert wurden – sind inakzeptabel. Sollte dies erneut der Fall sein, werden wir das nicht akzeptieren.
In Anbetracht historischer Abkommen wie dem Vertrag von Qasr-e Shirin, dem Sykes-Picot-Abkommen, der San-Remo-Konferenz oder dem Lausanner Vertrag wurde zuletzt verstärkt über einen gesamteuropäischen Kurdenkongress diskutiert. Sie führten Gespräche mit Mesûd Barzanî und Bafel Talabanî. Wie ist der Stand? Gibt es realistische Perspektiven für eine gesamtkurdische Konferenz?
Ich bin überzeugt, dass in der Geschichte der kurdischen Bewegung eine solide Grundlage für nationale Einheit geschaffen wurde. Die in Rojava abgehaltene kurdische Konferenz war ein Ausdruck dieser Entwicklung.
Die Notwendigkeit eines umfassenden kurdischen Nationalkongresses ist heute größer denn je. In unseren Gesprächen mit den maßgeblichen politischen Kräften – einschließlich der führenden Parteien in Südkurdistan – herrscht grundsätzlich Konsens über die Notwendigkeit eines solchen Schrittes.
Alle Seiten zeigen sich bereit, den Prozess zu unterstützen. Entscheidend ist, dass dieser Kongress gut organisiert, strukturiert und strategisch vorbereitet wird. Aus unserer Sicht ist die Zeit reif, dass die Kurd:innen erstmals in ihrer Geschichte ein gemeinsames politisches Fundament schaffen.
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