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Wilk über Arbeit in Rojava: Medizin, Solidarität, Widerstand

 


Der deutsche Arzt, Aktivist und Autor Dr. Michael Wilk reist regelmäßig in die DAANES, um dort medizinische Nothilfe zu leisten und hier über die politische und humanitäre Lage vor Ort zu berichten. Im Interview mit ANF spricht er über seine Erfahrungen.

Dr. Michael Wilk im Interview
 
DÎLAN KARACADAG / ANF, 21. Aug. 2025.

Dr. Michael Wilk ist Arzt, Aktivist und Autor. Der Deutsche reist seit 2014 regelmäßig nach Rojava, in die Demokratische Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien (DAANES). Vor Ort leistet er medizinische Nothilfe, unterstützt Hilfsorganisationen und berichtet über die politische wie humanitäre Lage. Im Gespräch schildert er, wie sich seine Rolle im Laufe der Jahre verändert hat, welche Herausforderungen das türkische Embargo mit sich bringt und welche Verantwortung er bei Menschen in Europa sieht.

Herr Wilk, Sie reisen seit 2014 ein- bis zweimal pro Jahr nach Rojava. Wie haben sich Ihre Rolle und Ihr Einsatz im Laufe der Jahre verändert?

2014 war die Auseinandersetzung um Kobanê. Damals war ich in Zusammenarbeit mit einer Hilfsorganisation dort und habe eine Recherche über die medizinische Situation gemacht. Ich war mit einem Übersetzer und einem Kameramann im östlichen Teil der drei Kantone unterwegs.

In den Folgejahren habe ich zunehmend unabhängig gearbeitet, aber immer wieder in Kooperation mit der kurdischen Hilfsorganisation Heyva Sor. 2015/2016 habe ich sogar Ersatzteile für Dialysegeräte über die Türkei nach Dêrik gebracht – etwas, wofür ich heute in der Türkei verhaftet werden könnte.

Sie haben in dieser Zeit also vor allem medizinisch gearbeitet?

Ja, vor allem in den ersten Jahren. 2016, während der Auseinandersetzung um Minbic, habe ich in einem Trauma-Stabilisation-Point direkt hinter der Front als Notfallarzt gearbeitet – gemeinsam mit dem Kurdischen Roten Halbmond. Auch 2017, im Kampf um Raqqa, lag der Schwerpunkt auf medizinischer Ausbildung: Notfallmedizin, psychologische und psychiatrische Erste Hilfe in Krisensituationen.

Und in den Jahren danach?

Während der Corona-Pandemie war ich 2022 im „Corona Hospital“ in Rojava im Einsatz. Aufgrund meiner Mitarbeit wurde ich zum Ehrenmitglied des Kurdischen Roten Halbmonds ernannt.

Darüber hinaus war ich bei den Auseinandersetzungen in Til Temir nach der türkischen Invasion 2019 vor Ort, ebenso 2018/2019 in Serêkaniyê. Dort haben wir im Krankenhaus von Til Temir Verletzte versorgt.

Seit den Kämpfen um Efrîn und Til Temir hat sich meine Rolle allerdings verändert: Neben der medizinischen Arbeit habe ich zunehmend auch als Berichterstatter gearbeitet. Ich habe Informationen an westliche Medien weitergegeben, selbst veröffentlicht und versucht, authentische Eindrücke nach Europa zu vermitteln – weil es dort oft an Stimmen von Menschen fehlt, die direkt vor Ort sind.

Welche Auswirkungen hat das türkische Embargo auf die medizinische Versorgung in Rojava?

Es gibt überhaupt keine Möglichkeit, offiziell etwas über die Türkei zu transportieren. Zwischen der Türkei und Rojava herrscht faktisch Kriegszustand. Ganze Regionen wie Efrîn sind annektiert – dort gibt es türkische Postämter, Behörden, Schulen, die türkische Flaggen tragen.

Die ursprüngliche Bevölkerung ist weitgehend vertrieben worden. Rückkehr ist schwierig, weil das Gebiet von SNA-Einheiten, also türkischen Proxymilizen, kontrolliert wird. Deshalb können keine Medikamente oder Geräte über die Türkei geliefert werden.

Betrifft das nur medizinische Güter oder auch andere Bereiche?

Das betrifft die gesamte Infrastruktur. Türkische Luftangriffe haben gezielt Pumpstationen, Umspannwerke, Ölraffinerien und andere logistische Einrichtungen zerstört. Auch Zivilist:innen wurden gezielt angegriffen. Bei meiner letzten Reise haben wir dazu mit einem ARD-Team recherchiert und dokumentiert, wie massiv die Infrastruktur zerstört wird.

Seit den Invasionen 2016, 2018 und 2019 ist klar: Über die Türkei geht nichts mehr.

Zerstörte Pumpstation in Kobanê.


Im April 2025 haben Sie das ARD-Filmteam um den Journalisten Matthias Ebert begleitet. Wie haben Sie die Dreharbeiten erlebt?

Das Filmteam – Matthias Ebert, ein Kameramann und ein Tonmann – war zwei Wochen mit mir in Nordostsyrien unterwegs. Zunächst wurde eine Kooperation zwischen der deutschen NGO „Aktion Friedensdorf“ und dem Kurdischen Roten Halbmond begleitet. Dabei ging es um die Versorgung brandverletzter Kinder – ein sehr wichtiges Projekt, das auch künftig fortgesetzt werden soll.

Darüber hinaus haben wir Spendenübergaben in Dêrik und Kobanê dokumentiert. Besonders erschütternd war jedoch ein türkischer Luftangriff auf eine zehnköpfige Familie nahe Kobanê. Neun Familienmitglieder starben, nur die neunjährige Tochter überlebte. Für mich war das eine gezielte Hinrichtung aus der Luft.

Der Film zeigt diesen staatlichen Terror des Erdoğan-Regimes eindrücklich. Tausende Menschen haben die Dokumentation inzwischen gesehen.

Der Film zeigt auch Drohnenangriffe auf zivile Infrastruktur. Welche Beobachtungen haben Sie zur Strategie der Türkei gemacht?

Wir erleben derzeit eine Umbruchsphase. Die PKK hat angeboten, in der Türkei die Waffen niederzulegen. Gleichzeitig versucht das Erdoğan-Regime, die Opposition zu spalten und an der Macht zu bleiben. Demokratisierung ist nicht erkennbar – im Gegenteil, Tausende Oppositionelle sitzen im Gefängnis, darunter auch demokratisch gewählte Bürgermeister:innen.

Für Rojava bedeutet das: Es gibt weiterhin besetzte Gebiete, die von türkischen Milizen kontrolliert werden. Forderungen der Türkei, dass sich die SDF [Demokratische Kräfte Syriens, QSD, Anm. d. Red.] entwaffnen und einer gemeinsamen Armee mit Damaskus anschließen sollen, halte ich für fatal. Die SDF sind derzeit einer der wenigen Garanten für humanitäre Mindestbedingungen in der Region.

Die westlichen Staaten machen meiner Ansicht nach den Fehler, zu kurzsichtig zu denken: Sie setzen darauf, Assad loszuwerden, und übersehen, dass mögliche Nachfolgeregierungen teilweise aus Al-Qaida-nahen Strukturen bestehen. Das ist brandgefährlich.

Welche Verantwortung tragen Menschen in Europa, die über Solidarität hinaus auch politisch aktiv werden wollen?

Zunächst ist wichtig, dass internationale Wiederaufbauhilfe nicht ausschließlich über die Zentralregierung in Damaskus läuft, sondern auch direkt an die Selbstverwaltung in Rojava – die DAANES – geht. Nur so können regionale Unterschiede berücksichtigt und föderale Strukturen unterstützt werden.

Zudem muss die Bundesregierung ihre Doppelmoral beenden: Menschenrechtsverletzungen dürfen nicht nur dann kritisiert werden, wenn es politisch passt. Auch NATO-Partner wie die Türkei müssten wegen Kriegsverbrechen und fehlender Demokratisierung massiv unter Druck gesetzt werden.

Hier in Europa bedeutet das: sich klar gegen antidemokratische Tendenzen zu stellen, Fluchtursachen zu benennen und Menschenrechtsverletzungen konsequent zu kritisieren. Nur so ist eine glaubwürdige, humane Politik möglich.

Bilder © Dr. Michael Wilk

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