Spirale religiös motivierter Gewalt in Syrien
Anlässlich eines internationalen Gedenktages mahnt die Gesellschaft für bedrohte Völker zu mehr Aufmerksamkeit gegenüber Gewalt an religiösen Minderheiten in Syrien. Diese würden seit dem Sturz Assads täglich zum Opfer religiös motivierter Gewalt.
Die Vereinten Nationen (UN) haben den 22. August vor sechs Jahren als „Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer von Gewalthandlungen aufgrund der Religion oder der Weltanschauung“ ausgerufen. Dies hat die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) zum Anlass genommen, auf die anhaltende Gewalt gegen reiligiöse Minderheiten in Syrien aufmerksam zu machen.
„Seit dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 vergeht kein Tag, an dem Angehörige der alawitischen und der drusischen Minderheit nicht Opfer blinder, religiös motivierter Gewalt werden“, wird der GfbV-Nahostreferent Dr. Kamal Sido in der Erklärung zitiert.
Die selbsternannte syrische Übergangsregierung, der landläufig eine islamistische Ideologie attestiert wird, hat zwar mehrfach versichert, alle ethnischen und religiösen Gruppen in den politischen Übergangsprozess einzubeziehen. Die Realität verschiedener Glaubensgruppen im Land spricht jedoch eine andere Sprache: Im März wurden bei Massakern an der alawitischen Bevölkerung in den Küstenregionen des Landes, darunter in Latakia und Tartus, tausende Zivilist:innen getötet und vertrieben. Auch die jüngsten Angriffe und Massaker auf die drusische Bevölkerung im Süden Syriens haben weltweit für einen Aufschrei gesorgt und endeten vorläufig durch israelische Luftangriffe auf Damaskus.
Fortgesetzte Angriffe auf Alawit:innen
Sido meint, dass die Angriffe auf die alawitische Gemeinschaft unvermindert anhielten. So sei das Dorf Qaniyat al-Asi nördlich von Homs in Zentralsyrien am Abend des 4. August 2025 angegriffen worden. „Ziel des Angriffs, bei dem Granaten und Maschinengewehren eingesetzt wurden, war unter anderem das Haus von Muhammad Jihad al-Asaad. Seine Kinder Dalaa (14) und Natalie (7) wurden getötet. Ein weiteres Kind, Bisan (5), und ein Nachbar namens Iyad Barboura wurden schwer verletzt. Alle sind Angehörige der alawitischen Minderheit“, so Sido.
Unglaubwürdige Ahnungslosigkeit
Die Unfähigkeit der Interimsregierung, die Täter der zahlreichen Übergriffe und Attacken ausfindig zu machen, sind dem Menschenrechtler zufolge unglaubwürdig. „Als ich im April dieses Jahres Syrien bereist habe, habe ich selbst erlebt, dass kein Mensch ohne die Kenntnis der ‚Sicherheitskräfte‘ des Regimes von Dorf zu Dorf fahren kann. Dennoch behauptet das Informationsministerium in Damaskus nach jedem Angriff auf Angehörige von Minderheiten, die Täter seien unbekannt“, weiß er zu berichten.
Dr. Kamal Sido sieht eine Vernachlässigung durch ausländische Regierungen und Medien, die solcherlei Behauptungen nicht ausreichend hinterfragten. Der von Kontrollen unbemerkte Transport und Einsatz der verwendeten Kriegswaffen sei demnach schlichtweg abwegig.
Auch Drus:innen leben in Unsicherheit
Auch der Waffenstillstand in der Provinz Suweida ist brüchig, immer wieder werden Angriffe auf die drusische Bevölkerung gemeldet. Ende Juli seien zwei junge Männer vor ihrem Geschäft in Barzeh in Damaskus getötet worden, weßi die GfbV zu berichten: Duraid Hashem Al-Shabli Azzam, der von Beruf Medientechniker war, und sein Bruder Muhannad, der kurz zuvor aus dem Ausland eingereist war, um seine Familie zu besuchen.
„Die öffentliche Tötung von Drusen ist im Süden von Damaskus an der Tagesordnung. Nachts verlässt niemand das Haus“, sagt der Nahostreferent. Laut der in Großbritannien ansässigen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte (SOHR) wurden seit Beginn des Massakers in der Provinz Suweida am 13. Juli 2025 mindestens 1.520 Menschen getötet. Darunter mindestens 300 Mitglieder der drusischen Gemeinschaft, die den Angaben zufolge öffentlich von Regierungstruppen und ihren Hilfstruppen hingerichtet wurden.
Aufrufe zur Ausrottung
Die GfbV konstatiert: „Diese Massaker werden von Alawiten und Drusen als versuchter Völkermord bezeichnet, denn diesen Massenmorden gingen Aufrufe zur Ausrottung dieser Minderheiten und ihre Klassifizierung als ‚Assad-Anhänger‘ oder ‚Agenten der Juden und Israels‘ voraus.“
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