Carûdiyê: 13 Jahre gelebte Kommune in Rojava
In Carûdiyê, einem kleinen Dorf in Rojava, leben Menschen seit 2012 in einer selbstverwalteten Kommune. Trotz Krieg, Belagerung und Repression gestalten sie ein solidarisches Miteinander – inspiriert von Öcalans Idee der demokratischen Moderne.
Im kleinen Dorf Carûdiyê bei Dêrik im Nordosten von Syrien wird seit über einem Jahrzehnt eine Form des gemeinschaftlichen Lebens erprobt, die für viele als Modell eines demokratischen, selbstorganisierten Zusammenlebens gelten kann. Inspiriert von den Ideen Abdullah Öcalans zur demokratischen Moderne wurde hier ein kollektives, solidarisches Leben aufgebaut, das auch den vielfältigen Herausforderungen von Krieg, Belagerung und staatlicher Repression getrotzt hat.
Historischer Hintergrund
Die Geschichte des Dorfes reicht weit zurück. Mihemed Şefa, Lehrer und Einwohner von Carûdiyê, berichtet, dass der Ursprung des Namens auf einen Mann namens Carud zurückgeht, der zur Zeit des babylonischen Königs Nebukadnezar im Dorf eingesetzt wurde. Das Gebiet galt damals als fruchtbar, wasserreich und war ein bevorzugter Erholungsort. Später wurde das Dorf Teil des feudalen Aghasystems. Mit dem Machtantritt des syrischen Baath-Regimes wurde ein Großteil der landwirtschaftlichen Flächen konfisziert und im Rahmen des sogenannten „Arabischen Gürtels“ an angesiedelte arabische Familien verteilt.
Die Kommune als Antwort auf Ungleichheit
Mit der Rojava-Revolution im Jahr 2012 wurde in Carûdiyê eine der ersten Kommunen der Region gegründet. Heute besteht das Dorf aus rund 40 Haushalten mit ca. 200 Bewohner:innen, die verschiedenen Stämmen angehören. In enger Abstimmung mit der Demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien (DAANES) wurde das dörfliche Leben entlang gemeinsamer Bedürfnisse, demokratischer Entscheidungsfindung und geteilter Verantwortung neu strukturiert.
Die wöchentlichen Versammlungen der „Şehîd Kanî Kommune“ finden seit
über einem Jahrzehnt jeden Samstag statt. Nerîman Hisên, Ko-Vorsitzende
der Kommune, beschreibt, wie hier alle wichtigen Entscheidungen
gemeinsam getroffen werden – in Notfällen auch außerhalb der regulären
Treffen. In den Jahren seit ihrer Gründung wurden unter anderem ein
Dorfbrunnen repariert, kollektive Landwirtschaftsprojekte umgesetzt,
eine Versammlungs- und Veranstaltungshalle gebaut sowie Infrastruktur
mit Unterstützung der Autonomen Verwaltung erneuert.
Solidarität, Selbstverwaltung und Bildung
Das dörfliche Leben ist stark kollektiv geprägt. 30 Familien bewirtschaften gemeinsam einen Gemüsegarten. Die Erträge werden untereinander verteilt. Auch das Straßennetz wurde durch Eigenmittel instandgesetzt. Im Sinne der Öko-Gemeinschaft werden regelmäßig Müll und Abfälle entsorgt, und es werden Schulungen zu Erster Hilfe sowie örtlicher Selbstverteidigung organisiert. Letztere spielen nicht zuletzt angesichts der wiederkehrenden Bedrohung durch bewaffnete Gruppen eine Rolle.
Das politische und ideologische Fundament der Kommune basiert auf der intensiven Beschäftigung mit den Schriften Öcalans, die auch heute noch gemeinsam gelesen und diskutiert werden. Auch intergenerationale Lernprozesse sind wichtig: Kinder und Jugendliche werden aktiv einbezogen, kulturelle und soziale Aktivitäten fördern den Zusammenhalt.
Erfahrungen aus erster Hand
Viele Dorfbewohner:innen berichten von der Ungerechtigkeit vergangener Zeiten unter feudalen oder staatlichen Strukturen. Dayika Şerîfe, eine der ältesten Bewohner:innen, erlebt die Umstellung auf die kommunale Organisation als tiefgreifende Veränderung: Statt Fremdbestimmung entscheidet heute die Gemeinschaft. Auch Kawa Mihemed Deli von der Ökonomiekonferenz bestätigt, dass die im Rahmen der Autonomieverwaltung zur Verfügung gestellten Flächen der kollektiven Landwirtschaft dienen.
Die Menschen in Carûdiyê erleben sich als aktiver Teil eines politischen Projekts, das Demokratie nicht als Wahlen, sondern als konkrete Selbstorganisation versteht. Dass acht Bewohner:innen des Dorfes im Laufe der Jahre bei Angriffen verschiedener bewaffneter Kräfte ihr Leben verloren haben, unterstreicht den Preis, der für diesen Weg gezahlt wurde.
Ein Ort gelebter Hoffnung
Nicht zuletzt zieht das Dorf internationale Gäste an, die sich vor Ort ein Bild vom Modell der Selbstverwaltung machen wollen. Eine dieser Besucher:innen, die aus Sicherheitsgründen anonym bleiben möchte, beschreibt ihre Eindrücke als inspirierend. Sie wolle versuchen, diese Ideen auch in ihrer Heimat bekannt zu machen.
Carûdiyê steht damit für weit mehr als nur ein Dorf mit einem alternativen Lebensmodell: Es ist ein lebendiges Beispiel für gelebte Praxis jenseits von Staat und Kapital – getragen von Erinnerung, Widerstand und gemeinschaftlicher Organisierung.
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