Direkt zum Hauptbereich

Suweida: Angriffe und Gefechte trotz angeblicher Waffenruhe

 


Trotz angekündigter Waffenruhe ist die Lage im drusischen Suweida dramatisch eskaliert. Truppen der Übergangsregierung sollen mehrere Zivilist:innen exekutiert haben. Der spirituelle Führer der Drus:innen widerspricht Darstellungen aus Damaskus.

Berichte über Exekutionen
 
ANF / REDAKTION, 15. Juli 2025.

In der überwiegend von der drusischen Minderheit bewohnten Provinz Suweida im Süden Syriens kommt es weiterhin zu schweren Angriffen und Kämpfen zwischen lokalen bewaffneten Gruppen und Einheiten der sogenannten syrischen Übergangsregierung. Trotz offizieller Verlautbarungen über eine Waffenruhe und eine angeblich einvernehmliche Einrückung der Damaszener Truppen in die Stadt, eskalierte die Lage in mehreren Stadtteilen.

Die Führung in Damaskus hatte am Dienstagmorgen eine Ausgangssperre für den südlichen Teil Suweidas angekündigt. Das sogenannte Verteidigungsministerium rief die Menschen in der Region dazu auf, zu Hause zu bleiben und „jegliche Bewegungen gesetzloser Gruppen“ zu melden. Der „Verteidigungsminister“ Murhaf Abu Kasra erklärte, Einheiten seines Ressorts führten Durchsuchungen und Festnahmen in Suweida durch. Anschließend sollten die durchsuchten Gebiete an „Kräfte des Innenministeriums“ übergeben werden.

Drusischer Geistlicher widerspricht offizieller Erklärung

Die von der Übergangsregierung verbreitete Erklärung, man habe eine Waffenruhe mit drusischen Würdenträgern erzielt und betrete Suweida im Einvernehmen, wurde von mehreren Stellen klar zurückgewiesen. Zahlreiche Videos in sozialen Netzwerken zeigen Feuergefechte in den Straßen sowie aufsteigenden Rauch aus Wohnvierteln der Stadt.

Die vorgeblichen „Sicherheitskräfte“ aus Damakus in der Provinzhauptstadt Suweida | via ANHA

Besonders deutlich fiel die Kritik von Scheich Hikmat al-Hijri (auch Hikmat al-Hidschri), dem spirituellen Führer der drusischen Gemeinde in Syrien, aus. In einer Videobotschaft bezeichnete er die zuvor veröffentlichte Zustimmung zum Einrücken syrischer Truppen als „unter Zwang entstanden“ und als nicht im Namen seiner Gemeinschaft ausgesprochen. Die wahren Absichten der Bevölkerung seien weder gehört noch respektiert worden.

„Unsere Kinder werden nicht verkauft, unsere Freiheit steht nicht zur Verhandlung“, sagte der Geistliche. Suweida dürfe nicht zu einem Schlachtfeld werden. Nur ehrlicher Dialog und gegenseitiger Respekt könnten zur Befriedung beitragen – nicht Drohungen oder militärischer Druck.

Mindestens ein Dutzend Mitglieder der Radwan-Familie exekutiert

Der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte zufolge wurden bei den Kämpfen und Angriffen seit Sonntag mindestens 135 Menschen getötet, ein Großteil der Opfer seien Drus:innen. Unter ihnen sind demnach mehrere Zivilpersonen, darunter zwölf Mitglieder der bekannten Radwan-Familie, die heute bei einem Überfall der islamistischen Regierungstruppen auf ein Gästehaus gezielt exekutiert worden seien. Fotos und Videos in sozialen Netzwerken zeigen zivil gekleidete Leichen von mutmaßlichen Angehörigen der Familie, umgeben von Blutspuren, zerstörtem Mobiliar und zerrissenen Porträts drusischer Geistlicher. Bei 52 weiteren Toten handelt es sich laut der Beobachtungsstelle um extremistische sunnitische Beduinen und Regierungsangehörige. Die kurdische Nachrichtenagentur ANHA berichtete mit Verweis auf drusische Quellen von rund 250 Toten.

Protest gegen zentrale Macht

Die Provinz Suweida gilt seit Jahren als relativ unabhängige Enklave, in der sowohl das ehemalige Regime in Damaskus als auch die aus der Dschihadistenkoalition „Hayat Tahrir al-Sham“ (HTS) hervorgegangene Übergangsregierung des selbsternannten Präsidenten Ahmed al-Scharaa nur begrenzten Einfluss ausüben konnten. Wiederholt hatte sich die lokale Bevölkerung gegen Versuche zentraler Kontrolle zur Wehr gesetzt – teils mit friedlichem Protest, teils mit bewaffnetem Widerstand. Die nun eskalierende Gewalt, bei der auch externe Akteure militärisch eingreifen, lässt eine weitere Destabilisierung der Region befürchten.

Israelische Angriffe

Am Dienstag bestätigte zudem das israelische Militär weitere Luftangriffe auf syrische Militärkonvois in der Region. Nach Angaben von Armeesprecher Avichay Adraee handelte es sich um einen Einsatz gegen gepanzerte Fahrzeuge und Raketenstellungen, die sich im Anmarsch auf Suweida befunden hätten. Ziel sei es gewesen, das Vorrücken der syrischen Kräfte zu stoppen und weitere Angriffe auf die Zivilbevölkerung zu verhindern. Schon am Montag hatte Israel syrische Armeefahrzeuge aus der Luft bombardiert.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Öcalan ruft zu „positiver Aufbauphase“ im Friedensprozess auf

Qamişlo: Familien fordern Freilassung der Gefangenen

Malabou: Das Ziel der Angriffe auf Rojava ist nicht das Territorium, sondern das Modell