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Protest in Sinunê (Şengal): Mit Drohnen gegen Überlebende von IS-Massakern


Vor acht Jahren erklärten die unter dem Eindruck des IS-Genozids von 2014 gegründeten Widerstandseinheiten YBŞ die Rückeroberung des ezidischen Hauptsiedlungsgebiets Şengal. Seit Jahren attackiert die Türkei die Überlebenden.

Über neun Jahre ist es her, dass Söldner des sogenannten Islamischen Staats in Şengal (Sindschar) einfielen und an den Ezidinnen und Eziden einen Genozid verübten. Sie ermordeten Männer, missbrauchten Jungen als Kindersoldaten und vergewaltigten Frauen und Mädchen. Etwa 2.700 von ihnen werden bis heute vermisst. Gestern, als in Şengal der achte Jahrestag des Endes der IS-Besatzung begangen wurde, griff die Türkei zum wiederholten Mal die Überlebenden dieses Völkermords an. Ziel der durch eine unbemannte Kampfdrohne des türkischen Staates verübten Angriffs in der Gemeinde Sinunê war ein Fahrzeug der Widerstandseinheiten Şengals (YBŞ), die 2014 unter dem Eindruck des IS-Genozids zur Selbstverteidigung gegründet wurden. Zwei Kämpfer starben, ein dritter wurde schwer verletzt.

„In Şengal müssen Überlebende der IS-Massaker täglich mit türkischen Drohnenangriffen auf sich und ihre Einrichtungen rechnen“, betont der Volksrat von Sinunê. Mitglieder des an den Demokratischen Autonomierat Şengals MXDŞ (Meclîsa Xweseriya Demokratîk a Şengalê) angegliederten Gremiums versammelten sich am Dienstag aus Protest gegen die jüngste Attacke des NATO-Staates Türkei auf die ezidische Bevölkerung gemeinsam mit Bewohnerinnen und Bewohnerinnen in Sinunê, um eine Erklärung abzugeben. Am Mikrofon war Şême Remo, die im Namen der ezidischen Frauenbewegung TAJÊ sprach. Die Aktivistin warf der Regierung in Ankara vor, die Ezidinnen und Eziden mit ihrem Krieg gegen Şengal „in die Knie zwingen“ zu wollen. „Denn dieser Angriff fiel auch in eine Zeit, in der eine Rückkehr-Kampagne von Vertriebenen im Gang ist“, erklärte Remo.


Tatsächlich sind seit Anfang November rund hundert Familien, die Şengal 2014 verlassen haben und seither in Flüchtlingscamps rund um Dihok lebten, die von den PDK-geführten Behörden der Kurdistan-Region Irak wie Internierungslager betrieben werden, in ihre Heimat zurückgekehrt. Die letzte Gruppe von rund 145 Ezidinnen und Eziden erreichte erst am Montag die Region. Sie sind zwar den menschenverachtenden Camps, in denen Suizidversuche, Angststörungen und Depressionen, fehlende Gesundheitsversorgung und Bildungsmöglichkeiten, Stillstand und Perspektivlosigkeit zum Alltag gehören, entkommen. Auf was sie nun in Şengal treffen, ist eine instabile Sicherheitslage und eine zu weiten Teilen noch immer nicht wiederherstellte Infrastruktur – auch bedingt durch die türkische Militärgewalt.

„Mit Angriffen wie dem Drohnenschlag vom Montag bezweckt die Türkei – und mit ihr ihre Verbündeten, die Şengal beim IS-Überfall 2014 fluchtartig verlassen haben – diese Region in ein dauerhaftes Pulverfass zu verwandeln“, sagte Seydo Ali, Ko-Vorsitzender des Volksrats von Sinunê. Ankara und die PDK wollten eine Rückkehr zum Status quo von 2014, als Şengal noch von der Barzanî-Peschmerga kontrolliert wurde. Es gelte quasi die Ansage: Solange die Ezidinnen und Eziden die Bedingungen nicht akzeptieren, die den Genozid damals ermöglichten, wird es Angriffe geben. „Die Bevölkerung von Şengal lässt sich nicht in die Knie zwingen. Dies ist unsere Heimat. Wir sind entschlossen, den Widerstand für ein freies Şengal bis zum Ende fortzusetzen”, betonte Ali.

Seit 2017 türkische Drohnenangriffe in Şengal

Şengal ist das letzte zusammenhängende Siedlungsgebiet der ezidischen Gemeinschaft. Unter dem Vorwand der „Bekämpfung der PKK“ kommt es dort seit 2017 vermehrt zu Luftschlägen durch türkische Kampfflugzeuge und Drohnen. Konkrete Ziele sind hierbei zumeist Einrichtungen des Verwaltungsgremiums MXDŞ, die Selbstverteidigungseinheiten und Zivilpersonen. Bei den Todesopfern handelt es sich hauptsächlich um Überlebende des IS-Genozids.

Die türkische Führung gibt vor, in Şengal ausschließlich gegen „PKK-Stellungen“ vorzugehen und beruft sich dabei auf das Selbstverteidigungsrecht nach Artikel 51 der UN-Charta. Zahlreiche Organisationen und Gremien, darunter auch der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags, weisen dagegen auf Verstöße der Türkei gegen das Gewaltverbot hin, da es gar keine Selbstverteidigungssituation gebe.

Die bei dem gestrigen Drohnenangriff getöteten YBŞ-Kämpfer hießen Berxwedan Şengalî und Argeş Feqîr. Beide wurden im Jahr 2000 im Ort Til Êzêr geboren, der 2014 vom IS besetzt worden war und 2007 zum Ziel eines schweren Anschlags von Al-Qaida wurde. Den YBŞ hatten sie sich bereits im Alter von sechzehn beziehungsweise siebzehn Jahren angeschlossen.

Minenräumer unter dem Deckmantel Terrorbekämpfung getötet

Ende Mai wurde Said Êşur (Said Ashor) bei einem türkischen Drohnenangriff auf ein Wohnhaus in Xanesor getötet. Der Ezide, der zahlreiche Angehörige bei dem Überfall des IS in Şengal verlor, arbeitete seit 2016 für die britische NGO Mines Advisory Group (MAG), die sich international für Minenräumung in Krisen- und Konfliktgebieten einsetzt. Der türkische Staat behauptete dagegen, Êşur sei „Terrorist“ gewesen.

 

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