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Türkei / Erdbebengebiete: Provisorien statt Perspektiven




Ein halbes Jahr nach dem verheerenden Erdbeben in der syrisch-türkischen Grenzregion stehen viele Menschen immer noch vor dem Nichts. Ein Reisebericht aus dem türkischen Erdbebengebiet.

Von Anita Starosta, veröffentlicht am 03. August 2023

Die Bewohner:innen des kurdisch-alevitischen Bergdorfes in der Provinz Adiyaman haben die Erdbebennacht und die Zeit danach noch längst nicht verarbeitet. Das merken wir bereits zu Beginn des Gesprächs. Aufgewühlt berichten sie uns von ihrem durch die Folgen des Erdbebens beschwerlichen Alltag im auf fast 2000 Höhenmetern gelegenen Dorf. Sechshundert Personen leben hier, 80% der Häuser sind seit dem Erdbeben komplett zerstört, fünf Menschen haben das Beben nicht überlebt. Sie sind in den Trümmern gestorben, weil sie nicht rechtzeitig geborgen werden konnten. Während sie sich an diese Nacht erinnern, schießen den alten Frauen Tränen in die Augen. Im Februar war es bitter kalt, die Tage, die sie nach dem Erdbeben in provisorisch zusammengezimmerten Unterkünften verbringen mussten, waren dramatisch. Hilfe erreichte sie nicht, berichten sie. Es dauerte einige Tage, bis die ersten Freiwilligen das Dorf erreichten und Decken, Lebensmittel und Zelte brachten. Bis heute liegen ihre Häuser in Trümmern. Die wenigen, die noch stehen, haben große Risse oder Teile der Wände sind rausgebrochen, Schutt hat die Gärten zerstört. Die Familien übernachten in provisorischen Anbauten, dort haben sie Küchen und Lagerräume eingerichtet. Wegen Nachbeben und Einsturzgefahr trauen sie sich nicht zurück in ihre Häuser, wenn diese noch stehen. Nur einmal waren staatliche Hilfteams im Dorf, danach wurden ihnen ein paar Container geschickt – im Sommer bei 45 Grad sind diese aber nicht bewohnbar. Auch die Schulcontainer sind ohne Klimaanlage nicht nutzbar. Ihnen wurde angeboten, das Dorf zu verlassen und in ein Zelt- oder Containerlager in die Hauptstadt der Provinz zu ziehen, von wo aus sie sich eine neue Bleibe suchen sollen. Das kommt für die Dorfbewohner:innen, die seit Generationen in den Bergen leben und mit Land- und Viehwirtschaft ihr Leben bestreiten nicht in Frage. Seitdem sei nichts mehr passiert, die versprochenen Aufräumarbeiten haben nicht stattgefunden. Wie es weitergehen soll, weiß hier niemand. Angst macht der Winter. Es wird eisig kalt und der Schnee liegt normalerweise meterhoch. Kontakt haben sie zu den freiwilligen Helfer:innen kurdischer Organisationen, die immer wieder nach ihnen schauen und sie mit Lebensmittelpaketen unterstützen. Wir reden mit ihnen über die Möglichkeit eine Kooperative zu gründen und den Wiederaufbau selber zu organisieren – das beste Mittel der Wahl, um sich nicht vertreiben zu lassen.

3000 km durch eine zerstörte Region

Das kleine Bergdorf in Adıyaman steht exemplarisch für eine von zahlreichen Begegnungen, die ich in der türkischen Erdbebenregion habe. Es ist Ende Juli und das Erdbeben nun fast ein halbes Jahr her. Gemeinsam mit einer Partnerorganisation fahren wir in wenigen Tagen über 3000 km mit dem Auto und kommen in Städte und teils abgelegene Dörfer, die in fünf der elf betroffenen Provinzen in der Südtürkei liegen. In Hatay, Kahramanmaraş, Elbistan, Malatya und Diyarbakır sprechen wir mit Überlebenden, Obdachlos gewordenen, mit freiwilligen Helfer:innen und medico-Partner:innen. In der Nacht des 6. Februar stürzte ein Erdbeben der Stärke 7,8 die syrisch-türkische Grenzregion in eine Katastrophe. Eine Fläche fast so groß wie Deutschland mit 15 Millionen Einwohner:innen wurde von dem Beben und zahlreichen Nachbeben erfasst. Ganze Städte wurden dem Erdboden gleich gemacht, Zehntausende verloren unter den Trümmern ihr Leben, Millionen wurden obdachlos. Hilfe kam in vielen betroffenen Gebieten zu spät oder gar nicht an. Sechs Monate danach ist die Situation immer noch extrem schwierig und angespannt.

Großer Hilfsbedarf

Schon zur Mittagszeit klettert das Thermometer auf über 40 Grad. Ein Schattenplatz mit leichtem Windzug ist der einzige Ort, an dem es sich draußen einigermaßen aushalten lässt. Auch die Südtürkei hat eine Hitzewelle erfasst. Zwar ist es hier im Sommer immer heiß, dass es Ende Juli 45 Grad hat, ist jedoch ungewöhnlich. Doch selbst das wäre nicht weiter berichtenswert, wären da nicht hunderttausende Menschen, die seit fast sechs Monaten in Containern und Zelten an den Rändern der zerstörten Städte leben und für die die Sommerhitze eine extreme Belastung bedeutet. 5,2 Millionen Menschen sind laut UN hilfsbedürftig, über 9 Millionen Menschen von den Folgen des Erdbebens betroffen. Mehr als zwei Millionen Menschen haben ihre Heimatstädte verlassen und sind bis heute nicht zurückgekehrt. So lauten zumindest die Schätzungen, ganz genau weiß es niemand und das Vertrauen in die offiziellen Zahlen ist nicht groß.

Die 200.000 Einwohnerstadt Antakya jedenfalls ist fast unbewohnbar, die geschichtsträchtige Altstadt nicht mehr wieder zu erkennen. Über der Stadt hängt eine trockene Staubwolke, verursacht durch die Abrissarbeiten die im Zentrum stattfinden. Ganze Häuserblöcke wurde bereits abgetragen und hinterlassen eine große, von Schutt bedeckte Lücke mitten in der Stadt. Andere Städte in der Provinz Hatay sind ebenfalls stark betroffenen, in Samandağ sind Hochhäuser in sich zusammengeklappt, oft ziehen sich meterlange Risse durch die Wände. Das Ausmaß der Zerstörung ist ebenso erschütternd wie in Antakya, nur sind hier viel weniger Bagger oder Abrissgeräte unterwegs. Wie in vielen anderen Städten laufen die Abrissarbeiten, kommen aber nur schleppend voran. Über Wiederaufbau redet in diesen Städten noch niemand, allen ist klar, dass dies Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern wird.

Bis dahin werden die Stadtbewohner:innen in Container- oder Zeltlagern wohnen müssen, wenn sie keine private Alternative haben. Die Container stehen an vielen Orten auf Betonplätzen dicht nebeneinander, im Durchschnitt haben sie 17 qm die sich eine siebenköpfige Familie teilen muss. Nicht immer haben sie eine Klimaanlage, die Wasserversorgung ist nicht gesichert und die hygienische Situation schlecht. Besonders Frauen leiden unter den schwierigen Bedingungen. Das berichten uns die Mitglieder der Frauenorganisation ROSA. Mit medico Unterstützung planen sie in der Stadt Adıyaman Container aufzustellen und dort rechtliche und psychosoziale Beratung für Frauen anzubieten. Oft tragen die Frauen die familiäre Last, müssen den Alltag unter den extrem schwierigen Bedingungen organisieren und sind selber noch schwer traumatisiert, müssen mit dem Verlust ihrer Kinder oder Familienangehörigen klarkommen. Immer wieder kommt es in den Lagern zu Übergriffen, berichtet uns Dilar. Sie arbeitet bei ROSA, kommt aus Adıyaman und hat das Erdbeben in der Stadt miterlebt. Viele ihrer Freundinnen lebten nun in den Containern, es sei schrecklich berichtet sie uns mit tränenerstickter Stimme. Das Leben dort sei hoffnungslos, es gäbe kaum Angebote für Kinder und Frauen trauen sich oft nicht den Container alleine zu verlassen. Daher plant ROSA Workshops anzubieten, um den Frauen Orte des Zusammenkommens zu ermöglichen.

In allen größeren Städten treffen wir auf lokale Helfer:innen, die ihr Bestes tun und sich um diejenigen kümmern, die nicht ausreichend Hilfe bekommen oder von staatlichen Stellen benachteiligt werden. Unter ihnen sind syrische Geflüchtete. Sie sind erneut die absoluten Verlierer dieser Katastrophe. Ohnehin schon immer Zielscheibe rassistischer Politik, haben die konkurrierenden Parteien im Wahlkampf die Stimmung gegen Flüchtlinge nochmals angeheizt. Das machte sich im Erdbebengebiet bemerkbar. Syrer:innen wurden verfolgt, beschuldigt zu plündern – eine rassistische Hetze, die sich vielerorts etabliert hat. Geflüchtete wurden recht schnell in solche Zeltlager gebracht, deren Ausstattung maximal schlecht ist und wo sie sich selber um Wasserzugänge oder Nahrungsmittelbeschaffung kümmern müssen. Das erzählt uns ein verzweifelter syrischer Mann, den wir am Zaun eines solchen Lagers ansprechen. Etwa 1,7 Millionen Geflüchtete leben in der Erdbebenregion und schon vor dem Beben hatten sie kaum eine Perspektive jenseits ihres prekären Aufenthaltes in der Türkei. Kurzzeitig wurden die Grenzen nach Syrien geöffnet, doch auch dort hat das Erdbeben alles zerstört. Vielmehr braucht es hier dringend eine europäische Antwort, die in dieser ausweglosen Zeit eine Perspektive auf ein besseres Leben bieten könnte.

Hilfe von unten: Zivilgesellschaft ist solidarisch und verteidigt die Hilfe

Bis dahin bleibt nur die bestmögliche Hilfe. Lokale, zivilgesellschaftliche Organisationen haben sich inzwischen als „Solidaritätsverein“ in Diyarbakır zusammengetan. Ihr Ziel ist es die Hilfe über die Regionen hinweg zu koordinieren und Bedarfe zu ermitteln. Das berichtet uns ihr neuer Vorsitzender Muzaffer im Büro in Diyarbakır. Schon den ersten Tag nach dem Beben gab es viel zivilgesellschaftlich organisierte Hilfe, Krisenstäbe sind in den betroffenen Provinzen entstanden, Hilfstransporte wurden gepackt und dort verteilt, wo staatliche Hilfe nicht ankam. Beteiligt waren Gewerkschaften, Ärzteverbände, Frauen- und Kinderorganisationen, alevitische Vereine, kurdische Organisationen, Anwälte und Journalist:innen. Diese Hilfsmaßnahmen wurden trotz der großen Not immer wieder blockiert und von Polizei und Militär kriminalisiert. Selbstorganisation war vom Staat nicht gewollt. Das Ziel des Vereins ist es nun, diese Nothilfephase, in der medico mit Spenden unterstützte, auszuweiten und die benötigte Hilfe langfristig anzugehen. Dies ist deshalb notwendig, weil bis heute viele kurdische Orte, alevitische Gemeinden oder Dörfer in denen andere ethnische und religiöse Minderheiten, die der Regierung nicht nahestehen, von staatlicher Unterstützung abgehängt sind. Oft sind es Orte und Gemeinden die schon in der Vergangenheit unter Verfolgung und Diskriminierung gelitten haben.

Hilfe für wen?

Auf der internationalen Geberkonferenz die Ende März in Brüssel stattfand wurden 7 Milliarden Euro gesammelt (die Türkei gibt den Bedarf für Hilfe und Wiederaufbau mit 100 Milliarden Euro an).  Die Verteilung der Hilfe findet über den staatlichen türkischen Katastrophenschutz AFAD und entsprechende Ministerien statt, die mit nationalen und internationalen Hilfsorganisationen kooperieren. Das Ausmaß der Katastrophe ist jedoch viel zu groß, als dass alle hilfsbedürftigen Menschen so ausreichend versorgt werden könnten, zivilgesellschaftliche Unterstützung allein aufgrund des Ausmaßes der Not mehr als nötig. Zudem macht die türkische AKP-Regierung Politik über die Katastrophe, deren Auswirkungen und die nötige Hilfe. Die Versprechen, die Erdogan vor der Türkeiwahl im Mai gegeben hat - schneller Wiederaufbau, Entschädigungszahlungen und direkte Hilfe - trugen zu seinem Wahlsieg bei. Auch im Erdbebengebiet wurde für ihn gestimmt und auf den Trümmern begeistert der Wahlsieg gefeiert. Der Autokrat übersteht diese Jahrhundertkatastrophe weitestgehend unbeschadet, so scheint es. Das Versprechen von nationaler Einheit unter einem starken islamischen Führer verfängt selbst in der Katastrophe. Das offensichtliche Staatsversagen bei der Koordinierung der Bergung von Verschütteten, die Skandale in der Baubranche und der Missbrauch der Erdbebensteuer scheinen vergessen - und werden in der neuen Regierungskonstellation, die nochmal deutlicher nach rechts gerückt ist, sicher nicht aufgearbeitet. Stattdessen wird die strukturelle Benachteiligung gegenüber der kurdischen Bevölkerung oder anderer in der Region lebender Minderheiten die Hilfsmaßnahmen und den möglichen Wiederaufbau betreffen. So sieht es auch Muzaffer vom Solidaritätsverein. Bewohner:innen alter, traditioneller kurdischer Dörfer sollen dazu bewegt werden, in Städte zu ziehen, staatliche Auszahlungen fließen zunächst in den bürokratischen Apparat und führen dann zur Verschuldung der Betroffenen. Mit den Folgen des Erdbebens wird die Gesellschaft jedenfalls noch lange zu kämpfen haben.


 

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