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Weltfrauenkonferenz Berlin: Vielfältige Diskussionen


In Berlin läuft seit Samstag die vom Netzwerk „Women Weaving the Future“ organisierte 2. Internationale Weltfrauenkonferenz „Unsere Revolution: Das Leben befreien“. Am Nachmittag gab es eine umfangreiche Workshop-Phase zu vielen Themenbereichen.

Insgesamt acht Workshops füllten die zweite Hälfte des ersten Tages. Ein Workshop widmete sich dem Thema der Ökonomie, wozu sich zunächst drei Sprecherinnen äußerten und über ihre jeweiligen Erfahrungen berichteten.

Aus Bolivien berichtete Chryslen über das Colectivo Curva. Sie beschrieb, wie in den 1980er Jahren der Neoliberalismus in Bolivien Einzug hielt und zu einem Prozess der Prekarisierung führte. Unzählige Menschen verließen das Land und mussten in die Städte ziehen, um oftmals im häuslichen Bereich zu arbeiten. Allerdings bauten sich Frauen auch alternative Marktstrukturen auf, basierend auf Gegenseitigkeit und Fürsorge. In den sogenannten Caseras würden diese Werte sehr zählen und Beziehungen etabliert, die sich an Bedürfnissen und einer nachhaltigen Relation zur Erde orientieren.

Jule vom Netzwerk Longo maï stellte dieses vor. Seit nunmehr fünfzig Jahren widmen sich hierbei zehn Projekte in fünf Ländern dem Versuch, antikapitalistische Arten des Wirtschaftens in die Praxis umzusetzen. Im Netzwerk werde sich sowohl auf der menschlichen als auch der ökonomischen Ebene eng organisiert. Auf regelmäßigen Treffen wird besprochen, wie viel Ressourcen benötigt werden, wie diese organisiert und verteilt werden. Die landwirtschaftlichen Höfe versorgen sich größtenteils selbst, zudem werden Mittel über Subventionen und Spenden eingenommen. Jede Arbeit habe den gleichen Wert, die Bedürfnisse nach ihrem tatsächlichen Vorhandensein abdeckt, nicht nach Einkommen.


Über den Aufbau von Kooperativen in Rojava erzählte Elif Kaya von der kurdischen Frauenbewegung. Dabei betonte sie deren Ursprünge in Nordkurdistan und den Kämpfen der Frauen um Autonomie auch in ökonomischen Belangen. In Rojava werde versucht, insbesondere in der Landwirtschaft oder Nahrung, alternativ zu wirtschaften und zu produzieren, dennoch stellen sich dort große Herausforderungen. Neben der notwendigen Bildung, um auch Mentalitäten zu verändern, stellt der Krieg das größte Problem dar. Die Region werde kontinuierlich angegriffen. Auch werden die ökonomischen Grundlagen gezielt zerstört, wie 2020 mit dem Verbrennen der Weizenfelder gesehen. Hieran lasse sich jedoch auch sehen, wie Selbstverteidigung und Ökonomie zusammenhängen: im folgenden Jahr hätten die Menschen die Felder bewacht.

In der anschließenden Diskussion wurde die Notwendigkeit von dauerhaften, größeren solidarischen Netzwerken betont, um dem kapitalistischen System zu trotzen. Noch seien die Abhängigkeiten von diesem zu hoch. Zudem sollten sich alle die globalen Zusammenhänge bewusst machen und verstehen, wie die eigenen Prozesse des Wirtschaftens miteinander in Bezug stehen und die jeweiligen Territorien beeinflussen.

Widerstand gegen erzwungene Migration

Ein weiterer Workshop drehte sich um den „Widerstand gegen erzwungene Migration“. Auf dem Podium saßen eine Frau aus Afghanistan, welche etwas zur aktuellen Situation dort berichtete, eine Frau aus Peru und eine aus Ecuador, die auch jeweils über die Hintergründe der Migration, den Verhältnissen und den Widrigkeiten sagten. Eine Journalistin aus Ägypten schilderte ihre persönliche Erfahrung mit Folter, Bedrohung und der Flucht nach Deutschland. Sie betonte, dass sie auch in Deutschland weiterhin durch den ägyptischen Geheimdienst bedroht werde, ihre Familie und Angehörige wie Geiseln gehalten würden.

Dies sei alles sehr beeindruckend gewesen, wie eine Teilnehmerin erzählte. In der anschließenden Diskussion, in welcher nur Frauen mit Migrationshintergrund ihre Erfahrungen teilten und diese politisch einfassten, wurde insgesamt deutlich, dass es viel Kritik an den Migrationsbewegungen gebe. Gerade auch weil die Vorstellung, in einem vermeintlich sicheren Land zu leben, so nicht funktioniere. Zudem seien die Bedingungen für Migrant:innen oft jahrelang sehr schwer. Es wurde für mehr Zusammenschlüsse, für Intersektionalität und für einen Weltfrauenkonföderalismus geworben – auch, um Netzwerke zu bilden, für gegenseitige Unterstützung von der Basis heraus, statt sich auf NGOs zu verlassen.

Keine Gesundheit ohne Freiheit

Der Workshop zum Thema „Gesundheit“ wurde von der Jineolojî gehalten, in Zusammenarbeit mit dem Kollektiv MATALENA (Theater der Unterdrückten, Berlin). Es gab kurze Einleitungen, ein Video aus Rojava und anschließend wurde selbst Theater gespielt.

Zunächst ging es um den Ursprung des Wortes Gesundheit und die Bedeutung. Tenderustî (Kurdisch), Slam (Irisch) und Salud (Spanisch), all dies bedeutet „vollständig werden“. Jedoch könne man nicht „eins“ werden, ohne frei zu sein. Dementsprechend gebe es keine Gesundheit ohne Freiheit. Eine Perspektive auf Gesundheit basierend auf Freiheit sei etwas, was über die dominante westliche Perspektive und ihre kontrollierende Funktion hinausginge. Betont wurde zudem, dass der aktuelle globale Krieg nicht ein militärischer sei. Dieser Krieg mache die Menschheit krank auf viele verschiedene Weisen. Hingewiesen wurde auch darauf, dass im Patriarchat Frauen traditionell die Rolle der Fürsorge zugesprochen, diese aber gleichzeitig abgewertet werde.

In der Diskussion wurde betont, dass wir bereits im Prozess seien, eine neue Welt zu bauen und ein neues System der Gesundheit und Gerechtigkeit. Jedoch könne dies kein Individuum alleine schaffen. Gefragt wurde, wie wir Aspekte stärker verbinden können, wie wir als Frauen weiterkommen und uns mit ähnlichen Projekten verknüpften. Der demokratische Weltfrauenkonföderalismus bedeute, dass die Werte, die gebraucht werden, damit die Gesellschaft frei werde, bereits vorhanden seien. Kommunale Strukturen seien da, sie würden nur durch das System der Unterdrückung verdeckt werden. Um voranzukommen, müssten wir erkennen, welche Werte und kommunale Strukturen es zu stärken und welchen es zu widersetzen gilt. Und welche neuen Strukturen müssen wir aufbauen?

In dem Workshop zum Thema Perwerde/Bildung tauschten sich rund 100 Frauen darüber aus, wie Bildung gestaltet sein muss, um zur Befreiung der Frau beizutragen. Wie sind Bildung und Pädagogik gestaltet, welche die auferlegten Rollen und Normen des Patriarchats, welche Frauen unterdrücken und ausbeuten, bekämpfen und Alternativen schaffen?

In dem Workshop haben vier verschiedene Initiativen aus vier verschiedenen Orten der Welt ihre Bildungsorte und Begegnungsstätten vorgestellt und mit den Teilnehmer:innen über ihre Inspirationen, Möglichkeiten, Erfolge und Motivation gesprochen. Zu Besuch war eine indigene Aktivistin aus der Region Cauca, die die Initiative Pueblos en Camino vorgestellt hat. Diese Initiative versucht Kinder wieder eine Verbindung zur eigenen Geschichte näher zu bringen und dabei aufzuzeigen, dass es auch ein langes Leben vor der Kolonialisierung von Cauca gab. Sie versuchen mit ihrer Initiative, der Entfremdung von ihrem eigenen Territorium entgegenzuwirken und andere Narrative und Erfahrungen zu bieten, die sich gegen die der Besatzung und Kolonialisierung richten. Eine andere Referentin stellte eine Initiative aus Euskal Herria vor. Dort gibt es eine interkulturelle Bildungsstätte als Begegnungsort, in dem emanzipatorische, antirassistische, antipatriarchale Bildung im Stadtteil gemacht wird. Eine weitere Bildungsstätte kam aus einem Stadtteil aus Barcelona. Dort versuchen die Menschen in ihrem Projekt, Bildung auch mit dem Thema Armut und Häuserkampf zu verbinden. Die vierte Referentin war eine Frau der kurdischen Frauenbewegung, die mit den Teilnehmenden über die Notwendigkeit sprach, das den Frauen durch das Patriarchat geraubte Wissen zurückzuerobern. Dies sei ein notwendiger Schritt zur Befreiung. Ein Beispiel dafür ist das Wissen über das Gebären, das viele Frauen nicht mehr haben. Dadurch sind Frauen in der Situation einer Schwangerschaft hilfloser, als sie vermutlich in einer vom Patriarchat befreiten Gesellschaft wären. Die Referentin schloss ihren Beitrag mit den inspirierenden Worten: „Bildung ist das Begehren nach Freiheit“. Daran anschließend reflektierten alle Teilnehmer:innen gemeinsam, welche Ziele, Methoden, Stärken und Schwierigkeiten das Entwickeln alternativer Bildung zur Befreiung mit sich bringt.

Fokus auf Frauen legen

Ein weiterer Workshop fand unter der Frage „Was können wir tun, um zu sichern, dass die existierenden Bewegungen und Institutionen in der politischen ökonomischen und kulturellen Sphäre sich inhaltlich auf die Befreiung von Frauen fokussieren?“ statt. Zunächst war es sehr schwierig, die verschiedenen Sprachen und Übersetzungen zu organisieren, was teilweise mit dem Spinnenübersetzungssystem geregelt wurde.

Laura Sandoval von der zapatistischen Frauenbewegung in Europa beschrieb die Schwierigkeiten, die es zwischen Feministinnen und Zapatistinnen immer wieder gegeben habe. Sie erklärte, dass Feministinnen aus Europa, aber auch in Mexiko immer wieder versucht hätten, die Zapatistinnen dazu zu bringen, sich selbst als Feministinnen zu bezeichnen. Die Zapatista verstanden ihren Kampf in erster Linie als antikoloniale Bewegung und befürchteten, dass ihr 500-jähriger Widerstand nicht gesehen wurde. So kam es zu einem Bruch. Sie wollten nicht, dass Menschen aus Europa ihnen sagten, wie sie sich benennen sollten.

Sandoval erklärte, dass sie sich selbst als Wächterinnen der alten Kultur, als wichtige Kräfte zum Schutz der Natur sehen würden. Die Zapatista hätten internationale Treffen mit 8000 Frauen ausgerichtet und Frauen und andere sexuelle Identitäten aus der ganzen Welt getroffen. Auch versuche die zapatistische Bewegung, die Männer zu überzeugen und ihnen klarzumachen, welche Probleme das patriarchale System hat. „Es ist für uns ganz wichtig, mit unseren Genossen zusammen zu laufen. Wir haben es geschafft, dass es keine Femizide mehr bei uns gibt, keine Fälle mehr von Kindesmissbrauch, aber dennoch gibt es auch bei uns weiterhin Gewalt.“

Estella Fares von Ni Una Menos erklärte, dass sich 2015 verschiedene politische kulturelle gewerkschaftliche Kräfte und soziale Organisationen in Argentinien koordinierten, um die feministische Revolte auf die Straße zu bringen. „Das erste Mal haben wir am 13. August 2016 aufgerufen, gegen Femizide auf die Straße zu gehen. Es gab damals viel Wut und das Bedürfnis Lösungen zu finden, damit Frauen nicht länger wie ein Stück Fleisch betrachten werden, sondern als Personen.“ Ni Una Menos habe sehr gute Erfahrung mit der transfeministischen Organisierung gemacht, Hierarchien würden abgelehnt, sie hätten große Motivation, alles zu verändern. Neue politische Vorstellungen seien durch den Kampf um den eigenen Körper entstanden - im Kampf gegen Abtreibungsverbote, gegen Femizide, mit Bezugspunkt auf die Streikbewegung von Frauen in Argentinien, auf die Frauen, die in den 1960ern die Waffen genommen hatten, um zu kämpfen.

„Unsere Bewegung war wirklich eine Explosion, damals gab es einen Femizid am Tag, eine Frau wurde sogar zerstückelt. Im Juni 2015 gab es einen Aufruf, eine Explosion der Wut der FLINTAs, alle ist herausgekommen“, beschreibt Estrella die Situtation, die zur Gründung von Ni Una Menos geführt habe.

Das staatliche System überwinden

Hacer Özdemir aus Nordkurdistan erklärte, dass in einer Phase, in der die Nationalstaaten sich stärken wollen, der Kampf der Frauen bedeute, das staatliche System zu überwinden. Das System der Frauen sei ein System, das die ganze Gesellschaft befreie. Der Kampf in Nordkurdistan habe verschiedene Säulen, auch politische Parteien seien ein Teil davon. Die Bewegung kämpfe sehr lange und habe sogar ihren Namen mehrmals geändert. Institutionen wurden verboten und geschlossen, zahlreiche Menschen seien im Exil oder im Gefängnis, denn die Türkei sei ein faschistischer Staat. Das Regime von Erdogan basiere auf der Idee einer Flagge, einer Nation, einer Sprache, aber die Gesellschaft sei vielfältig, in der Bewegung seien auch keineswegs nur Kurd:innen.

Sie berichtete von Plattformen, die zum Beispiel Kampagnen betreiben, egal, wie stark die Repression sei. Die Parole „Jin Jiyan Azadî“ bedeute, dass Frauen und ein freies Leben verknüpft seien, sonst gebe es auch keine Freiheit. Es sei keine Parole, sondern eine Philosophie.

In den 1990er Jahren seien viele Frauen der Guerilla beigetreten, nicht nur um mit der Waffe zu kämpfen, sondern um sich selbst kennenzulernen. Frauen wären zuvor das Objekt von „Ehre“ gewesen. Um Männer zu foltern, wären Frauen vor ihren Augen vergewaltigt worden, aber die Bewegung wurde immer stärker, Organisationen und Institutionen wurden aufgebaut. „Wir machen Kampagnen, aber auch gleichzeitig Bildung für Männer, denn wir sind gezwungen, auch die Männer zu verändern.“

Zahlreiche Fragen wurden diskutiert. Eine Debatte war, wie die Bewegungen, die nicht so stark sind wie die kurdische Bewegung, gerade unter den „linken“ Regierungen, den Staat zurückdrängen könnten. „Wir haben ein gemeinsames Ziel, den Kampf der Frauen voranzubringen, die Revolution der Frauen. In Iran gibt es zum Beispiel Hinrichtungen, aber seit zwei Monaten geht der Widerstand ungebrochen weiter, vor allem in Rojhilat. Wir sind Frauen, wo wir auch sind. Der Wind der Freiheit der Frauen ist der Wind, der die Gesellschaft voranbringt“, so Hacer Özdemir.

Estrella Fares erklärte: „Regierungen, die uns nahestehen, wollen uns dazu bringen, dass wir uns besänftigen. Es ist sehr schwer, in diesem Widerspruch zu kämpfen, aber wir müssen Räume schaffen und einander zuhören, damit wir gemeinsam auf der Straße bleiben.“

Eine Teilnehmerin aus Bolivien sagte: „Wir können uns gegenseitig zuhören und voneinander lernen, um gemeinsam lachen und kämpfen zu können“.

Laura Sandoval erklärte zum Abschluss: „Was uns vereinigt, sind das Leiden, die Kämpfe für ein besseres Leben, das Leid der Natur und der Frauen. Wir müssen uns gegenseitig spüren, um herauszubekommen, wie wir zusammen kämpfen können.“ Liebe und Zuneigung seien besonders wichtig, ebenso auch die Räume dieser Konferenz, um sich auszutauschen und voneinander zu lernen.

Der Workshop zeigte allen Anwesenden, wie wichtig es ist, auch die Unterschiede in den Kämpfen zu erkennen, um eine gemeinsame Kraft aufzubauen, und wie wichtig es ist, sich zuzuhören und zu fühlen.

 

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