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Phosphorbombeneinsätze der türkischen Armee


Die türkische Armee hat begonnen, Phosphorbomben in Südkurdistan einzusetzen. In Şikefta Birîndara wurde Phosphor gegen die Kriegstunnel der Guerilla abgeworfen.

Das Pressezentrum der Volksverteidigungskräfte (HPG) berichtete am Montag, die türkische Armee habe am 10. Juli um 12.50 Uhr Phosphorbomben gegen die Kampfstellungen der Guerilla im Widerstandsgebiet Şikefta Birîndara eingesetzt. Nach unzähligen Einsätzen von chemischen Waffen und schweren Bomben wurde nun der Einsatz von Phosphor festgestellt.

Phosphor als „legale“ Brandwaffe

Mit dem Einsatz von Phosphorbomben steht nach dem Zusatzprotokolls der Genfer Konvention vom 8. Juni 1997 ein weiteres Kriegsverbrechen im Raum. Während der Einsatz von Phosphorbomben in zivilen Gebieten streng verboten ist, ist der sonstige Einsatz nicht allgemein verboten, da Phosphor als Brandwaffe gilt.

Phosphor – eine verbotene Chemiewaffe?

Phosphorbomben bestehen in der Regel aus einem Gemisch aus Kautschuk und weißem Phosphor, der sich bei Luftkontakt entzündet und dann bei etwa 1.300 Grad brennt. Wenn der Rauch und die Flammen von Phosphor in direkten Kontakt mit dem Körper kommen, verbrennen die Organe von innen. Wenn die Verbrennungsreaktion bei Opfern von Phosphorbomben erst einmal begonnen hat, ist es sehr schwierig, sie zu stoppen. Wenn es mit Hautkontakt beginnt, können die Verbrennungen oft sogar die Knochen verbrennen. Beim Einsatz von Phosphor entstehen hochgiftige Dämpfe, die bereits beim Einatmen von 50mg tödlich sind. Die Dämpfe führen zum Erstickungstod. Daher ist die Einordnung von Phosphor als Brandwaffe umstritten und es wird immer wieder diskutiert, Phosphorbomben als Chemiewaffen einzuordnen und jeden Einsatz als Kriegsverbrechen zu verbieten. Allerdings stehen dem Staaten wie die USA, Russland und Israel gegenüber, die systematisch Phosphorbomben einsetzen.

Massenvernichtungswaffe

So setzte Israel im Libanonkrieg 2006 Phosphorbomben ein, die USA nutzten die Bomben im Irak und Russland Berichten zufolge zuletzt in der Ukraine. Während Phosphor auch in Leuchtgranaten eingesetzt werden, die über dem Gelände gezündet werden, werden Phosphorbomben gegen Personen eingesetzt und dienen dazu, große Gruppen von Personen zu verbrennen.

Türkischer Phosphoreinsatz in Serêkaniyê

Ein klares Kriegsverbrechen stellt der Phosphoreinsatz durch die türkische Armee gegen die Stadt Serêkaniyê in Rojava dar. Am 19. Oktober 2019 setzte die türkische Armee Phosphorbomben gegen die Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) und die Zivilbevölkerung ein. Menschenrechtsorganisationen berichteten, dass bei diesem Angriff 33 Menschen verbrannt wurden, darunter 23 Zivilisten und zehn QSD-Kämpfer:innen. Der Einsatz von Brandwaffen gegen die Zivilbevölkerung ist nach dem oben zitierten Zusatzprotokoll der Genfer Konvention verboten. Sechs Menschen, die bei diesem Phosphorbombeneinsatz ums Leben kamen, wurden so stark verbrannt, dass sie bis heute nicht zu identifizieren sind.

Schweizer Labor belegt Phosphorbombeneinsatz

Im Januar 2020, einige Monate nach dem Massaker in Serêkaniyê mit einer Phosphorbombe, gab ein Schweizer Labor die Ergebnisse ihrer Analyse eines Splitters bekannt, der einem verwundeten QSD-Kämpfer entnommen worden war. In der untersuchten Probe wiesen die Experten einen signifikant hohen Gehalt an Phosphor sowie typische chemische Verbrennungen an dem Verletzten nach. Die Organisation zum Verbot des Einsatzes chemischer Waffen (OPCW) unterstützte die türkische Position und weigerte sich, den Phosphoreinsatz als Chemiewaffeneinsatz zu klassifizieren.

Türkische Armee setzt immer wieder Phosphorbomben ein

Der türkische Staat setzte 2015 und 2016 auch Phosphorbomben gegen den Widerstand in den nordkurdischen Städten ein. Ab März 2016 war insbesondere die Stadt Nisêbîn (tr. Nusaybın) betroffen. Die türkische Armee tötete viele Zivilist:innen und Mitglieder der zivilen Verteidigungseinheiten YPS und brannte ganze Viertel nieder.

Auch im Herbst 2011, während der damaligen Guerillaoffensive, griff die türkische Armee auf Phosphorbomben zurück. Die von der Guerilla während der Offensive gehaltenen Gebiete wurden im Sommer 2012 mit Phosphorwaffen bombardiert, was zu schweren Umweltschäden führte. Ein großer Teil der Waldgebiete in der Gegend von Erdewil im Bezirk Şemzînan wurde im Juli 2012 durch abgeworfene Phosphorbomben niedergebrannt. Unter dem Einfluss der Sommerhitze dauerten die durch Phosphor verursachten Brände tagelang an.

Einsatz von Phosphorgas gegen Gefangene

Als besonders brutales Verbrechen gilt der Einsatz von Phosphorgas gegen Gefangene am 19. Dezember 2000. Gegen hungerstreikende politische Gefangene wurden in der Türkei im Rahmen der Operation „Rückkehr ins Leben“ chemische Kampfstoffe eingesetzt. Dabei starben zwölf Gefangene. Der Befehl zu diesem Einsatz stammte von dem mittlerweile pensionierten Militärpolizeigeneral Aytaç Yalman. In einem Verfahren vor dem 2. Schwurgericht von Bodrum räumte er den Einsatz von Phosphorgas gegen die Gefangenen ein. Die Täter blieben straflos.

 

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