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Kurdisches Impftrauma

Auch in der kurdischen Community gibt es Menschen, die einer Impfung gegen das Coronavirus skeptisch gegenüberstehen. Ins kollektive Gedächtnis hat sich ein tiefes Misstrauen gegenüber staatlichen Gesundheitsbehörden eingegraben.

Die 4. Welle der Corona-Pandemie wütet und die Inzidenzen erreichen neue Höchststände. Krank werden vor allem die Ungeimpften. Die Pharmaindustrie hat in Rekordzeit Impfstoffe entwickelt, und nach allem, was man weiß, sind sie auch sehr wirksam. Doch glaubt man den Virologen, reicht die Zahl derer, die sich impfen ließen, nicht aus, um die pandemische Situation zu stoppen. Viele Impf-Verweigerer, die die in einer Pandemie nötige gesellschaftliche Solidarität verweigern, gehören der sogenannten „Querdenker“-Szene an – ein Sammelbecken aus Rechtsradikalen, „Wutbürgern“ oder Verschwörungstheoretikern.

Von denen soll hier nicht die Rede sein. Vielmehr schauen wir in die kurdische Community. Auch da gibt es Menschen, die zögern, sich impfen zu lassen. Warum? Nach den Gründen befragt, antwortete ein 35-jähriger Kurde aus Şirnex: „Es liegt nicht daran, dass man Angst hat oder gegen den Impfstoff ist. In den 90er Jahren wollte der türkische Staat uns vernichten. Sie brannten unsere Dörfer nieder, sie wollten uns vertreiben und sie wollten uns auch krank machen. Die damalige Innenministerin war Meral Akşener. Das Ziel war, die ,Kurdenfrage' durch Vernichtung zu lösen. Sie schickten Ärzte in die Dörfer, um alle zu impfen. Viele wurden daraufhin krank und starben. Als ich ein kleiner Junge war und die Männer mit der Spritze in unsere Schule kamen, packte ich meinen Arm, als ob ich gerade eine Spritze bekommen hätte, um nicht geimpft zu werden. Einmal kamen sie auf das Feld, auf dem wir arbeiteten. Ich rannte und versteckte mich, damit sie mich nicht erwischen.“

Was steckt hinter dieser Geschichte? Osman Durmuş, türkischer Gesundheitsminister von 1999 bis 2002 und Mitglied der faschistischen MHP, startete eine Impfkampagne gegen das Masernvirus. In den kurdischen Gebieten wurde ein Impfstoff verabreicht, der bald als „Todesimpfstoff" bezeichnet wurde. Bei vielen Kindern wurde daraufhin eine subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE) diagnostiziert, eine Erkrankung des Gehirns, die langsam zum Tod führt. Die Menschenrechtsanwältin Eren Keskin vertrat eine betroffene Familie und verlangte eine Untersuchung, die jedoch verweigert wurde. Keskin forschte nach der Krankheitsursache. Im Diagnosebericht der Familie, die sie vertrat, hieß es, dass „der Masern-Impfstoff in der falschen Dosis verabreicht wurde oder das Verfallsdatum abgelaufen ist".

Ob der Impfstoff nun verunreinigt war oder zu alt oder ob die Dosierung nicht stimmte, konnte oder wollte der türkische Staat nicht recherchieren. Geblieben ist die kollektive Angst vor den „Männern mit der Spritze“ in weiten Teilen der Bevölkerung.

Dazu gesellten sich dann noch Berichte über das sogenannte „Familienplanungsprogramm“. Hintergrund ist die Bekanntgabe des Nationalen Sicherheitsrats Anfang der 2000er Jahre, dass laut einer Statistik nahezu die Hälfte der Bevölkerung der Türkei Kurd:innen seien. Um das Wachstum der kurdischen Bevölkerung einzudämmen, machten Mitarbeiterinnen der Gesundheitsbehörden in kurdischen Familien Hausbesuche und warben für Geburtenkontrolle (Pille, Spirale) oder Sterilisation. Bald kursierten Gerüchte über Zwangssterilisierungen nach Geburten.

Ins kollektive Gedächtnis der kurdischen Bevölkerung hat sich ein tiefes Misstrauen gegenüber staatlichen Gesundheitsbehörden eingegraben. Selbst Osman Yüksekyayla, Präsident der Ärztekammer Urfa (ku. Riha), sieht mit Blick auf die zögerliche Impfbereitschaft gegen das Corona-Virus einen Zusammenhang: „Es besteht eine Unsicherheit aufgrund des Auftretens der subakuten sklerosierenden Panenzephalitis (SSPE) insbesondere während der Masern-Impfphase in den 1990er Jahren. Das existiert im Gedächtnis der Gesellschaft und wird über die Jahre nicht ausgelöscht. Es geht nicht nur um Impfstoffe, es ist ein politisches Thema.“

Und doch hat sich der Kurde aus Şirnex jetzt gegen das Coronavirus impfen lassen. Er akzeptierte den Impfstoff, um die eigene physische Gesundheit und damit die der gesamten Gesellschaft zu schützen. Er weiß aber auch, dass die Gesundheit der Gesellschaft nicht durch Impfstoffe der Pharmaindustrie sicherzustellen ist.

Wir sollten sehen, dass diese Krankheit (Covid19) ein Produkt der Kapitalistischen Moderne ist, die die Lebensgrundlagen auf diesem Planeten zerstört. Als Gesellschaft müssen wir Vorkehrungen treffen – gegen das Coronavirus und gegen das andere Virus namens Kapitalismus.“ Gegen die Kapitalistische Moderne empfiehlt er ein Vakzin, das viele Kurd:innen bereits in sich tragen. Er spricht vom „Hoffnungs-Impfstoff“, der keine Spritze braucht. Es ist der Wille, dieses System zu bekämpfen, das Zerstörung, Krankheit und Tod bringt. Der kleine Junge aus Şirnex zitiert heute Abdullah Öcalan: „Wenn du leben willst, dann lebe in Freiheit“. Mit seiner doppelten Impfung ist er bestens gerüstet zum Kampf für ein freies Leben.

 

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