Die Jesiden und Kurden im Nordirak haben gute Gründe zur Flucht.


Tausende von Flüchtlingen aus dem Irak und anderen Ländern im Nahen Osten sind an die polnische Grenze gereist, seitdem Weissrussland die Visavergabe erleichtert hat.Viktor Tolochko / Imago

Glück ist ein sehr relativer Begriff für jemanden, der durch die Hölle des Islamischen Staats (IS) gegangen ist. Für viele Jesiden bedeutet Glück, Zuflucht in einem westlichen Land zu finden, auch wenn sie dort die Sprache und die Kultur nicht kennen und nicht wirklich willkommen sind. Amers* Brüder und Eltern haben ihr Glück bereits gefunden: Eine Hilfsorganisation ermöglichte den Brüdern die Übersiedlung nach Deutschland, später zogen die Eltern im Rahmen der Familienzusammenführung nach. Doch Amer und seine beiden Schwestern schafften es nicht.

Nun wollen es die Geschwister auf eigene Faust versuchen – über Weissrussland. Eine Zukunft im Nordirak sehen sie nicht für sich, und eine Rückkehr in ihre Heimatdörfer im Sinjar-Gebiet kommt für sie nicht infrage. Als der IS im August 2014 die Region westlich der irakischen Grossstadt Mosul überfiel, musste die Familie in die nahe gelegenen Sinjar-Berge fliehen. «Tagelang brachten wir ohne Essen und Trinken in den Bergen zu», erzählt Amer bei einem Treffen in einem Flüchtlingscamp in Shariya, wo er heute lebt.

Über Tage lebten sie in der Angst, dass IS-Kämpfer sie erwischen und wie Tausende andere Jesiden verschleppen oder schlimmstenfalls ermorden. Rettung kam erst, als Kämpfer der mit der Türkei verfeindeten Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und deren syrischer Ableger einen Korridor nach Syrien freikämpften. Über Syrien kehrte die Familie später in den kurdischen Teilstaat im Nordirak zurück.

Nur ein Viertel der Jesiden kehrte zurück

Seitdem leben Amer und seine Schwestern mit anderen Jesiden in dem Vertriebenenlager in Shariya, südlich der kurdischen Provinzhauptstadt Dohuk. Nur rund ein Viertel der ehemals rund 450 000 Bewohner der Sinjar-Region ist seit dem Sieg über den IS vor vier Jahren in ihre Dörfer heimgekehrt. Doch viele der schwer traumatisierten Rückkehrer klagen über mangelnde öffentliche Dienstleistungen, fehlende Arbeit und vor allem die anhaltende Unsicherheit. Einige sind deshalb bereits wieder in die Vertriebenenlager zurückgekehrt.

Viele Jesiden im Flüchtlingslager von Shariya können bis heute nicht nach Sinjar zurück, andere sind nach einiger Zeit in der Heimat ins Camp zurückgekehrtAri Jalal / Reuters

Mit ihren Wallfahrtsorten ist die Sinjar-Region eines der Kerngebiete der Jesiden, doch sicher sind sie dort nicht. Denn heute streiten sich die irakische Regierung, schiitische Milizen, PKK-Anhänger und die im Nordirak dominierende Demokratische Partei Kurdistans (KDP) um die Kontrolle des Gebiets. Für zusätzliche Unsicherheit sorgt die Türkei, die schon mehrfach PKK-Stellungen in Sinjar bombardiert hat und immer wieder mit einer Grossoffensive droht.

Für Amer kommt in dieser Situation eine Rückkehr nach Sinjar nicht infrage. «Mein Vater war ein reicher Mann», sagt der 31-Jährige. Aber die IS-Extremisten zerstörten und raubten seinen Besitz. «Und jetzt herrschen dort vier verschiedene Parteien.» Kurdistan sei zwar sicherer, aber auch hier stünden Jesiden wie er unter Druck. Tausende flohen deshalb in den letzten Jahren nach Europa, vor allem über den riskanten Seeweg zwischen der Türkei und Griechenland.

Mit der Route über Weissrussland gibt es seit diesem Jahr einen neuen, weniger gefährlichen Weg. Nachdem der weissrussische Diktator Alexander Lukaschenko im Frühjahr auf die zynische Idee gekommen war, die Flüchtlinge als Druckmittel gegen Europa einzusetzen, konnten Iraker in Erbil plötzlich ganz einfach Visa für Weissrussland erhalten. Ausgestellt wurden sie über Mittelsmänner vom weissrussischen Honorarkonsulat in Erbil oder von der Botschaft in Bagdad.

Manche besorgten sich das Visum einfach über ein Reisebüro. Doch wer nur ein Visum und einen Flug hat, riskiert, in Weissrussland zu stranden. Alle Personen, mit denen die NZZ im Nordirak sprach, heuerten deshalb Schmuggler an. Diese offerieren All-inclusive-Pakete, bei denen der Schmuggler die ganze Reise organisiert und die Ankunft am gewünschten Ziel garantiert. Erst dann erhält er sein Geld, das die Flüchtlinge in der Zwischenzeit bei einem Gewährsmann, meist einem Geldwechsler, deponieren.

Auch das syrische Regime verdient mit

Zu Beginn von Lukaschenkos «Öffnung» konnten die Flüchtlinge noch von Bagdad direkt nach Minsk fliegen. Unter dem Druck der EU hat die irakische Regierung die Direktflüge im August jedoch eingestellt. Der syrische Despot Bashar al-Asad roch daraufhin eine neue Einnahmequelle und betätigt sich seitdem selbst als Schleuser. Viele Jesiden fliegen nun von Bagdad nach Damaskus, von wo die syrische Fluggesellschaft Cham Wings nach Minsk fliegt. Auf den Websites des Damaszener Flughafens und der Fluggesellschaft findet man die Flüge nicht. Wohl aus gutem Grund: Cham Wings und deren Eigner Issam Shammout wurden von Washington mit Sanktionen belegt.

Die wichtigsten Fluchtwege der Jesiden nach Europa

Von Minsk geht es auf dem Landweg in Richtung der polnischen Grenze, wo die Flüchtlinge von einem Ortskundigen durch die Wälder geführt werden. Amer weiss, dass auch dieser Weg Gefahren in sich birgt. Ein Cousin wurde dreimal von polnischen Grenzwächtern festgenommen und wieder nach Weissrussland ausgeschafft. Die Gruppe von Jesiden sei aber jeweils von der weissrussischen Polizei wieder zurück zur Grenze gebracht worden.

Die Grenzregion zwischen Weissrussland und Polen hat sich zu einem Brennpunkt der europäischen Migrationskrise entwickelt. In der Nähe der weissrussischen Stadt Grodno, nur knapp zwanzig Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, haben sich Hunderte von Migranten vorwiegend aus dem Irak und Afghanistan in einem notdürftigen Lager eingefunden. Sie gelangen meist mit Flugzeugen direkt aus dem Nahen Osten nach Minsk – doch ihr Ziel ist, in die EU zu gelangen.
Viktor Tolochko / Imago

Ist die weissrussisch-polnische Grenze erst einmal überwunden, ist der Rest nach Auskunft von Flüchtlingen relativ einfach. An einem verabredeten Ort treffen sie einen Taxifahrer, der sie zur Grenze zwischen Polen und Deutschland bringt. Hinter der deutschen Grenze treffen die Flüchtlinge meist einen weiteren Fahrer, der sie nach Berlin oder in eine andere ostdeutsche Stadt fährt.

Sicherheit und Menschlichkeit zählen

Im vierten Anlauf hat es Amers Cousin geschafft. «Nach 15 Tagen kam er in Holland an.» Von einem weiteren Cousin fehlt jedoch jede Spur. Amer vermutet, dass er in einem polnischen Gefängnis sitzt. Das alles kann ihn nicht abhalten. Mindestens 30 000 Dollar wird ihn die Flucht mit seinen beiden Schwestern kosten. Er weiss, dass in Deutschland nicht Milch und Honig fliessen. Aber dort gebe es Sicherheit und Menschlichkeit, sagt er. Das ist es, was für ihn zählt.

Wenn die Migranten einmal die Grenze nach Polen überquert haben, ist der weitere Weg nach Deutschland relativ leicht.
Maja Hitij / Getty

Mit der Hoffnung auf ein Leben in Europa ist Amer in Shariya nicht allein. In fast jeder Familie in dem Flüchtlingscamp und der angrenzenden Kleinstadt gibt es jemanden, der in diesem Jahr nach Europa geflohen ist, die meisten über Damaskus und Minsk, manche auch über Istanbul. «Jeder, der kann, geht», sagt ein Friseur in Shariya, dessen zwei Brüder die Route über Minsk wählten. «Muslime, Jesiden und Christen sollten gleich sein. Aber hier gilt das nicht.»

Flucht vor Gewalt, Korruption und Wirtschaftskrise

Es sind nicht nur Jesiden, sondern auch Kurden, die massenhaft über Weissrussland nach Europa fliehen. Ähnlich wie die Jesiden treibt die Kurden eine Mischung aus politischen und wirtschaftlichen Gründen ins Ausland. Infolge der Coronavirus-Pandemie macht Kurdistan eine schwere Wirtschaftskrise durch. Die Regionalregierung, die in der Region der Hauptarbeitgeber ist, zahlt oft monatelang keine Gehälter. Die Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen ist hoch.

Gleichzeitig sehen die Bürger, dass die Parteioberen immer reicher werden und ihre Söhne hohe Posten bekommen, auch wenn ihnen die Qualifikation dafür fehlt. Gründet jemand einen Betrieb, muss er dafür einen Vertreter der KDP oder der rivalisierenden Patriotischen Union Kurdistans (PUK) ins Boot holen. «Das sind keine Parteien, sondern Mafiaorganisationen», sagt der Kurde Owen* aus Badawan, einem kleinen Dorf zwischen Erbil und Suleimaniya. Widerstand sei zwecklos.

In den letzten Monaten gab es an verschiedenen Orten Proteste gegen die KDP und die PUK, die den Osten von Kurdistan dominiert. Statt mit Reformen reagierten die Parteien mit Repression. Dutzende von Demonstranten und Journalisten landeten im Gefängnis und wurden von KDP-nahen Richtern wegen Terrorismus angeklagt. In der Region um Suleimaniya erschossen Sicherheitskräfte der PUK mehrere Demonstranten. Seit Monaten tobt zudem innerhalb der Partei ein erbitterter Machtkampf, der für Unsicherheit sorgt.

Wartelisten bei den Menschenschmugglern

«Früher gab es zu viele Schmuggler und zu wenige Flüchtlinge. Deshalb logen die Schmuggler oft», sagt Owen. «Heute ist es genau umgekehrt. Der Andrang ist so gross, dass die Schmuggler ganz offen über die Gefahren sprechen. Und es gibt Wartelisten.» Allein aus seinem Dorf flohen in den letzten Wochen elf junge Männer. Offizielle Zahlen, wie viele Kurden seit dem Frühjahr nach Europa aufgebrochen sind, gibt es nicht. Die Informationen, die wir von Schmugglern und Mittelsmännern zusammengetragen haben, ergeben jedoch mehr als 10 000 Personen.

Die wichtigste Route für die Kurden führt von Erbil und Suleimaniya per Flugzeug über Istanbul, seltener auch über Dubai. Von Istanbul geht es dann auf dem Seeweg weiter nach Griechenland oder mit dem Flugzeug nach Minsk. Doch die Europäer machen Druck auf die kurdische Regierung, die Fluchtwelle nach Weissrussland zu stoppen. In Erbil sei inzwischen kaum noch ein Visum für Weissrussland zu bekommen, sagt ein Schmuggler, der anonym bleiben will. «Sie bekommen es in der Türkei.» Für das Visum stellen die Schmuggler den Kurden notfalls gefälschte Bescheinigungen aus, dass sie Geschäftsleute sind.

«Es gibt immer Wege»

Bis zu 13 000 Dollar kostet Kurden die Reise nach Europa. Um einem von Owens Halbbrüdern die Flucht nach Grossbritannien zu ermöglichen, verkauften die Eltern einen Teil ihrer Felder und Gärten mit saftig rot blühenden Granatapfelbäumen. Das erste Mal wurde das Boot des Halbbruders von der griechischen Küstenwache ins offene Meer zurückgedrängt. Das zweite Mal segelte er auf einer Jacht unter teilweise dramatischen Umständen bis nach Italien.

Kurz vor Italien brach der Mast, stundenlang musste sich der Halbbruder an das Boot klammern. Über Frankreich gelangte er schliesslich nach Grossbritannien, wo bereits ein weiterer Bruder lebt. Owen weiss um die Gefahren. «Griechenland ist gefährlich, vor allem nachts», sagt er. Insgesamt seien jedoch alle Fluchtwege einfacher geworden. «Es ist nur eine Frage des Geldes, auch in der Türkei. Wer von der Polizei festgenommen wird, besticht sie, dann lässt sie ihn ziehen.»

Wegen des hereinbrechenden Winters, der stürmischen See und der Eiseskälte in den weissrussischen Wäldern erwarten Schmuggler, dass die Fluchtwelle in den nächsten Monaten abebbt. Ein Ende sehen sie jedoch selbst dann nicht, wenn Weissrussland keine Visa mehr ausstellen sollte. Es gebe immer Wege nach Europa – davon sind Owen, Amer und viele andere Jesiden aus Sinjar überzeugt.

Die Gründe für eine Flucht werden nicht weniger, da sich Berichte über Entführungen und Morde in der Region häufen. Allein in den letzten Wochen seien vier junge Männer und Frauen verschleppt worden, ihre Leichen habe man am nächsten Tag im freien Feld entdeckt, erzählen Jesiden in Shariya. Von drei weiteren fehle jede Spur. Bei der verfolgten Minderheit wecken solche Vorfälle Erinnerungen an vergangene Verbrechen. «Wir haben 74 Genozide erlebt. Wie lange soll das noch weitergehen?», sagt Amer. «Uns hält hier nichts mehr. Und selbst wenn wir dafür durchs Feuer gehen müssen.»

Auch vier Jahre nach dem Sieg über den IS im Irak gibt es für die jesidischen Flüchtlinge im Lager von Shariya keine Sicherheit und keine Perspektive.

* Auf Wunsch der interviewten Personen haben wir nur ihre Vornamen genannt.

 

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