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Eindrücke aus dem selbstverwalteten Camp Lavrio (bei Athen)

Mit einer im griechischen Lavrio gestarteten Schiffsreise nach Italien haben politische Aktivist:innen an das internationale Komplott gegen Abdullah Öcalan und die kurdische Befreiungsbewegung erinnert. Anja Flach schildert ihre Eindrücke.

Am Abend des 8. November erreicht die Delegation des Freiheitsschiffes um 22.00 Uhr das Camp Lavrio. Wir werden mit Musik und einem Abendessen begrüßt, das gesamte Camp ist mit Fahnen geschmückt.  

„Es sind gerade sehr wenige Leute hier, da viele sich in den letzten Monaten auf den Weg nach Europa gemacht haben“, berichtet mir Samira aus Qamişlo, mit der ich heute Nacht das Zimmer teilen werde. „Vorher waren wir in diesem Zimmer zu neunt, jetzt nur noch zu zweit“, erzählt sie. Ihr Verlobter sei schon seit Jahren in Deutschland. In Qamişlo habe sie als Lehrerin gearbeitet, es sei alles sehr gut gewesen, aber der Liebe wegen wolle sie jetzt „nach Europa“. Das höre ich seit Tagen. Offensichtlich sieht niemand hier Griechenland als Teil von Europa. Samira erklärt mir, dass sie vor ihrer Ankunft in Lavrio nichts mit der kurdischen Bewegung zu tun gehabt habe. Natürlich sei sie hier Teil der organisierten Selbstverwaltung, wie alle anderen auch, und sie sei der Bewegung sehr dankbar dafür, dass sie an einem so gut organisierten Ort leben könne.

Begegnung mit Yannis Vasilis Yaylalı

Auch Yannis Vasilis Yaylalı treffe ich am Abend auf der Feier. Sein Name war früher Ibrahim Yaylalı, er war Soldat der türkischen Armee. 1994 wurde er verwundet und von der Guerilla gefangen genommen. Nach mehr als zwei Jahren in den Bergen war er überzeugt von den Ideen der kurdischen Bewegung. Seine Erfahrungen als Kriegsgefangener in den Händen der PKK hätten ihn und seine Weltanschauung völlig verändert. Yannis erfuhr bei der Guerilla, dass sein Urgroßvater während des Genozids an den Pontosgriech:innen ermordet wurde. Dessen Sohn, Yannis’ Großvater, wurde in eine türkische Familie gegeben und als muslimischer Türke erzogen. Nach seiner Zeit bei der PKK veröffentlichte Yannis einen Artikel über das Gedenken an den Genozid, woraufhin er von der Polizei verhaftet und schwer gefoltert wurde. Inzwischen lebt er in Griechenland und beteiligt sich immer wieder an Aktionen der kurdischen Bewegung. Gerne wäre er mit auf das Freiheitsschiff gekommen, seine rechtliche Situation ließe dies aber nicht zu.

Nach dem Massaker von Roboskî zog Yannis Vasilis Yaylalı (3.v.l.) für mehrere Jahre in das Dorf

Mevan, Amed und Firat

Mevan ist bei den Kämpfen in Rojava schwer verwundet worden, er hat seinen rechten Arm verloren. Nun ist er hier. Er will nur richtig genesen und dann so schnell wie möglich zurück nach Rojava. „Europa ist nichts für mich, da will ich auf keinen Fall hin. Das Leben dort ist doch nur von Individualismus und Egoismus geprägt. Das kommt für mich nicht in Frage“, sagt er.

Am nächsten Morgen treffe ich Amed und Firat unten im Hof. „Wir beiden sind die Einzigen, die hier schon länger als zwei Jahre sind“, erklären sie mir. „Wir wollen auch gar nicht nach Europa“, das Leben sei hier gut, die Bevölkerung von Lavrio helfe, wo sie nur könne. Es sei halt schwierig, dauerhafte Strukturen in Lavrio aufzubauen, da die meisten das Camp nur als eine Durchgangsstation sehen würden. Viele könnten Lavrio jedoch auch gar nicht verlassen, da die Kosten für die Schleusung nach Europa etwa 5.000 Euro betragen würden. Das könnten nur die aufbringen, die schon Verwandte dort hätten.

Lavrio ist eine Kleinstadt in der griechischen Provinz Attika, ca. 60 km südlich von Athen. Dort befindet sich eines der ältesten Flüchtlingslager Griechenlands: Erbaut in den 1960er Jahren für Flüchtlinge des Kalten Krieges aus der Sowjetunion, kamen in den 80er Jahren hauptsächlich politische Flüchtlinge aus der Türkei, die dem Militärputsch dort entkommen waren. Lavrio ist seither bekannt als Aufnahmelager für kurdische Flüchtlinge aus der Türkei und daher Ankara stets ein Dorn im Auge. Ab 2014 kamen vermehrt kurdische Familien aus Syrien und Rojava hinzu, die ihr Leben vor den Angriffen des Islamischen Staates (IS) retten konnten. Heute machen sie die Mehrheit der Bewohner:innen aus, aber auch Kurd:innen aus Bakur, Rojhilat und Başûr leben im Lager.
 
Bis vor wenigen Jahren war das Camp offiziell von Athen anerkannt und wurde mit Hilfe des griechischen Roten Kreuzes betrieben. Doch 2017 entzog die Syriza-Regierung dem Lager überraschend die staatliche Unterstützung. Seither ist Lavrio eine Art Selbstverwaltungszone, finanziert aus Spenden, überwiegend vom Kurdischen Roten Halbmond (Heyva Sor a Kurdistanê). Die Selbstverwaltung arbeitet nach dem Prinzip der Demokratischen Autonomie, ein Klein-Rojava quasi. Es gibt Komitees für Sicherheit, Sauberkeit, Gesundheit, Frauen, Jugend und Verwaltung. Jede:r Bewohner:in des Lagers ist Mitglied in mindestens einem der Komitees und trägt somit zum Funktionieren des Gesamtsystems bei. Externe Beziehungen des Lagers laufen über die Organisation des kurdischen Vereins in Athen.
Mit Lavrio wurde europaweit etwas Einzigartiges geschaffen. Die Bevölkerung der Kleinstadt Lavrio mit ca. 25.000 Einwohner:innen solidarisiert sich mit den Menschen im Lager, sie bringen Lebensmittel und andere Sachspenden vorbei, kaufen morgens ihre Zigaretten in dem kleinen Kiosk, den das Lager betreibt. Nachdem sich der griechische Staat zurückgezogen hat, gibt es jedoch auch Gerüchte, wonach der lokale Bürgermeister das Lager niederreißen und an dessen Stelle ein Hotel oder ein Einkaufszentrum errichten möchte. Das Gebäude gehört der Gemeinde und ist faktisch besetzt. Besetzt wurde auch noch ein weiteres kleineres Lager, nur etwa einen halben Kilometer entfernt, welches im Gegensatz zu dem ersten Lager aus Wohncontainern besteht. Zusammen leben in beiden Camps wohl etwa 200 Menschen.

 

Amed kommt aus Bakur und war dort schon mehrere Jahre aus politischen Gründen im Gefängnis. Erneut stand eine lange Haftstrafe an, da hat er die Türkei verlassen. Der Kontakt zu seiner Frau und seinem Kind ist seither abgebrochen. „Sie ist nach Izmir gegangen und hat mir keinen Kontakt zukommen lassen. Ich habe große Sehnsucht nach meiner Tochter, aber ich kann nicht in die Türkei, um sie zu suchen“, beklagt er. Das Leben in Lavrio sei jedoch gut, es fehle an nichts.

Zerîfe aus Efrîn

Die eindrücklichste Begegnung ist die mit Zerîfe. Sie stammt aus Efrîn und ist mit ihrem kleinen Enkel Abdû im Camp Lavrio. Sie hat drei Kinder, ihre Tochter lebt inzwischen im Libanon. Die beiden Söhne sind im Flüchtlingscamp Şehba. Ihr Mann Abdû Şêxo ist seit 27 Jahren, seit 1994, politischer Gefangener in Elbistan in der Provinz Gurgum (tr. Maraş). Zerîfe war seit vier Jahren verheiratet, als Abdû verhaftet wurde. Er war Kurier der Bewegung und hatte Menschen über die Grenze geführt. Zerîfe musste die drei Kinder unter großen Opfern alleine groß ziehen. Während des Angriffskrieges der Türkei auf Efrîn verlor sie ihre Heimat. Den kleinen Abdû hat sie mitgenommen auf die schwierige Flucht. Weil die Kriegsgefahr in Rojava nach wie vor besteht, wollte sie wenigstens einen Enkel in Sicherheit bringen. An Zerîfes Beispiel wird mir wie schon so oft gezeigt, welche Schmerzen und Leiden die Frauen im Krieg durchstehen müssen und nicht daran zerbrechen. Seit 27 Jahren wartet sie auf ihren Mann. Vielleicht wird er in zwei Jahren entlassen, vielleicht auch nicht. Bestraft wurde er für die Weigerung, die Grenzen, die die Kolonialmächte durch Kurdistan gezogen haben, anzuerkennen.

Zerîfe und ihr Enkelkind Abdû

Die Bewohner:innen von Lavrio bringen uns noch zum Schiff, das nun „nach Europa“ aufbricht. Wir lassen sie mit sehr gemischten Gefühlen zurück. Lavrio bleibt uns als ein guter Ort in Erinnerung. Ein Ort, der die Heimat nicht ersetzen kann, aber den Geflüchteten allein durch Organisierung und hohe Moral Sicherheit geschaffen hat.

 

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