Wie das Assad-Regime Syrien in einen Narco-Staat verwandelt



Immer wieder entdecken Drogenfahnder tonnenweise Captagon-Pillen, versteckt in aus Syrien kommenden Gütertransporten. Was hat es mit dem Drogenschmuggel auf sich, wer sind eigentlich die Endabnehmer? Wer profitiert davon? Und was könnte man dagegen tun?

Sicherstellung von Captagontabletten durch Beamte der Guardia die Finanza
Italiensche Zollbeamte stellen Captagon-Tabletten sicher, die in ausgehölten Papierrollen für die Druckindustrie versteckt wurden. Foto: Guardia die Finanza

Das Ausmaß des Drogenexports aus Syrien ist gewaltig. Das belegen etliche spektakuläre Drogenfunde. Nach einem Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (“Die Drogenbarone von Damaskus”) fanden Drogenfahnder in Saudi-Arabien im vergangenen Jahr 44,7 Millionen Pillen in Verpackungen einer bekannten syrischen Matetee-Marke. Bei einer anderen Kontrolle flogen 9,5 Mio.Tonnen Captagon in einer Lieferung Parkettholz auf. 2019 entdeckte die griechische Küstenwache 33 Mio. Pillen aus Syrien.

Den spektakulärsten Fund machten italienische Fahnder im Juli 2020: 14 Tonnen Captagon-Pillen mit einem Straßenverkaufswert von ca. 1 Milliarde Euro waren aufwendig in riesigen Papierrollen und mannshohen Zahnrädern verborgen. Allein die Menge an Captagon-Pillen, die in Europa und der MENA-Region im Jahr 2020 von Drogenfahndern gefunden wurde, liegt damit bei 173 Millionen Pillen (34,6 Tonnen) mit einem Straßenverkaufswert von 3,46 Milliarden US-Dollar, so berichtet COAR in einer Analyse mit dem Titel “The Syrian Economy at War Captagon, Hashish, and the Syrian Narco-State”.

Drogenhandel als Element der syrischen Staatswirtschaft

Schon allein der Verkaufswert der entdeckten Drogen übersteigt damit das Volumen des syrischen Staatshaushaltes. Gemessen am Schwarzmarktwert des syrischen Pfund beträgt dieses gerade einmal 2,2 Mrd. US-Dollar (FAZ). Der Drogenschmuggel wäre vor diesem Hintergrund eine gewaltige und auch dringend benötigte Einnahmequelle für das Assad-Regime. Denn aufgrund des wirtschaftlichen Zusammenbruchs in Syrien und im Libanon sowie auch aufgrund der von den USA und den EU verhängten Sanktionen mangelt es der syrischen Regierung dramatisch an Devisen.

Das Motiv allein beweist aber nicht, dass tatsächlich allein das Assad-Regime hinter den Captagon-Funden steckt. Immer wieder wurden die Captagon-Funde auch dem »Islamischen Staat« oder anderen islamistischen Bewaffneten zugerechnet. Dass der IS den Schmuggel mit Captagon aber im größeren Maßstab strategisch und gezielt für die Finanzierung seiner Tätigkeiten einsetzt, läßt sich nach der Studie von COAR aber nicht belegen. Auch Christoph Reuter zeigt in einer Analyse, dass der Captagonschmuggel mit den Dschihadisten wenig und mit dem Assad-Regime viel zu tun hat.

Zudem nahmen die entdeckten Captagon-Transporte mit den militärischen Rückeroberungen ehemals oppositionell kontrollierter Gebiete durch das Assad-Regime eher zu. Dazu kommt, dass viele Spuren der aufgedeckten Schmuggelaktionen in die während des Konflikts konstant vom Regime kontrollierten syrischen Hafenstädte führen, vor allem nach Latakia. Zudem zeigte das Regime von Baschar al-Assad bereits in der Vergangenheit wenig Berührungsängste mit dem Drogengeschäft. Schon im libanesischen Bürgerkrieg verdiente es kräftig am Haschischanbau in der Bekaa-Ebene. (FAZ)

Eine qualitative Auswertung von Medienberichten zu Drogenfunden aus mutmaßlich syrischer Produktion nach Jahr. Statt “Interdiction” müsste hier allerdings “Interception” stehen. Quelle: COAR

Das Assad-Regime ist dennoch nicht der einzige Akteur, der mit Drogen Geld verdient. Drogenproduktion und -handel war bis dato ein fester Bestandteil der Kriegsökonomie auf allen Seiten. Auch aus dem kurdisch geprägten Nordosten und der Region Idlib finden Drogen über alle Grenzen hinweg den Weg zu den Kund*innen. 

Das Regime und sein Netzwerk der Profiteure

Für das Assad-Regime aber scheint der Drogenexport fast überlebenswichtig geworden zu sein – und dies nicht nur in Hinsicht auf die so generierten “Staatseinnahmen”. Drogenherstellung und -handel eröffnen zahlreichen regimeloyalen Akteure große Profitchancen und geben damit dem Regime so die Möglichkeit, sie für ihre Loyalität zu entlohnen.

Allerdings ist das ist für Assad und seine Entourage auch nicht ungefährlich, denn damit müssen sie zwangsläufig Macht aus der Hand geben. Die Grenzen werden mittlerweile von Milizen kontrolliert, die unter dem Einfluss der Schutzmächte Iran und Russland stehen. Mafiapaten, Warlords und Drogenbarone arbeiten zudem auf eigene Rechnung. (FAZ). 

Auf lokaler Ebene sind viele Akteure in die Kontrolle von Produktion und Lieferketten involviert. Da der innersyrische Markt stark fragmentiert ist, sind hier staatliche militärische Einheiten wie die 4. Division, der Luftwaffengeheimdienst, die Republikanische Garde und der Militärgeheimdienst Branch 215 sowie nichtstaatliche Milizen wie die Nighthawks und ausländische Kräfte der Hisbollah bis hin zur russischen Wagner Group involviert. (COAR

Den internationalen Handel kontrolliert die engere Entourage

Was den internationalen Handel anbetrifft, führen die Spuren immer wieder in die innersten Zirkel des Regimes: Die Drogen werden z.B vom syrischen Hafen Latakia verschifft, unterwegs mit neuen Frachtbriefen ausgestattet und über Zwischenstationen in ihre Zielländer geschleust. 

Westliche Geheimdienste und lokale Quellen bringen syrische Transportfirmen in Verbindung mit dem Drogengeschäft, die zum Umfeld der berüchtigten 4. Division gehören, welche von Maher al-Assad, dem Bruder des Präsidenten befehligt wird (FAZ). 

Mit Samer al-Assad kontrolliert ein entfernter Cousin von Baschar al-Assad die Geschäfte, die über den Hafen von Latakia laufen. Berichten zu Folge zahlen Drogenexporteure für eine “Geschäftspartnerschaft” mit Samer eine Gewinnbeteiligung von 40-60 Prozent. Die Geschäfte scheinen zu laufen. (COAR)

Captagon versteckt in großen Zahrädern
Die Pillen werden meist in Gütertransporten versteckt, hier etwa in Maschinenteilen. Foto:Guardia di Finanza Napoli

Die Partei Gottes und der Drogenschmuggel

Auch der Schmuggel und die Zulieferung von Ausgangsstoffen will organisiert sein. Hier fallen vor allem Milizen und Kräfte wie die Hisbollah auf, die unter starkem Einfluss des Iran stehen. Diese Gruppen haben stärkeren Einfluß auf zentrale und südliche Regionen sowie abgelegene Gebiete, in denen der Einfluß des Regimes faktisch gering ist. 

Für den Export kontrolliert die Hisbollah auch die “Qalamoun-Route” in den benachbarten Libanon. (COAR) Das Drogengeschäft ist quasi der Gewinn, den diese Gruppen aus dem militärischen Einsatz für das Assad-Regime ziehen.  

Eine Droge für Kämpfer

Captagon ist der Handelsname für ein Medikament, das in den sechziger Jahren entwickelt und häufig als konzentrationsförderndes Mittel z.B. bei ADHS, Narkolepsie oder Depression verschrieben wurde. Obwohl ähnliche Präparate bis heute eingesetzt werden, findet Captagon selbst seit den achtziger Jahren kaum noch therapeutische Verwendung. 

Die Strukturformel von Fenetylin, dem Wirkstoff von Captagon

Captagon steigert die situative Aufmerksamkeit und die körperliche Leistungsbereitschaft und unterdrückt dabei das Hunger- und Angstgefühl. Zwar sind Berichte über Captagon-gedopte Zombiesoldaten maßlos übertrieben. Weil Captagon aber verhältnismäßig leicht herzustellen ist und fit und furchtlos macht, ist es offenbar die ideale Droge für das Schlachtfeld. 

Der Hauptwirkstoff der synthetische Droge Captagon ist Fenethylline. Doch bei den heute in Syrien produzierten Pillen handelt es sich oft um einen ganzen Cocktail an stimulierenden Substanzen wie Coffein, Amphetamin und Theophylline. Die Rezeptur hängt in Kriegszeiten auch von den jeweils verfügbaren pharmazeutischen Chemikalien und Grundstoffen ab. 

Insgesamt ist Captagon leicht und billig herstellbar. In Syrien wird Captagon als Alltagsdroge konsumiert, der Straßenverkaufswert liegt gegenwärtig bei umgerechnet ca 50 Cent pro Pille. 

Captagontabletten
Klassich mit dem C gekennzeichnete Captagon-Tabletten. Angeblich sind weiße Pillen von höherer Qualität als gelbe Versionen der Tablette. Foto: Guardia die Finanza

Interessant sind vor allem die Märkte außerhalb Syriens und die Gewinnspannen, die auf dem Weg dorthin erzielt werden können. Auf der Arabischen Halbinsel wird Captagon als Freizeitdroge konsumiert und dort mit rund 20 $ pro Pille gehandelt. Entsprechend hoch sind dort die Gewinnspannen.

War on Drugs? 

Dass der vom Assad-Regime ausgehende florierende Captagon-Handel durch intensivere Strafverfolgung eingedämmt werden kann, ist wohl wenig realistisch. Beschlagnahmt wird bislang vermutlich nur ein Bruchteil der Lieferungen, und daran werden auch mehr Razzien nur wenig ändern. Das Assad-Regime und die mit ihm verbundenen Akteure innerhalb Syriens können sich dank russischer Unterstützung ohnehin jeglicher Strafe zu entziehen – schließlich blieben bislang auch Assads Kriegsverbrechen ungeahndet. 

Dennoch fällt es schwer, die Dealerei des Regimes einfach klaglos zu akzeptieren – und das nicht nur wegen der gesundheitlichen Schäden, die regelmäßiger oder besonders hochdosierter Captagon-Konsum mit sich bringen kann, sondern auch, weil das Assad-Regime durch den Drogenhandel die Unterdrückung der syrischen Bevölkerung und seine Kriegsverbrechen finanziert.

Legalize it!

Eine relativ einfache Lösung gäbe es, dem Regime die Geldquelle zu entziehen: Legalisierung. Wenn schlicht alle Drogen legal gehandelt werden würden – freilich möglichst unter Bedingungen, in denen Konsument*innen über gesundheitliche Risiken aufgeklärt und möglichst auch psychosozial betreut werden können -, würde das nicht nur dem Assad-Regime eine Geldquelle entziehen.

Vom Captagon-dealenden Assad-Regime über die Taliban, die vom Opium-Anbau und Heroin-Schmuggel profitieren, bis hin zu den Narcos in Südamerika, die auch dank des Kokainkonsums europäischer Durchschnittsbürger*innen die Bevölkerungen ganzer Länder terrorisieren können: Wer Terrorgruppen und Mafiastrukturen wirklich schaden will, sollte Drogen legalisieren, statt mittels des »War on Drugs« erst die hohen Gewinnmargen des illegalisierten Marktes zu ermöglichen.

Wie wenig die Kriminalisierung bringt, zeigt übrigens auch das Thema Captagon. Dort wo ein großer Teil des syrischen Captagons konsumiert wird – in Saudi-Arabien – droht Drogenbesitzer*innen unter Umständen sogar die Todesstrafe. Trotzdem nehmen dort Menschen Drogen.

 

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