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Deir ez-Zor im Fadenkreuz der Geheimdienste

 


Die Region Deir ez-Zor befindet sich im Fadenkreuz des türkischen Staates und des syrischen Regimes. Durch Attentate und Propaganda soll die Bevölkerung gegen die Selbstverwaltung aufgebracht werden.

Sowohl die Türkei als auch das Assad-Regime versuchen die nationalistischen Empfindungen in der arabischen Bevölkerung in Deir ez-Zor zu nutzen und sie gegen die Selbstverwaltung aufzubringen. Zellen vom MIT wie auch dem syrischen Geheimdienst Mukhabarat ermorden dazu unter anderem Stammesführer.

Ölfelder am Rand des Euphrat

Die im Nordosten Syriens gelegene Provinz Deir ez-Zor ist flächenmäßig die größte Provinz Syriens. Lange Zeit stand die Region unter osmanischer Herrschaft, nach kurzer französischer Mandatsherrschaft wurde das Gebiet 1946 zu einem Teil Syriens. Die Region besteht vor allem aus Wüstengebieten, daher liegen 99 Prozent der Siedlungen an den Ufern der Flüsse Euphrat und Khabur. Grundsätzlich ist die Landwirtschaft die Haupteinnahmequelle der Menschen in der Provinz, allerdings litt diese massiv unter der Politik des Baath-Regimes und dem folgenden Bürgerkrieg.

In Deir ez-Zor befinden sich reiche Öl-und Gasvorkommen. Die Bevölkerung besteht wie in den angrenzenden Orten im Irak fast zu hundert Prozent aus sunnitisch-arabischen Stämmen. Die Menschen in der Region standen aufgrund der unitären, monistischen Politik des Assad-Regimes stets im Widerspruch zur Regierung in Damaskus. Aber ein großer Teil stand während der Regierung Saddam Husseins unter dem Einfluss des sunnitisch dominierten Baath-Regimes im Irak und hegt auch heute noch starke arabisch-nationalistische Gefühle.

Als 1968 die Ölförderung in Syrien begann, wurden in Deir ez-Zor, wo sich die größten Ölfelder des Landes befinden, die ersten Förderanlagen errichtet. Für die Menschen in Deir ez-Zor eröffnete sich ein neuer Arbeitsmarkt im Ölsektor. Währenddessen wurde die vom Regime vernachlässigte Landwirtschaft immer weiter geschwächt. Im Zuge des Bürgerkriegs erlitten dann auch noch die lebensnotwendigen Bewässerungskanäle schwere Schäden und die Landwirtschaft wurde völlig an den Rand gedrängt.

Waffen- und Ölschmuggel

Die Mehrheit der Menschen in der Provinz ist bewaffnet. Seit mehr als 20 Jahren gibt es Waffen in der Region, und das Baath-Regime fördert seit Anfang der Nullerjahre den Waffenschmuggel aus der Region in den Irak. Mit dem Beginn des syrischen Bürgerkriegs bewaffneten sich praktisch alle Menschen in Deir ez-Zor. Sie standen ohnehin im Widerspruch zum Regime. Neben der Stammeskonföderation der Okaidat und dem Begara-Stamm gibt es viele kleine Stämme in der Region. Jeder Stamm teilte sich damals auf verschiedene oppositionelle Fraktionen auf. Ab 2013 übernahm der Al-Qaida-Ableger Jabhat al-Nusra die Kontrolle über den Nordosten von Deir ez-Zor und die Ölfelder. Während des syrischen Bürgerkriegs begann auch der Ölschmuggel, der während der IS-Herrschaft über die Region anhielt. Im Juli 2014 besetzte der IS das gesamte Gebiet, das sich von der östlichen Landschaft von Deir ez-Zor bis hin zur irakischen Grenze erstreckt.

Während der Herrschaft des IS kam es im August 2014 aufgrund von Unstimmigkeiten über die Kontrolle von Weizenlagern und den Ölquellen in der Region zu Zusammenstößen mit dem Stamm der Scheitat (auch Schuaitat). Der IS verübte mehrere Massaker und metzelte hunderte Männer aus dem Scheitat-Stamm unfassbar brutal nieder. Die Ölquellen verpachteten die Dschihadisten daraufhin an Anhänger in den Stämmen. Während einerseits der IS das Öl aus Deir ez-Zor über Händler in die Türkei und an das Regime verkaufte, schmuggelten andererseits die Einwohner der Stadt Öl in die Regimegebiete.  

Menschen fliehen zu den QSD

Als der ländliche Raum von Deir ez-Zor, also Städte wie Mayadin oder al-Bukamal, unter IS-Kontrolle standen, wurden die wenigen Regimegebiete im Stadtzentrum von den Dschihadisten eingeschlossen. Nachdem die QSD im Mai 2016 ihre Offensive zur Befreiung von Raqqa starteten, rückte das Regime zusammen mit der iranischen Hezbollah und russischer Unterstützung im Süden von Deir ez-Zor vor. Weit kamen sie allerdings nicht. Im September 2017 begann die QSD-Offensive auf Deir ez-Zor. Das Regime rückte währenddessen auf der anderen Seite des Euphrat vor.

Auch wenn der IS während der Offensive äußerst skrupellos vorging, bekam der Militärrat von Deir ez-Zor, der sich im Rahmen der QSD organisiert hatte, große Unterstützung aus der Gesellschaft. Das Regime machte keinen Unterschied zwischen militärischen und zivilen Zielen und stieß mithilfe schwerer Bombardements vor, misshandelte und folterte die Bevölkerung. Daher wurde eine neue Flucht ausgelöst: aus den vom Regime kontrollierten Gebieten zu den QSD.

QSD befreit Ölfelder – das Regime greift an

Im Rahmen der QSD-Offensive wurden die großen Ölfelder der Region eines nach dem anderen befreit. Dies rief Damaskus auf den Plan. Das Regime begann Ölfelder wie Jafra und die Dörfer in der Umgebung der Ölquellen mit schweren Waffen anzugreifen und dem IS den Weg freizumachen. Im Oktober 2017 bemerkten die QSD einen mit Minen und Sprengstoff beladenen Lastwagen des IS, der aus der vom Regime kontrollierten Kleinstadt Salihiye nach Deir ez-Zor vorzudringen versuchte. Aufgrund der Intervention der QSD verließen die Dschihadisten den Wagen und zogen sich zurück ins Regimegebiet.

Deir ez-Zor: Zwei Verwaltungen, zwei Systeme

Heute sind eineinhalb Jahre vergangen, seit die QSD die letzte IS-Enklave Bagouz befreit haben. In Deir ez-Zor herrschen zwei Systeme. Das Stadtzentrum von Deir ez-Zor, Mayadin, al-Bukamal und das Süd- und Südwestufer des Euphrat stehen teilweise unter der Kontrolle des Regimes. Das Nord-, Nordwest- und Nordostufer des Euphrat und auch die dortigen Ölfelder sind selbstverwaltet und werden von den QSD geschützt. In den selbstverwalteten Gebieten in Deir ez-Zor leben im Moment zwei Millionen Menschen, Flüchtlinge eingeschlossen. Die große Mehrheit der Binnenflüchtlinge stammt aus den Gebieten unter Regimekontrolle, aber es gibt auch Menschen aus dem Irak, Damaskus und Idlib.

Die demokratisch-autonome Verwaltung von Deir ez-Zor, die heute Teil der Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens ist und im September 2017 durch die Zivilräte parallel zur Offensive gegen den IS gegründet wurde, ist Ziel permanenter Angriffe des Regimes, der Türkei und von IS-Zellen. Dennoch setzen die Strukturen ihre Arbeit fort. Und auch heute geht die Flucht aus den Regimegebieten in die Regionen unter Selbstverwaltung weiter.

Bevölkerung wird billiger Diesel und Öl zur Verfügung gestellt

Die meisten Raffinerien auf den Öl- und Gasfeldern in den demokratisch-autonomen Gebieten in Deir ez-Zor sind wegen des Krieges praktisch unbenutzbar geworden. Nach der Befreiung übertrug die Selbstverwaltung einige der Quellen an die Stämme. Ein weiterer Teil wurde per Vertrag an das Ölunternehmen Cizîrê vergeben und wird dort verarbeitet. Dem Vertrag zufolge geht 70 Prozent des Einkommens an die Selbstverwaltung, die restlichen 30 Prozent bleiben dem Unternehmen. Der Konzern verkauft einen Teil des geförderten Rohöls an Händler und raffiniert einen anderen Teil zu Diesel, um die Menschen in der Region zu versorgen.

Im Mai 2019, zwei Monate nach der Befreiung von Bagouz, vergesellschaftete die Selbstverwaltung alle Ölquellen in Deir ez-Zor, um der Bevölkerung billigeren und qualitativ hochwertigeren Diesel anbieten zu können. Das von den Mineralölunternehmen verarbeitete Rohöl wurde zu Diesel raffiniert und mit 75 Lira pro Liter an die Einwohner von Deir ez-Zor geliefert. Das ist etwa ein zwanzigstel des Marktpreises. In den Gebieten von Deir ez-Zor und der Autonomieverwaltung Nord- und Ostsyriens sind die Dieselpreise weltweit am niedrigsten. Einige Stämme und Einzelpersonen, die sich durch die Vergesellschaftung aller Ölquellen durch die Selbstverwaltung gestört sahen, protestierten dagegen. Diese Proteste wurden vom Baath-Regime und der Türkei angefacht. Dennoch wird die Vergesellschaftung von der Mehrheit der Menschen der Region unterstützt. Einige Stämme haben in der Vergangenheit gesagt: „Öl kommt aus unserer Gegend, also gehört es uns. Warum sollte es anderen Stämmen und Regionen überlassen werden?“.

Die Bevölkerung akzeptierte das Regime trotz allen Drucks nicht

Seit der Befreiung von Deir ez-Zor haben die Angriffe nicht aufgehört. Im Gegenteil: Der Geheimdienst des Regimes, Mukhabarat, der IS und der MIT haben ihre Aktivitäten gesteigert. Aus Dokumenten, welche die Sicherheitskräfte im Rahmen von Ermittlungen beschlagnahmen konnten, geht eindeutig hervor, dass der MIT ebenso wie der Mukhabarat seine Agenten in die IS-Zellen eingeschleust haben. Bei diesen Agenten handelt es sich vor allem um ehemalige IS-Mitglieder. Auf diese Weise können die IS-Zellen den Wünschen der Geheimdienste entsprechend gesteuert werden. Ermittlungen nach stehen hinter den meisten IS-Angriffen in der Region der türkische oder der syrische Geheimdienst als Drahtzieher.

Direkt nach der Befreiung der Region durch die QSD initiierte das Regime eine Diffamierungskampagne gegen die QSD und die Selbstverwaltung. Das Regime führte Treffen mit Stammesführern in Hesekê durch und erklärte diejenigen, die mit den QSD und der Selbstverwaltung zusammenarbeiteten zu „Verrätern“. Das Regime bedrohte die Bevölkerung: „Wir werden wieder an die Macht kommen. Dann werden diejenigen, die an der Seite der Selbstverwaltung standen, tiefe Reue empfinden“. Die Türkei unterstützt mit ihren Zellen, ihren Bombenanschlägen und ihren Attentaten die Aktivitäten des Regimes auf ihre Weise und zieht eine Kontrolle der Region durch das Regime der Selbstverwaltung vor. Dennoch ließ die Bevölkerung von Deir ez-Zor, ähnlich wie in Minbic, Raqqa und Tabqa auch während der türkischen Invasion in Girê Spî und Serêkaniyê keine Regimetruppen in ihre Region und erklärte erneut ihre Unterstützung für die Selbstverwaltung.

Morde an Stammesführern tragen die Handschrift des Regimes

Nachdem die Bevölkerung von Deir ez-Zor das Regime trotz türkischer Invasionsdrohung nicht zurückkehren ließ, begannen die Zellen des MIT und Mukhabarat insbesondere die Vertreter*innen der Selbstverwaltung ins Visier zu nehmen. Am 17. November 2019 wurde auf Lina Abdulvahab, Mitglied des Legislativrats von Deir ez-Zor und der Zukunftspartei Syriens, ein Anschlag verübt. Zwei maskierte Männer hatten das Haus der Politikerin in Deir ez-Zor gestürmt und das Feuer eröffnet. Abdulvahab wurde von den Pistolenkugeln im Gesicht, am Kopf und am Arm getroffen – sie überlebte nur knapp.

Sowohl das Regime als auch die Türkei begannen durch die Stämme in Cerablus Antipropaganda zu streuen und nationalistische Gefühle mit Falschbehauptungen zur Verteilung des Gewinns aus der Ölproduktion anzufachen.

Als die Treffen zwischen ENKS und PYD initiiert wurden, verbreitete der syrische Geheimdienst Falschmeldungen wie: „Die Kurden haben sich verständigt, 40 Prozent des Öls geht an die PYD, 40 Prozent an den ENKS und 20 Prozent an die Araber“.

In der letzten Zeit werden sowohl Vertreter*innen der Selbstverwaltung, als auch Stammesführer angegriffen. Am 15. Juni wurde der Ko-Bürgermeister der Gemeinde al-Tayyana, Sakkat Khleif al-Musa, im Rathaus von Bewaffneten ermordet. Am 30. Juli war der Stammesführer der Okaidat Suleiman al-Qassar im Distrikt Basira in Deir ez-Zor von Unbekannten erschossen worden. Am 31. Juli wurde Ali al-Weiss, Bürgermeister der Kleinstadt Dahlah, östlich von Deir ez-Zor von Unbekannten erschossen. Der Politiker, der zugleich Oberhaupt eines Familienverbands in der Region war, befand sich auf dem Weg zur Moschee, um die Freitagspredigt zu halten.

Nach diesen Angriffen verbreitete der von der Türkei gesteuerte „Rat der Stämme Syriens“ im besetzten Cerablus über die türkische Presse, ebenso wie der syrische Geheimdienst, dass der Okaidat-Stamm von den QSD angegriffen worden sei, weil dieser oppositionell wäre. Die bisher im Zusammenhang mit den Mordanschlägen festgenommenen Täter waren geständig und gaben ihre Arbeit für den syrischen Geheimdienst offen zu. Augenzeugen des Attentats auf einen Okaidat-Führer berichteten, dass die Täter auf vier Motorrädern aufgetaucht seien und sich anschließend wieder in Richtung Regimezone zurückgezogen hätten.

Von MIT und Mukhabarat gemeinsam koordinierte Attacken werden zunehmen

Die QSD errichteten nach den Anschlägen zusätzliche Kontrollpunkte und leitenden umfangreiche Ermittlungen ein. Es kam zu etlichen Festnahmen mit wichtigen Aussagen der Täter. Dies mag den Geheimdiensten einen schweren Schlag versetzt haben. Dennoch wird die Region aufgrund ihres Ölreichtums und der Bevölkerungsstruktur aus dem arabischen Nationalismus zugeneigten Stämmen weiter im Visier der Türkei und des Regimes sein. Sie werden mit allen Mitteln versuchen, in der Region Chaos zu stiften und die Selbstverwaltung zu vernichten.

Auch wenn der Vertrag zwischen der US-Firma Delta Crescent Energy LLC immer noch nicht bestätigt wurde, zeigen die Reaktionen der Türkei und des Regimes bereits jetzt, dass die Kontraaktivitäten zunehmen werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass MIT und Mukhabarat dabei zusammenarbeiten, ist sehr hoch.

Selbstverwaltung muss sich stärker engagieren

Sicherheitsmaßnahmen reichen nicht aus, um das Chaos, das MIT und Mukhabarat in der Region schaffen wollen, zu verhindern. Die Selbstverwaltung muss sich in Deir ez-Zor stärker für Bildung und Aufklärung engagieren und die Dienstleistungen in der Region intensiver ausbauen. Unter Berücksichtigung der patriarchalen, nationalistischen, herrschenden Mentalität und Korruption, die das Regime dort in 50 Jahren Herrschaft geschaffen hat, sollte die Verteilung der Dienstleistungen um der Gerechtigkeit willen stärker kontrolliert werden.

Es müssen Verträge geschaffen werden, mit denen die Militärausgaben in den Gebieten, die sich immer noch im Krieg befinden, und die Ausgaben für Dienstleistungen der demokratisch-autonomen Verwaltung auf die Grundlage klarer Regelungen zum Vorteil aller Völker gestellt werden.

Auch wenn das Öl im heutigen Weltsystem eine sehr wichtige Einkommensquelle darstellt, so muss doch die Subsistenz der Gesellschaft und die landwirtschaftliche Produktion gefördert und ihre Infrastruktur ausgebaut werden. Es müssen neue Arbeitsbereiche für die Menschen der Region geschaffen werden.

Insbesondere muss die Frauenarbeit in Deir ez-Zor gestärkt werden. Die Region wird von einer durch den IS noch verstärkten patriarchalen Haltung beherrscht.

Die Region Deir ez-Zor hat sich weder mit den Osmanen noch mit dem Regime gemein gemacht. Aber es ist auch eine Region, in der es an Aufklärung mangelt. Die demokratisch-autonome Verwaltung ist das passendste Verwaltungsmodell für die Struktur der Bevölkerung. Auch wenn es Kritikpunkte gibt, so unterstützen die Menschen dort dieses Modell in großer Mehrheit. Wenn die Arbeiten der Selbstverwaltung dort noch weiter ausgebaut werden, dann haben weder das Regime noch die Türkei mit ihren Versuchen, Zwietracht zu säen, die geringste Chance auf Erfolg.

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