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Mazlum Abdi: „Unser Ziel war es, ein Massaker an unserer Bevölkerung zu verhindern“

 


QSD-Kommandant Mazlum Abdi hat Details des Abkommens mit Damaskus bekannt gegeben. Die Vereinbarung soll einen Flächenbrand verhindern und die kurdische Selbstverwaltung bewahren. Die Blockade von Kobanê soll aufgehoben, lokale Strukturen geschützt werden

Mazlum Abdi
 
ANF / REDAKTION, 31. Jan. 2026.

Der Oberkommandierende der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD), Mazlum Abdi, hat im kurdischen Sender Ronahî TV erstmals umfassend zu den Inhalten des neuen Abkommens zwischen den QSD und der syrischen Übergangsregierung Stellung genommen. Ziel sei es, eine weitere Eskalation zu verhindern, zivile Opfer zu vermeiden und gleichzeitig die Errungenschaften der kurdischen Selbstverwaltung in Rojava zu sichern. „Wir standen vor der realen Gefahr eines Massakers an unserer Bevölkerung“, erklärte Abdi. Internationale Akteure seien nicht in der Lage gewesen, diesen Entwicklungen wirksam entgegenzutreten. Daher habe man sich entschlossen, selbst zu handeln und ein Abkommen mit der syrischen Seite zu schließen.

Beginn des Integrationsprozesses am 2. Februar

Das Abkommen, das am 18. Januar initiiert und nun offiziell unterzeichnet wurde, regelt den schrittweisen Integrationsprozess der Demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien (DAANES) in das syrische Staatsgefüge, jedoch unter strikter Wahrung der lokalen Autonomie. Abdi stellte klar: „Die syrische Armee wird weder in kurdische Städte noch in deren Dörfer einrücken. Das gilt sowohl für die Cizîrê-Region als auch für Kobanê.“

Stattdessen werde eine Übergangsstruktur aufgebaut, die ab Montag in Kraft tritt. Dabei werde eine temporäre Verwaltungseinheit unter Aufsicht der sogenannten Übergangsregierung in die Städte Hesekê und Qamişlo entsendet, um den Integrationsprozess zu begleiten. Diese Einheiten hätten ausschließlich beratende und administrative Funktionen, etwa beim Wiederaufbau einzelner staatlicher Institutionen. Die Sicherheit in den Städten verbleibt weiterhin bei den Inneren Sicherheitskräften Asayîş, die der Autonomieverwaltung unterstellt sind. Lokale Verwaltungsstrukturen sollen bestehen bleiben; bestehende Komitees aus beiden Seiten koordinieren die Umsetzung.

„Die Blockade von Kobanê wird aufgehoben“

Ein zentrales Ergebnis des Abkommens ist laut Abdi die angekündigte Aufhebung der seit rund zwei Wochen andauernden Blockade gegen Kobanê. Sobald syrische Truppen sowie Verbündete und kurdische Kräfte die militärischen Stellungen in der Region gemäß dem Vertrag räumen, sollen Versorgungslinien wiederhergestellt werden. „Ist dieser Austausch abgeschlossen, fällt die Blockade“, sagte Abdi. Weiter erklärte er:

„Die Errungenschaften der Revolution – kulturell, bildungspolitisch, administrativ – bleiben erhalten. Entscheidungen werden weiterhin von lokalen Räten getroffen und amtierende Funktionsträger:innen in den Kommunen setzen ihre Arbeit fort. Die staatlichen Stellen, die heute existieren, werden mit den Strukturen der Autonomieverwaltung koordiniert.“ Die QSD werden als reguläre Brigade in die syrische Armee eingegliedert, jedoch mit regionalem Verteidigungsauftrag.

Auch Efrîn soll in das Abkommen einbezogen werden

Zur Zukunft der von der Türkei besetzten Gebiete wie Efrîn (Afrin) und Serêkaniyê (Ras al-Ain) äußerte sich Abdi ebenfalls. „Efrîn ist eine kurdische Stadt. Auch wenn wir dort momentan keine Kontrolle haben, muss das Abkommen auch für diese Städte langfristig gelten. Die Bewohner:innen werden zurückkehren. Vielleicht nicht sofort, aber wir werden auch diese Städte in diesen Prozess einbeziehen“, so Abdi. Die Verwaltung in Hesekê und Qamişlo hingegen werde künftig mit staatlichen Institutionen verknüpft. Gleichzeitig blieben zentrale Posten wie der Gouverneur von Hesekê unter Kontrolle der kurdischen Bevölkerung.

Internationale Garantie durch Frankreich und die USA

Mazlum Abdi erklärte, dass Frankreich und die USA den Prozess als Garantiemächte begleiten. Der französische Präsident Emmanuel Macron habe bereits vor der Unterzeichnung seine politische Unterstützung zugesichert, sagte der QSD-Generalkommandant. Auch US-Präsident Donald Trump habe das Vorhaben mit dem syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa besprochen.

Die QSD wollen laut Abdi künftig die Klärung offener Fragen, etwa über Kriegsgefangene vorantreiben. Deren Schutz und Freilassung sei eines der vorrangigen Themen der kommenden Phase. Schon zuvor sei man diesbezüglich in Verhandlungen mit Damaskus gewesen. Persönlich betonte Abdi, dass er keine offiziellen Funktionen im syrischen Staatsapparat übernehmen werde. Stattdessen wolle er weiter „bei der Bevölkerung, an der Seite des kurdischen Volkes“ bleiben und sich für den innerkurdischen Zusammenhalt einsetzen.

Breite Solidarität stärkt Rückhalt

Mit Blick auf die internationalen Proteste, Demonstrationen und Solidaritätsbekundungen zeigte sich Abdi tief bewegt: „Es ist schwer, angesichts dieser Unterstützung nicht stolz zu sein. Sie hat uns moralisch enorm gestärkt und sie hat weltweit die Aufmerksamkeit auf Rojava gelenkt.“ Er lobte das Engagement kurdischer Organisationen in Başûr (Südkurdistan) sowie der kurdischen Diaspora in Europa. Die materiellen und ideellen Beiträge seien ein Beleg für die Geschlossenheit des kurdischen Volkes in einem historischen Moment.

Abdi erinnerte an die schweren Zeiten seit 2011 – von der Verteidigung gegen die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) über türkische Invasionen und Angriffskriege bis zur aktuellen Bedrohung. „Viele schwere Phasen haben wir durchgestanden, und wir werden auch diese überstehen“, sagte er. Ziel bleibe es, die politischen und gesellschaftlichen Errungenschaften der kurdischen Bevölkerung zu verteidigen.

Der Kommandant bekräftigte, dass das Abkommen nicht perfekt sei und es Kritik gebe, auch innerhalb der kurdischen Bevölkerung. „Dass nicht alle mit dem Abkommen zufrieden sind, wissen wir. Auch wir sind es nicht in allen Punkten. Die Erwartungen unseres Volkes waren groß. Doch wir haben uns zu diesem Schritt entschlossen, um das Blutvergießen zu beenden. Wir werden weiterkämpfen, bis alle unsere Errungenschaften gesichert sind und jede Vertriebene Person zurückkehren kann.“

Die Gefallenen verpflichten uns

Abdi rief alle Vertriebenen zur Rückkehr in ihre Städte auf, auch in solche, die derzeit nicht unter Kontrolle der QSD stehen. „Lasst uns auch dort gemeinsam weitermachen“, so der Kommandant. Die Erinnerung an Tausende gefallene Kämpferinnen und Kämpfer, die vielen Verwundeten und Kriegsversehrten, sei Verpflichtung und Antrieb zugleich. „Wir gedenken ihnen mit Respekt. Und wir geben das Versprechen, den Widerstand weiter auszubauen. Unser Volk soll an unserer Seite stehen, damit wir unsere Ziele erreichen.“

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