Kommandantin Viyan Efrîn: Ohne die YPJ gibt es keine QSD
Im Interview mit Jin TV spricht YPJ-Kommandantin Viyan Efrîn über das neue Abkommen mit der syrischen Übergangsregierung, die Rolle der Frauenverteidigungseinheiten und warum für die Kurd:innen allein der Widerstand Sicherheit verspricht.
Die Demokratischen Kräften Syriens (QSD) haben mit der selbsternannten syrischen Übergangsregierung ein neues Abkommen geschlossen – mit dem erklärten Ziel, die Aggression gegen Rojava und seine Selbstverwaltung zu beenden und die Integration administrativer sowie militärischer Strukturen in den Zentralstaat einzuleiten. Viyan Efrîn, Kommandantin der Frauenverteidigungseinheiten (YPJ), äußert sich im Interview mit dem Frauensender Jin TV zu den Hintergründen der Vereinbarung. Sie spricht über gebrochene Abkommen der Vergangenheit, über die unverzichtbare Rolle der YPJ in der Selbstverteidigung des Volkes, die Bedingungen für eine Rückkehr der Vertriebenen und die Notwendigkeit echter demokratischer Prozesse. Für Efrîn ist klar: Der wahre Garant für Frieden ist der organisierte Widerstand.
Am 30. Januar wurde bekannt gegeben, dass im Rahmen eines
umfassenden Abkommens ein Waffenstillstand zwischen der syrischen
Übergangsregierung und den Demokratischen Kräften Syriens unterzeichnet
wurde. Dieses Abkommen sieht auch die schrittweise Integration der
militärischen und administrativen Strukturen beider Seiten vor. In
welchem Kontext kam dieses Abkommen zustande, und wie kam es zu den
konkreten Vereinbarungen?
Zunächst grüßen wir unser widerständiges Volk. Die Energie, die sich auf den Straßen entfaltet, und der gelebte Widerstand werden unweigerlich zum Erfolg führen.
Zahlreiche frühere Abkommen wurden nicht eingehalten. Dafür gibt es klare Gründe. Es existierten bereits Vereinbarungen zu Regionen wie Efrîn, Aleppo oder Dair Hafir. Doch diese wurden verletzt, und zwar noch bevor wir unsere Kräfte abgezogen hatten, durch die Übergangsregierung selbst. Ihre Verpflichtungen wurden nicht erfüllt, obwohl wir unsererseits die Bedingungen eingehalten haben. Auch während des Baath-Regimes haben wir uns stets um Dialog und eine politische Lösung bemüht.
Was wir erleben, ist das Fortwirken schmutziger Machtspiele und Komplotte – Mechanismen, die historisch gegen uns eingesetzt wurden. Im Fall von Şêxmeqsûd zielte die Strategie des türkischen Staates darauf ab, uns in einen Krieg hineinzuziehen, an dem wir uns nicht beteiligen wollten. Die dortige Bevölkerung hat sich für Selbstverteidigung entschieden. Wir hingegen haben uns mit großer Geduld zurückgehalten, weil wir die destruktiven Pläne durchschaut haben.
Auch in Dair Hafir, wo nicht nur Kurd:innen, sondern mehrheitlich Araber:innen leben, haben wir trotz eines bestehenden Abkommens den Rückzug angetreten – nur um erneut mit einem Bruch der Vereinbarung konfrontiert zu werden. Das kürzlich abgeschlossene Abkommen ist ebenfalls Ausdruck des Versuchs, gegen die Strategien der Vernichtung, der Verleugnung und der Zersetzung unseres Volkes anzukämpfen. Wir wollten den Krieg beenden und werden uns unter dem Dach der QSD-Brigaden neu organisieren.
Im Abkommen wurden die YPJ nicht namentlich erwähnt. Viele fragen sich deshalb: Welche Rolle und Organisationsform wird die YPJ künftig innerhalb der Brigadenstruktur einnehmen?
Die YPJ und die QSD sind nicht voneinander zu trennen. Die Frauenverteidigungseinheiten waren maßgeblich an der Gründung der Demokratischen Kräfte Syriens beteiligt. Diese gesamte Struktur gründet auf einer Philosophie des freien Lebens. Der Kampf um die Befreiung der Frau wird innerhalb aller bestehenden Formationen fortgeführt und ist zugleich ein Kampf um eine freie Gesellschaft.
Sowohl innerhalb der Brigaden als auch in sämtlichen gesellschaftlichen Bereichen werden wir selbstverständlich unsere Eigenständigkeit und unseren geistigen sowie strukturellen Charakter bewahren. Ohne die YPJ gibt es keine QSD. Die YPJ verkörpern das Herz und die Essenz aller Selbstverteidigungsstrukturen in der Region.
Wie soll die Rückkehr der gewaltsam vertriebenen Bevölkerung konkret umgesetzt werden? Was sind die ersten Schritte? Insbesondere mit Blick auf Orte wie Efrîn, Serêkaniyê, Girê Spî, Tabqa oder Raqqa.
Das Abkommen zur Rückkehr bezieht sich in erster Linie auf die kurdischen Gebiete – mit besonderem Fokus auf die Cizîrê-Region, gilt jedoch auch für andere betroffene Regionen. Damit die Menschen nach Efrîn oder Serêkaniyê zurückkehren können, müssen zunächst die dort stationierten türkischen Stützpunkte geräumt werden. Doch noch immer gibt es systematische Entführungen und Tötungen. Die Milizen sind weiterhin aktiv. Auch aus Serêkaniyê müssen sie vollständig abziehen. Als erster Schritt ist eine Rückkehr in die Cizîrê-Region vorgesehen. Doch dieser Prozess wird Zeit in Anspruch nehmen.
Die Bevölkerung fordert, dass alle begangenen Verbrechen aufgeklärt und geahndet werden. Wie wird der juristische Prozess künftig aussehen? Wird es demokratische Wahlen geben – und wenn ja, in welcher Form?
Die begangenen Verbrechen sind nicht einfach zu vergessen. Tausende Menschen wurden unter verschiedensten Vorwänden ermordet. Diese Verbrechen müssen aufgearbeitet und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.
Demokratische Wahlen sind ein zentrales Anliegen der Bevölkerung. Wer gewählt wird, muss dem Willen des Volkes überlassen sein. Die Etablierung von Hayat Tahrir al-Sham (HTS) an der Macht war Teil eines politischen Plans. Die Umstrukturierung Syriens erfolgt im Rahmen des Greater Middle East Project. Aus Sicht hegemonialer Akteure ist die Übergangsregierung lediglich ein temporäres Instrument.
Israel würde eine von HTS repräsentierte Ideologie niemals als Nachbarstruktur akzeptieren. Auch im Inneren wird dies zu erheblichen Konflikten führen – etwa in Raqqa, wo massive Probleme bestehen: Eigentumskonflikte, Plünderungen und ein hoher Grad an Kriminalität.
Gleichzeitig wird behauptet, al-Jolani – der Anführer der HTŞ – sei Teil einer internationalen Koalition „gegen den Terror“. Doch warum wird dann nicht gegen den IS vorgegangen? Viele IS-Mitglieder konnten fliehen oder wurden bewusst befreit. Wir sehen hier ein abgekartetes Spiel. Internationale Kräfte betrachten HTS gegenwärtig als nützlich im Sinne ihrer Interessen, doch dieses Konstrukt wird nicht von Dauer sein.
Frankreich und die USA haben sich bereit erklärt, als Garantiemächte für das Abkommen zu fungieren. Welche Bedeutung kommt diesen externen Akteuren zu – und ist es nicht letztlich der Widerstand des Volkes selbst, der als eigentliche Garantie gilt?
Wir danken allen, die sich um das Zustandekommen des Abkommens bemüht haben. Doch die eigentliche Garantie für unsere Zukunft liegt in unserer eigenen Stärke: in unserem Volk und in unserem Widerstand. Wenn eine Mutter, ein Vater oder ein junger Mensch zu den Waffen greift, ist das ein Ausdruck des Selbstschutzes. Sie haben zur Waffe gegriffen, um nicht getötet zu werden. Diese Realität wurde unserem Volk aufgezwungen.
Gleichzeitig finden Friedensmärsche statt. Doch das Volk hat die dahinterliegenden Komplotte erkannt und ist sich bewusst geworden, dass es selbst die eigentliche Kraft der Selbstverteidigung darstellt. Wir danken allen Kurd:innen, solidarischen Menschen und Internationalist:innen, die sich auf die Straßen begeben und Widerstand leisten.
Diese Kraft ist unsere fundamentale Selbstverteidigungsstruktur. Die entschlossene Haltung, die sich in allen vier Teilen Kurdistans auf den Straßen zeigt, ist die eigentliche Garantie für die Zukunft unseres Volkes.
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