In Syrien: Die größte Angst ist der Krieg

 


Die Eskalationen in Nordostsyrien schüren die Sorge vor einem neuen Krieg. Zwei Menschen aus der Region, eine arabische Stimme aus Raqqa und eine kurdische Stimme aus Afrin, sprechen über die Ursachen, Verantwortung und politische Perspektiven.

Die Spuren des Krieges sind in Nordostsyrien noch sichtbar (hier: Raqqa). Jetzt droht ein neuer Krieg.

Gescheiterte Abkommen, militärische Eskalationen und eine wachsende Polarisierung zwischen Bevölkerungsgruppen prägen derzeit die Lage in Nordostsyrien. Besonders gefährlich ist der zunehmende Hassdiskurs zwischen arabischen und kurdischen Gemeinschaften, der immer stärker in den Alltag hineinwirkt und das Risiko einer Eskalation erhöht.

Das folgende Gespräch beruht auf den Aussagen zweier Menschen aus der Region, deren Namen wir aus Sicherheitsgründen geändert haben. Beide arbeiten für dieselbe zivilgesellschaftliche Organisation, die an verschiedenen Orten in Nordostsyrien aktiv ist. Seit vielen Jahren setzt sie sich dafür ein, Dialog stärker zu machen als Waffen und Menschen über ethnische und religiöse Grenzen hinweg miteinander zu verbinden.

Amin ist Araber und lebt in Raqqa.
Rojda ist Kurdin, lebt in Qamishli und stammt aus Afrin.

Über Jahre hinweg haben beide eng zusammengearbeitet. Unter den aktuellen Bedingungen können sie sich jedoch gerade nicht persönlich treffen. Die unterschiedlichen Perspektiven, die in diesem Gespräch sichtbar werden, spiegeln nicht nur die Spannungen in der Gesellschaft wider, sondern stellen auch die gemeinsame Arbeit vor neue Fragen. Trotz räumlicher Trennung und unterschiedlicher Erfahrungen bleiben die Mitarbeitenden der Organisation miteinander im Austausch und setzen sich weiterhin gemeinsam mit diesen Herausforderungen auseinander.


Wie ist die aktuelle Lage vor Ort?

Amin:
Die Lage ist im Moment sehr beängstigend. Die Sicherheitslage ist instabil. Der
Hassdiskurs zwischen der kurdischen und der arabischen Bevölkerung hat ein Ausmaß erreicht, das den gesellschaftlichen Frieden ernsthaft bedroht, besonders hier in Raqqa, aber auch in den Regionen, in die die syrische Armee kürzlich eingezogen ist. Auch aus Hassaka und Qamishli hören wir von Freund*innen und Bekannten leider Ähnliches. Der Hassdiskurs nimmt zu. Ich weiß ehrlich nicht, wie es so weit kommen konnte.

Der Hassdiskurs wirkt sich inzwischen direkt auf das tägliche Leben aus. Nach den Ereignissen in Sheikh Maqsoud und der Eskalation in Aleppo hat sich diese Entwicklung deutlich verschärft. Jede Seite wirft der anderen politisches und gesellschaftliches Versagen vor. Das belastet das Zusammenleben zwischen den Regionen enorm.

Rojda:
Ich sehe das ähnlich. Die Lage ist angespannt. Angst und Anspannung prägen den Alltag. Araber*innen haben Angst vor Kurd*innen und umgekehrt. Noch ist es nicht zu gewalttätigen Auseinandersetzungen innerhalb der Bevölkerung gekommen, doch viele befürchten, dass es dazu kommen könnte. Vor allem, wenn offizielle staatliche Medien den Konflikt weiter befeuern und gegen die Selbstverwaltung und Kurd*innen hetzen. Wenn das nicht gestoppt wird, besteht die reale Gefahr, dass politische Spannungen in einen ethnischen Konflikt umschlagen.

Viele kurdische Binnenvertriebene sind insbesondere nach Qamishli und Umgebung geflohen. Schulen mussten geschlossen werden und dienen als Notunterkünfte. Nachdem die syrische Armee die Kontrolle über Taqba übernommen hat, wurde in Teilen von Hasaka und Umland der Strom abgeschaltet, sodass die Menschen vollständig auf Generatoren angewiesen sind. Ohne humanitäre Hilfe wäre die Situation katastrophal gewesen.

Amin:
Auch aus Raqqa sind viele Familien, arabische wie kurdische, geflohen. Inzwischen kehren einige zurück, aber von wirklicher Sicherheitsstabilität kann bis heute keine Rede sein.

Wie stabil sind die aktuellen Abkommen und politischen Vereinbarungen?

Amin:
Aus meiner Sicht liegt ein zentrales Problem darin, dass es bislang keine politische Lösung gibt. Die Verhandlungen sind gescheitert und vor allem die SDF zeigt wenig Bereitschaft zur Bewegung. Sie müssen verstehen, dass sich das politische Klima verändert hat. Die USA unterstützen die SDF nicht mehr. Ohne Flexibilität riskieren sie einen Krieg.


Rojda:
Die Abkommen mit der SDF wurden von beiden Seiten verletzt. Ich sehe die Hauptverantwortung bei der syrischen Regierung. Sie hat keinen umfassenden nationalen Dialog initiiert und die Gemeinschaften isoliert. Das hat das ohnehin geringe Vertrauen weiter zerstört. Solange es keine ernsthaften Schritte gibt, sind diese Vereinbarungen nicht tragfähig.

Welche Wege aus der aktuellen Eskalation siehst du?

Rojda:
Ich fordere einen echten und ernsthaften Dialog zwischen der Regierung und der SDF. Dieser Dialog muss jedoch inklusiv sein und die Rechte aller Gemeinschaften sichern. Ohne tatsächliche Beteiligung bleibt er inhaltsleer.

Amin:
Trotz allem halte ich Verhandlungen für den wichtigsten Weg nach vorn. Sie sind das einzige Zeichen, das in eine konstruktive Richtung weist. Der Krieg ist unsere größte Angst. Militärische Auseinandersetzungen würden unweigerlich viele Opfer fordern, vor allem unter der Zivilbevölkerung.

Welche Perspektiven siehst du für die Zukunft Nordostsyriens?

Rojda:
Über die Auflösung dessen, was die Selbstverwaltung über Jahre aufgebaut hat, kann nicht verhandelt werden. Sie besteht aus Menschen aus der Region, die ihre Gebiete verteidigt und verwaltet haben. Eine Rückkehr zu einer zentralistischen Herrschaft wie zu Assad-Zeiten wird nicht akzeptiert. Die Kurd*innen haben ein Recht auf echte und wirksame Beteiligung an der Verwaltung ihrer Regionen.


Amin:
Wenn wir über die Zukunft sprechen, geht es um die Repräsentation aller Bevölkerungsgruppen, sowohl auf regionaler als auch auf gesamtstaatlicher Ebene. Ziel muss eine Lösung sein, die Nordostsyrien in einem neuen Syrien repräsentiert.

Welche Rolle sollte die internationale Gemeinschaft spielen?

Amin:
Die internationale Gemeinschaft muss den politischen Prozess weiter begleiten, um zu verhindern, dass es zu Krieg, Massakern oder Tötungen aufgrund von Identität kommt.

Rojda:
Die UN muss Druck auf die Regierung und die SDF ausüben, um die militärische Eskalation zu stoppen, einen Feuerstopp durchzusetzen und die Verhandlungen wieder aufzunehmen. Es braucht einen umfassenden nationalen Dialog und einen gerechten Übergangsprozess.

Wovor hast du aktuell am meisten Angst?

Amin:
Meine größte Angst bleibt der Krieg. Die Lage ist extrem beunruhigend, insbesondere für die Zivilbevölkerung.


Rojda:
Das ist auch meine größte Sorge. Wenn die Hassrede anhält und die Forderungen der Gemeinschaften weiterhin ausgeklammert werden, besteht die Gefahr, dass sich der Konflikt zu einem kurdisch-arabischen Konflikt entwickelt.

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