Öcalan ruft zu Rückbesinnung auf „demokratischen Islam“ auf
Bei einem Kongress in Amed betonte die Föderation für Islamische Studien die Bedeutung von Abdullah Öcalans Konzept eines demokratischen Islam. In einer übermittelten Botschaft stellte dieser die Verbindung zum Geist der Medina-Verfassung her.
In der nordkurdischen Metropole Amed (tr. Diyarbakır) findet an diesem Donnerstag der erste ordentliche Kongress der Föderation für Islamische Studien in Mesopotamien (MIAF) statt. Die Veranstaltung steht unter dem Motto „Vom Demokratischen Islam hin zu Frieden und einer demokratischen Gesellschaft“ und findet im Kongresszentrum ÇandAmed statt. Nach einer Schweigeminute und der Rezitation aus dem Koran eröffnete Mahmut Şık, Ko-Vorsitzender der Föderation, den Kongress mit einem politischen Appell. Er verwies auf die Verantwortung gegenüber dem vom kurdischen Repräsentanten Abdullah Öcalan auf der türkischen Gefängnisinsel Imrali initiierten Friedensprozess und erklärte: „Wir dürfen den Vorsitzenden nicht allein lassen – wir müssen Einheit herstellen und unseren Beitrag leisten.“
Botschaft von Öcalan: Rückbesinnung auf den Geist der Medina-Verfassung
Im Anschluss wurde eine schriftliche Grußbotschaft von Abdullah Öcalan verlesen, die er anlässlich des Kongresses übermitteln ließ. Darin sprach sich Öcalan für eine Rückbesinnung auf die ursprünglichen Werte des Islam aus, die er in einem freiheitlichen, egalitären und gerechten Verständnis verortet sieht. „Demokratischer Islam bedeutet, zum Geist der Verfassung von Medina zurückzukehren“, so Öcalan. Die sogenannte Gemeindeordnung von Medina sei eine Vereinbarung gewesen, die das gewaltfreie Zusammenleben verschiedener Religionen, Kulturen und Ethnien auf Grundlage der freien Willensentscheidung geregelt habe. Sie stehe somit für eine plurale und inklusive Ordnung, die nicht auf Herrschaft oder Zwang basiere.
Kritik an staatlich vereinnahmtem Islamverständnis
In seiner Botschaft übte Öcalan scharfe Kritik an gegenwärtigen islamischen Strukturen, die seiner Auffassung nach durch die kapitalistische Moderne vereinnahmt worden seien. Der „offizielle Staatsislam“ sowie autoritär strukturierte religiöse Gruppierungen hätten die ethische Substanz der Religion ausgehöhlt. Stattdessen plädierte Öcalan für einen demokratischen, emanzipatorischen Islam, der sich an kollektiver Entscheidungsfindung (Schura), geschlechtergerechten Strukturen, ökologischer Ausgewogenheit und Völkerverständigung orientiere. „Islam darf weder vom Staat noch von Gruppen als politisches Instrument benutzt werden“, heißt es in der Botschaft weiter.
Demokratischer Islam als Alternative für den Nahen Osten
Abschließend stellte Öcalan sein Konzept als mögliche Antwort auf die vielfältigen Krisen im Nahen Osten vor. „Nur ein demokratischer Islam kann eine zukunftsfähige Zivilisation aufbauen und die Wunden der Region heilen“, so der Vordenker der kurdischen Befreiungsbewegung. Er sprach dem Kongress seine Hoffnung aus, dass die Diskussionen zur Stärkung des gegenwärtigen Projekts für eine demokratische Gesellschaft beitragen mögen, und schloss mit den Worten: „Mit unendlicher Liebe und meinen herzlichsten Grüßen.“
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