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Öcalan denkt Sozialismus als Selbstorganisation der Gesellschaft statt Machteroberung

 

Die gesellschaftliche Konstruktion von Freiheit

Abdullah Öcalan denkt Sozialismus als Selbstorganisation der Gesellschaft statt Machteroberung. Der Beitrag von Sinan Cûdî analysiert diese Perspektive im Licht klassischer linker Theorie und fragt, was Freiheit wirklich bedeutet.

Abdullah Öcalans Sozialismusverständnis im theoretischen Kontext
 
SINAN CÛDÎ / ANF, 23. Dez. 2025.

Die Frage gesellschaftlicher Freiheit gehört zu den zentralen, zugleich jedoch zu den problematischsten Themen der modernen politischen Theorie. Innerhalb der marxistischen Tradition wird Freiheit in hohem Maße mit der Transformation der Produktionsverhältnisse und der Überwindung der Klassenherrschaft verknüpft. Diese Perspektive hat zwar einen bedeutenden theoretischen Rahmen geliefert, um die strukturelle Funktionsweise kapitalistischer Ausbeutung offenzulegen, doch zeigen historische Erfahrungen, dass Freiheit nicht automatisch durch den Wandel ökonomischer Verhältnisse entsteht.

Selbst unter veränderten Bedingungen der Klassenherrschaft können Herrschaftsverhältnisse in unterschiedlichen Formen neu reproduziert werden – was verdeutlicht, dass die Frage der Freiheit einer tiefergehenden theoretischen Auseinandersetzung bedarf.

Es liegt auf der Hand, dass gesellschaftliche Freiheit im Zusammenhang mit dem Verhältnis zum Sein sowie mit der Weise betrachtet werden muss, in der sich eine Gesellschaft selbst versteht. Mit anderen Worten: Freiheit ist kein nachträglich erreichbares politisches Gut, sondern ein Prozess, der sich innerhalb ontologischer Voraussetzungen, sozialer Beziehungen und praktischer Handlungsformen entfaltet. Wird der Mensch – ebenso wie die Gesellschaft – als statische Essenz begriffen, so wird Freiheit zwangsläufig begrenzt. Demgegenüber eröffnen Ansätze, die das Sein als relationale, prozesshafte und historisch gewordene Formation auffassen, erweiterte materielle und gesellschaftliche Bedingungen für Freiheit.

In diesem Zusammenhang darf Abdullah Öcalans Auffassung des Sozialismus als Gesellschaftlichkeit nicht als bloße Absage an den klassischen dialektischen Materialismus gelesen werden. Vielmehr ist sie als ein Versuch zu verstehen, die durch historische Erfahrungen offengelegten Grenzen dieses Ansatzes zu überwinden. Indem Öcalan Ontologie, Soziologie und Sozialismus als untrennbar miteinander verwobene Notwendigkeiten begreift, eröffnet er die Möglichkeit, Freiheit als eine Problematik gesellschaftlicher Existenz neu zu denken – jenseits einer bloßen Veränderung von Herrschaftsverhältnissen.

Vor diesem Hintergrund lässt sich folgende Leitfrage formulieren: Lässt sich gesellschaftliche Freiheit allein durch die Transformation der Produktionsverhältnisse herstellen, oder sind das Seinsverständnis und die gesellschaftliche Ontologie konstitutive Bestandteile dieses Prozesses? Diese Fragestellung erlaubt es, die Stärken des klassischen marxistischen Freiheitsverständnisses anzuerkennen, zugleich jedoch die theoretischen und praktischen Blockaden sichtbar zu machen, die durch die Vernachlässigung der ontologischen Dimension entstehen.

Dementsprechend widmet sich dieser Artikel zunächst der Herangehensweise des klassischen dialektischen Materialismus an das Problem der Freiheit und beleuchtet dessen historisch-praktische Grenzen. Im Anschluss wird die Bedeutung ontologischer Fragen im Verhältnis zur Freiheit diskutiert und untersucht, inwiefern die Weise des Mensch- und Gesellschaft-Seins politische Praxis beeinflusst. In den folgenden Abschnitten wird die Notwendigkeit einer Erweiterung der klassenbasierten Analysen in einem soziologischen Rahmen behandelt, wobei Öcalans auf Gesellschaftlichkeit basierende Sozialismusauffassung an der Schnittstelle dieser theoretischen Debatten positioniert wird. Die Untersuchung schließt mit der Überlegung, wie der dialektische Materialismus durch die Integration ontologischer und gesellschaftlicher Dimensionen in einen historischeren und umfassenderen Rahmen überführt werden kann.

Klassischer dialektischer Materialismus und das Problem der Freiheit

Der dialektische Materialismus stellt einen der kraftvollsten theoretischen Rahmen der modernen Gesellschaftskritik dar. Mit Marx und Engels wurde Geschichte auf der Grundlage materieller Produktionsverhältnisse begriffen, wobei der Motor gesellschaftlicher Transformation in der Klassenauseinandersetzung verortet wurde. Diese Perspektive entzog die Freiheit ihrer moralischen oder juristischen Dimension und konzipierte sie stattdessen als ein historisches Problem, das untrennbar mit dem Wandel materieller Bedingungen verknüpft ist. Insbesondere die auf Ausbeutung der Arbeitskraft basierende Struktur der kapitalistischen Produktionsweise war zentral, um zu erklären, warum Freiheit systematisch eingeschränkt wird.

Im klassischen marxistischen Verständnis gilt Freiheit als ein historisches Resultat, das durch die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln und die Aufhebung der Klassenherrschaft möglich wird. Der Staat erscheint in diesem Zusammenhang als Repressionsapparat der herrschenden Klasse, der mit dem Verschwinden der Klassen selbst obsolet werden soll. Freiheit wird innerhalb dieses Schemas als ein gesellschaftlicher Zustand gefasst, der nach der Erringung politischer Macht und der Umgestaltung der Produktionsverhältnisse eintritt.

So konsistent dieser Ansatz theoretisch erscheinen mag, so deutlich wurden seine Grenzen durch historische Erfahrungen offengelegt. Die sozialistischen Experimente des 20. Jahrhunderts in verschiedenen Regionen der Welt zeigen, dass tiefgreifende Veränderungen in den Produktionsverhältnissen nicht automatisch zur Verwirklichung von Freiheit führten. Der Staatsapparat verschwand nicht, im Gegenteil: In vielen Fällen nahm er zentralistischere und stärker eingreifende Formen an, und Herrschaftsverhältnisse wurden auf neue Weise innerhalb des gesellschaftlichen Lebens reproduziert. Diese Entwicklungen legen nahe, dass Freiheit nicht auf den Wandel der ökonomischen Basis reduziert werden kann.

An dieser Stelle stößt das Freiheitsverständnis des dialektischen Materialismus auf zwei zentrale Probleme: Erstens wird Freiheit häufig zu einem Ziel, das in eine ferne Zukunft verschoben wird. Autoritäre Praktiken der Gegenwart werden als temporäre Notwendigkeiten legitimiert, während die Freiheit auf eine Phase „nach der Revolution“ vertröstet wird. Zweitens wird das menschliche Subjekt weitgehend durch seine Klassenposition definiert; alltägliche Lebenspraxen, kulturelle Beziehungen, Geschlechterverhältnisse und die Mikroformen der Machtausübung gelten als nachrangig. Dies erschwert das Verständnis dafür, wie tiefgreifend Herrschaft in das gesellschaftliche Gefüge eingewoben ist.

Dabei ist zu betonen, dass diese Grenzen nicht zwangsläufig aus der Theorie von Marx selbst resultieren. In seinen frühen Schriften tritt ein Praxisverständnis hervor, das betont, dass der Mensch nicht bloß ein Produkt materieller Bedingungen ist, sondern sich in der Auseinandersetzung mit ihnen zugleich selbst verändert. Doch in großen Teilen der marxistischen Tradition trat dieser ontologische Aspekt hinter den Fokus auf historische Determination zurück. Die Dialektik wurde vielfach auf den Bereich der Produktion verengt, Freiheit nicht als eine umfassende Frage gesellschaftlicher Existenz thematisiert.

Das zentrale Dilemma des klassischen dialektischen Materialismus in Bezug auf das Freiheitsproblem liegt folglich nicht in einer Vernachlässigung der materiellen Grundlage, sondern in ihrer zu engen Begrenzung. Die Produktionsverhältnisse bleiben zwar entscheidend. Doch wenn nicht zugleich erklärt wird, wie diese Verhältnisse über das Verständnis von Sein, über gesellschaftliche Bindungen und alltägliche Praktiken reproduziert werden, bleibt die Freiheitsfrage unvollständig. Diese Diagnose macht deutlich, dass es notwendig ist, den dialektischen Materialismus um ontologische und gesellschaftstheoretische Dimensionen zu erweitern.

Die Ontologiefrage: Seinsverständnis und Freiheitsbegriff

Die Reduktion der Freiheitsfrage auf politische oder ökonomische Ebenen zählt zu den grundlegenden Begrenzungen moderner Gesellschaftstheorie. Der klassische dialektische Materialismus bietet zwar eine kraftvolle historische Analyse, indem er die Produktionsverhältnisse ins Zentrum stellt, rückt jedoch die tieferliegenden Verhältnisse des Menschen zur Welt oftmals in den Hintergrund. Genau hier wird die Ontologie – also die Frage nach dem Sein – zu einem zentralen Feld, um die Bedingungen für das Entstehen von Freiheit besser zu verstehen.

Ontologie fragt danach, wie der Mensch in der Welt existiert. Der Mensch ist nicht bloß ein produzierendes Wesen, Träger von Arbeitskraft oder durch seine Klassenlage definiert. Er ist zugleich ein sinnstiftendes, beziehungsfähiges und sich selbst sowie seine Umwelt deutendes Wesen. In dieser Perspektive offenbart sich: Gesellschaftliche Verhältnisse sind nicht lediglich äußere Strukturen – sie werden vom Menschen verinnerlicht und in alltäglichen Praktiken immer wieder neu hervorgebracht. Ohne ein verändertes Seinsverständnis bleibt der Anspruch auf gesellschaftliche Freiheit schwer dauerhaft einzulösen.

Erhellend sind an dieser Stelle die grundlegenden Kritiken Martin Heideggers an der modernen Philosophie. Ihm zufolge reduziert das moderne Denken das Sein auf ein Objekt – es wird das Messbare, Berechenbare und Kontrollierbare zum Maßstab. Diese Haltung beschränkt die Beziehung des Menschen zur Welt auf ein technisches und instrumentelles Verhältnis. Sein verliert seinen Charakter als gelebter und geteilter Prozess und wird stattdessen zu einem verwalteten und regulierten Bereich. Ein solches Seinsverständnis normalisiert Herrschaft, anstatt sie als Ausnahmezustand kenntlich zu machen.

Diese ontologische Verengung ist nicht allein dem Kapitalismus eigen. Auch staatszentrierte sozialistische Projekte zeigen ähnliche Problematiken: Selbst wenn Produktionsmittel vergesellschaftet wurden, blieb das menschliche Dasein häufig durch Mechanismen zentraler Planung, Repräsentation und Disziplinierung definiert. Freiheit verwandelte sich dabei von einem lebendigen, in sozialen Praktiken hervorgebrachten Verhältnis in ein Ziel, das von oben reguliert wurde – und damit in eine neue Spannung zwischen Emanzipation und Macht.

Abdullah Öcalans Ansatz bringt hier die Ontologie in das Zentrum politischer Theorie. Für ihn liegt das Problem nicht ausschließlich in Eigentumsverhältnissen oder Klassenwidersprüchen. Viel entscheidender ist die Frage, wie der Mensch sich selbst und die Gesellschaft begreift. Wenn das Sein als ein fortwährendes, relationales Gefüge von Prozessen gedacht wird, dann wird auch Freiheit zu einem dynamischen, im Alltag ständig aufgebauten, in Frage gestellten und neu geschaffenen Verhältnis. In dieser Perspektive verwandelt sich Freiheit von einem auf die Zukunft projizierten Versprechen zu einer Verantwortung in der Gegenwart.

Das ontologische Verständnis, das Öcalan hier vorschlägt, nimmt zugleich kritische Distanz zu identitären oder nationalistischen Existenzformen ein. Feste Identitäten, unveränderliche Essenzen und einlinige Geschichtsnarrative erfassen das „Sein“ als etwas Starres. Eine relationale Ontologie hingegen verlangt, dass der Mensch sich über die Beziehungen zu anderen definiert – und genau darin liegt der Schlüssel zu einem Verständnis von Freiheit, das nicht als individuelles oder kollektives Eigentum gedacht wird, sondern als ein sich stetig neu formierender Prozess innerhalb des gemeinsamen Lebens.

Aus dieser Perspektive ergibt sich kein hierarchisches Verhältnis zwischen Ontologie, Soziologie und Sozialismus:

▪ Die Ontologie bietet das Fundament für soziologische Analyse,

▪ die Soziologie macht die gesellschaftlichen Erscheinungsformen ontologischer Voraussetzungen sichtbar,

▪ und der Sozialismus ist die praktische Ausrichtung, diese beiden Ebenen in Richtung Freiheit zu transformieren.

Wird der ontologische Aspekt vernachlässigt, verkommt Sozialismus zwangsläufig zu einem administrativen Modell. Genau gegen diese Reduktion richtet sich Öcalans theoretische Intervention.

Die Soziologiefrage: Die Grenzen der Klasse und die pluralen Formen gesellschaftlicher Herrschaft

Die klassische marxistische Soziologie analysiert Gesellschaft primär durch das Prisma von Klassenverhältnissen. Die Beziehung zu den Produktionsmitteln bestimmt die soziale Stellung des Individuums; Politik, Recht, Kultur und Ideologie erscheinen dabei als Überbauphänomene, die auf dieser materiellen Basis beruhen. Dieses Modell war höchst wirkungsvoll in der Aufdeckung der strukturellen Ungleichheiten kapitalistischer Gesellschaften. Doch im Hinblick auf die Erklärung aller Erscheinungsformen gesellschaftlicher Herrschaft ist es mit der Zeit an seine Grenzen gestoßen.

Obgleich die Kategorie der Klasse heute längst nicht mehr als homogen begriffen wird, bleibt sie für das Verständnis der Dynamik des modernen Kapitalismus unverzichtbar. Doch aus historisch-anthropologischer Perspektive reicht sie nicht aus, um das Ganze gesellschaftlicher Wirklichkeit zu erfassen. Denn Hierarchien, geschlechtsspezifische Ungleichheiten sowie religiöse und kulturelle Formen der Unterdrückung existierten bereits in vormodernen und nichtstaatlichen Gesellschaften. Dies legt nahe, dass Herrschaft nicht allein mit der Entstehung von Klassen einherging, sondern tiefere, ältere soziale Organisationsformen aufgreift.

Genau an diesem Punkt setzt Öcalans soziologische Intervention an. Für ihn ist die Klasse zwar eine bedeutende Form gesellschaftlicher Herrschaft, aber nicht ihre erste und grundlegende. Der Bruch, den Gesellschaften mit dem Aufkommen staatlicher Zivilisationen erfahren haben, war nicht nur ein ökonomischer Wandel. Er bedeutete zugleich eine kognitive, kulturelle und organisatorische Zäsur. Patriarchat, hierarchische Autorität, Repräsentationsverhältnisse und Zentralismus entwickelten sich vor der Klassenbildung und wurden durch diese weiter verfestigt.

Diese Perspektive erweitert das Verständnis von Soziologie über einen engen ökonomischen Bezugsrahmen hinaus. Gesellschaft wird nicht lediglich als Resultat von Produktionsverhältnissen begriffen, sondern als lebendige Struktur, die ebenso durch Werte, Normen, Gewohnheiten und alltägliche Praktiken hervorgebracht wird. Herrschaft zeigt sich daher nicht nur in der Fabrik oder in Eigentumsverhältnissen – sie wird auch in Familie, Sprache, Bildung und politischer Repräsentation beständig neu produziert. Dies macht deutlich, dass der Kampf um Freiheit nicht ausschließlich als Klassenkonflikt verstanden werden kann.

Innerhalb der marxistischen Tradition wurde diese Leerstelle auf verschiedene Weisen zu füllen versucht: Antonio Gramscis Konzept der Hegemonie, Louis Althussers Theorie der ideologischen Staatsapparate sowie später kulturell-marxistische Ansätze waren wichtige Schritte, um klassenreduktionistische Perspektiven zu überwinden. Doch oft blieben auch diese Ansätze darin verhaftet, das Modell des zentralistischen Staates oder der Partei nicht grundlegend infrage zu stellen. Gesellschaftlicher Wandel wurde weiterhin als ein von oben organisierter Prozess gedacht.

Demgegenüber stellt Öcalans soziologischer Rahmen die Gesellschaft wieder ins Zentrum. Gesellschaft ist kein passives Objekt, sondern ein Subjekt mit der Fähigkeit zur Selbstorganisation. Kommunen, Räte und lokale Strukturen sind aus dieser Perspektive nicht bloß Verwaltungseinheiten, sondern konstitutive Räume gesellschaftlicher Emanzipation. Soziologie erschöpft sich daher nicht im Analysieren von Klassenverhältnissen – sie wird zu einem Wissensfeld, das die Fähigkeit der Gesellschaft zur Selbstregierung freilegt.

Dabei wird die Kategorie der Klasse keineswegs verworfen – sie verliert jedoch ihre Rolle als alleiniger Bezugspunkt. Klassenkampf, Geschlechterkampf, ökologische Auseinandersetzungen und das Ringen um kulturelle Selbstbestimmung werden als miteinander verflochtene Prozesse begriffen. Dieses Verständnis trägt der Tatsache Rechnung, dass gesellschaftliche Herrschaft nicht monozentral organisiert ist – und verortet die Freiheitskämpfe in einer pluralen Struktur.

Diese soziologische Erweiterung widerspricht keineswegs den zentralen Intuitionen des Marxismus – im Gegenteil: Sie vertieft ihn historisch und gesellschaftlich. Die Klassenanalyse wird nicht aufgegeben, sondern innerhalb eines umfassenderen Gesellschaftsverständnisses neu positioniert. Öcalans Beitrag besteht hier darin, die Soziologie nicht nur als beschreibende Disziplin zu verstehen, sondern als integralen Bestandteil einer emanzipatorischen Praxis.

Sozialismus als Gesellschaftlichkeit: Die gesellschaftliche Konstruktion der Freiheit

In der klassischen sozialistischen Theorie wird Sozialismus über die Vergesellschaftung der Produktionsmittel und die Überwindung der Klassenherrschaft definiert. Sozialismus gilt in diesem Rahmen als eine historische Etappe, die nach der Überwindung des Kapitalismus eintritt. Der Staat spielt in dieser Übergangsphase eine zentrale Rolle – Planung, Verteilung und Koordination der Produktion erfolgen über staatliche Strukturen. Die Befreiung der Gesellschaft wird weitgehend an den Erfolg dieses zentralistischen Umgestaltungsprozesses gebunden.

Obwohl dieser Ansatz eine kraftvolle Alternative zu den destruktiven Auswirkungen des Kapitalismus entwarf, hat er im Verlauf der Zeit seine eigenen Begrenzungen hervorgebracht. Sozialismus wurde zunehmend nicht mehr als lebendige Neugestaltung gesellschaftlicher Beziehungen, sondern als ökonomisch-administratives Modell verstanden. Die Gesellschaft verlor ihren Status als aktives Subjekt und wurde zu einem Objekt, über das entschieden wurde. Damit geriet Freiheit aus dem Blick als eine gesellschaftlich hervorgebrachte Qualität – und wurde zu einem verwalteten, technokratischen Anliegen.

An genau diesem Punkt setzt Abdullah Öcalans Verständnis von Sozialismus an und markiert einen grundlegenden Bruch mit diesem Erbe. Für ihn bedeutet Sozialismus vor allem die Freilegung der Fähigkeit der Gesellschaft zur Selbstorganisation und zur kollektiven Entscheidungsfindung. Sozialismus ist aus seiner Perspektive kein bloßes Wirtschaftssystem oder eine bestimmte Staatsform, sondern eine Lebensweise. Der Begriff Gesellschaftlichkeit wird in diesem Zusammenhang zentral. Sozialismus erscheint hier als die Praxis, mit der sich die Gesellschaft selbst neu hervorbringt.

In dieser Perspektive tritt Freiheit nicht automatisch mit dem Rückzug zentraler Machtinstanzen ein. Vielmehr konkretisiert sie sich in Kommunen, Versammlungen und alltäglichen Formen gesellschaftlicher Organisation. Ökonomie, Politik und Kultur können nur dann befreiend wirken, wenn sie durch die direkte Teilhabe der Gesellschaft getragen werden. Gesellschaftlichkeit ist dabei nicht mit einem kollektivistischen Konzept gleichzusetzen, das das Individuum ausblendet, sondern meint eine Beziehungspraxis, in der das Individuum durch seine sozialen Bindungen überhaupt erst an Stärke gewinnt.

Öcalans Sozialismusverständnis beruht nicht allein auf einer Kritik vergangener staatszentrierter sozialistischer Modelle. Seine Perspektive ist auch ontologisch und soziologisch fundiert: Wenn der Mensch als ein relationales Wesen begriffen wird, dann kann auch Freiheit nur in Beziehungen entstehen – sie lässt sich nicht von einem Zentrum aus verteilen. Wo gesellschaftliche Organisationsformen keine Freiheit hervorbringen, genügt auch eine Transformation der Eigentumsverhältnisse nicht.

Dieses Konzept von Gesellschaftlichkeit entwertet den Klassenkampf nicht, sondern bettet ihn in ein erweitertes Feld gesellschaftlicher Kämpfe ein. Die Widersprüche zwischen Kapital und Arbeit, geschlechtsspezifische Ungleichheiten, ökologische Krisen und kulturelle Unterdrückung werden als verschiedene Ausdrucksformen ein und derselben gesellschaftlichen Krise verstanden. Sozialismus beansprucht, auf jede dieser Krisen eine kollektive, gesellschaftlich fundierte Antwort zu entwickeln.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Sozialismus ist bei Öcalan kein Ziel, das mit der Eroberung staatlicher Macht erreicht wird. Er ist ein Prozess, in dem sich die Gesellschaft selbst neu formiert. Dieser Prozess erfordert ein ständiges Handeln, ein praktisches In-der-Welt-Sein. Gesellschaftlichkeit begreift Freiheit nicht als einen Endzustand, sondern als gelebte Erfahrung. In dieser Hinsicht bietet Öcalans Sozialismus eine Perspektive gesellschaftlicher Befreiung, die über die staats- und machtzentrierte Vorstellung der klassischen Linken hinausgeht.

Die Aktualisierung des dialektischen Materialismus: Prozess, Relationalität und Subjekt

Der dialektische Materialismus ist eine wirkungsmächtige Denkform, die gesellschaftlichen Wandel über das Prinzip des Widerspruchs begreift. Die wechselseitige Beeinflussung von materiellen Bedingungen und gesellschaftlichem Bewusstsein bildet das zentrale Axiom dieses Ansatzes. Doch diese Perspektive wurde im Laufe ihrer theoretischen Entwicklung häufig auf den Bereich der Produktion begrenzt. Dialektik wurde mit den Bewegungsgesetzen der ökonomischen Basis gleichgesetzt. Diese Verengung ist nicht dem dialektischen Denken an sich anzulasten, sondern vielmehr Ergebnis einer spezifischen historischen Interpretation.

Öcalans theoretische Intervention zwingt dazu, Dialektik wieder als ein Denken in Prozessen und Beziehungen zu begreifen. Gesellschaftlicher Wandel kann nicht ausschließlich durch die Auflösung klassengebundener Gegensätze verstanden werden. Er vollzieht sich ebenso in der Transformation der Beziehungen, die der Mensch zu sich selbst, zur Gemeinschaft und zur Natur unterhält. In diesem erweiterten Verständnis wird Dialektik nicht mehr als stufenweise Abfolge historischer Phasen gedacht, sondern als ein fortlaufender, offener Prozess des Werdens.

Im klassischen dialektischen Materialismus wird das Subjekt zumeist als Träger historischer Notwendigkeit verstanden. Die Klasse erscheint dabei als kollektiver Hauptakteur auf der historischen Bühne. Diese Perspektive hebt zwar die Bedeutung kollektiven Handelns hervor, bleibt jedoch hinsichtlich individueller und kollektiver Subjektivierungsprozesse in einem engen Rahmen. Öcalans Ansatz definiert das Subjekt nicht allein über seine Klassenposition. Vielmehr begreift er es als ein in der Praxis entstehendes und sich ständig wandelndes Sein.

Diese Erweiterung bedeutet keine Abwertung materieller Realität – im Gegenteil: Sie zielt auf eine Ausweitung des Verständnisses dessen, was als materiell gilt. Die ökonomischen Produktionsverhältnisse bleiben ein zentraler Aspekt gesellschaftlicher Realität, stellen aber nicht deren einzige Dimension dar. Sprache, Kultur, Geschlechterverhältnisse, ökologische Beziehungen und politische Partizipationsformen werden ebenfalls als Teil des materiellen Gefüges verstanden. So wird Dialektik in die Lage versetzt, nicht nur die Widersprüche zwischen Kapital und Arbeit zu analysieren, sondern auch die vielschichtigen Konfliktlinien gesellschaftlicher Existenz zu erfassen.

Die hier vorgeschlagene Aktualisierung des dialektischen Materialismus bedeutet keine Hinwendung zum Idealismus. Vielmehr geht es darum, über abstrakte Idealisierungen hinaus die konkrete, vielschichtige Struktur gesellschaftlichen Lebens zu erfassen. Materielle Realität ist nicht auf das Messbare oder Zählbare beschränkt – auch gesellschaftliche Beziehungen, Gewohnheiten und Formen des Zusammenlebens haben materielle Qualität. Diese Einsicht vertieft die gesellschaftliche Reichweite des dialektischen Denkens.

In Öcalans Konzeption wird Dialektik von einer Strategie zur Machteroberung zu einer Methode des Verstehens der permanenten Selbstproduktion der Gesellschaft. Der Widerspruch ist nicht primär ein zu beseitigendes Hindernis, sondern ein dynamisches Potenzial für Transformation. Revolution erscheint damit nicht mehr als punktueller Akt des Bruchs, sondern als langfristiger Prozess gesellschaftlicher Selbstgestaltung. Zusammenfassend lässt sich sagen: Diese Aktualisierung hebt den dialektischen Materialismus nicht auf, sondern arbeitet ihn angesichts historischer Erfahrungen und theoretischer Notwendigkeiten weiter aus. Öcalans Beitrag besteht darin, die Dialektik aus ihrem staats-, partei- und klassenzentrierten Rahmen zu lösen und sie in eine lebensweltlich und gesellschaftlich orientierte Denkweise zu transformieren. In dieser Neufassung wird Freiheit nicht länger als fernes Ziel behandelt – sie wird zu einer Praxis im Hier und Jetzt.

Die konstitutive Verbindung von Ontologie, Gesellschaft und Freiheit

Dieser Text hat die Freiheitsfrage anhand der untrennbaren Verknüpfung von Ontologie, Soziologie und Sozialismus neu in den Blick genommen. Die zentrale These lautet: Gesellschaftliche Freiheit kann nicht allein durch die Transformation von Produktionsverhältnissen verwirklicht werden. Solange sich nicht auch das Seinsverständnis des Menschen, seine sozialen Bindungen und seine Formen der Subjektivierung grundlegend verändern, wird Befreiung keine nachhaltige Realität. Ziel der Analyse war es, nicht die grundlegenden Einsichten der klassischen Linken zu verwerfen, sondern jene blinden Flecken sichtbar zu machen, die ihre theoretischen Begrenzungen ausmachen.

Der klassische dialektische Materialismus bleibt ein kraftvolles Instrument zur Analyse kapitalistischer Ausbeutung und sozialer Ungleichheit. Seine Tendenz jedoch, Freiheit als ein in die Zukunft verschobenes Ziel zu begreifen, schafft eine strukturelle Distanz zur gesellschaftlichen Praxis. Die staatlich zentrierten sozialistischen Erfahrungen zeigen deutlich, dass diese Distanz nicht nur ein theoretisches Problem war – sie hatte auch historische Konsequenzen. Wo sich die gesellschaftlichen Beziehungen nicht gleichzeitig mit den ökonomischen wandelten, entstanden neue Formen von Herrschaft.

Vor diesem Hintergrund wurde der ontologische Aspekt in das Zentrum der Analyse gerückt. Der Mensch existiert in der Welt nicht nur innerhalb ökonomischer Strukturen, sondern durch Bedeutungen, Beziehungen und Praktiken. Sein ist kein statischer Zustand, sondern ein Prozess des ständigen Werdens. In diesem Sinne wird auch Freiheit nicht als abgeschlossener Zustand verstanden, sondern als ein soziales Verhältnis, das in kollektiven Lebenszusammenhängen fortwährend hervorgebracht wird. Ontologie verliert damit ihren Charakter als abstrakte Disziplin politischer Theorie und wird zu einem materiellen Fundament der Freiheit.

Die soziologische Diskussion hat gleichzeitig gezeigt, dass die Klassenanalyse unverzichtbar bleibt, gesellschaftliche Herrschaft jedoch nicht auf einen einzigen strukturellen Widerspruch reduziert werden kann. Patriarchale Muster, kulturelle Hierarchien, Zentralismus und Repräsentationsverhältnisse sind historisch mit der Klassengesellschaft verwoben, gehen ihr zum Teil aber auch voraus. Die Befreiung der Gesellschaft erfordert die Auseinandersetzung mit all diesen Formen von Herrschaft. Soziologie wird dadurch nicht nur zu einem analytischen Instrument, sondern zu einem konstitutiven Bestandteil emanzipatorischer Praxis.

Öcalans Verständnis von Sozialismus bringt diese ontologische und soziologische Erweiterung in dem Begriff der Gesellschaftlichkeit zusammen. Sozialismus wird nicht länger als Projekt zur Eroberung staatlicher Macht verstanden, sondern als Freisetzung der kollektiven Fähigkeit der Gesellschaft zur Selbstorganisation. Kommunen, Räte und lokale Strukturen sind in diesem Verständnis keine bloßen Verwaltungseinheiten, sondern Orte, an denen Freiheit konkret hervorgebracht wird. Die Gesellschaft erscheint nicht länger als passives Objekt, sondern als aktive Trägerin ihrer eigenen Befreiung.

Dieser Ansatz zieht notwendigerweise auch Kritik auf sich. Der häufigste Einwand lautet, dass er den Klassenkampf in den Hintergrund dränge. Doch das Ziel besteht hier nicht darin, die Kategorie Klasse zu verwerfen, sondern sie aus ihrer privilegierten Stellung als einzige Erklärungskategorie zu lösen. Der Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital bleibt ein zentrales Merkmal des modernen Kapitalismus, aber ohne die Berücksichtigung vormoderner Macht- und Herrschaftsstrukturen lässt sich gesellschaftliche Dominanz nicht vollständig erfassen.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft den angeblichen Bruch mit dem Marxismus: Die Betonung von Ontologie und Gesellschaft werde als Annäherung an idealistische Denktraditionen gelesen. Doch hier wird die materielle Realität nicht etwa verworfen – sie wird vielmehr breiter verstanden. Gesellschaftliche Beziehungen, alltägliche Praktiken, Organisationsformen und kollektive Lebensweisen sind ebenfalls Teil der materiellen Welt. Diese Perspektive zielt darauf, den oft übersehenen ontologischen Kern des Marxismus wieder sichtbar zu machen.

Auch die Kritik an einer vermeintlich unklaren Haltung zur Machtfrage ist ernst zu nehmen. Der Fokus auf Gesellschaftlichkeit wird bisweilen so interpretiert, als würde er die Problematik zentraler Machtstrukturen verharmlosen. Doch diese Kritik verengt Macht auf das staatliche Gewaltmonopol. In modernen Gesellschaften ist Macht jedoch in vielfältige gesellschaftliche Bereiche diffundiert. Die bloße Übernahme des Staates löst diese dezentralen Herrschaftsformen nicht auf. Gesellschaftlichkeit macht Macht nicht unsichtbar – im Gegenteil: Sie macht sie auf lokaler und pluraler Ebene sichtbar.

Ein letzter Einwand richtet sich auf die praktische Umsetzbarkeit dieses Ansatzes. Gerade unter Bedingungen von Krise, Krieg und Autoritarismus wird bezweifelt, ob gesellschaftszentrierte Modelle nachhaltig realisierbar sind. Doch diese Kritik reflektiert weniger Schwächen der Theorie als vielmehr die Grenzen bestehender Machtverhältnisse. Historische Erfahrungen zeigen, dass Formen gesellschaftlicher Selbstorganisierung selbst unter widrigsten Bedingungen entstehen können – die Praxis in Rojava ist dafür ein eindrückliches Beispiel.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Diese Untersuchung hat aufgezeigt, dass eindimensionale Erklärungsansätze dem komplexen Charakter gesellschaftlicher Freiheit nicht gerecht werden. Wenn Ontologie, Soziologie und Sozialismus gemeinsam gedacht werden, verwandelt sich Freiheit von einem abstrakten Ideal oder verschobenen Versprechen in eine gelebte gesellschaftliche Praxis. Der Beitrag Abdullah Öcalans liegt in dem Versuch, genau diese Ganzheitlichkeit wiederherzustellen – und liefert damit einen bedeutenden Vorschlag für eine theoretische Erneuerung zeitgenössischen linken Denkens.


Sinan Cûdî ist Journalist und lebt und arbeitet in Rojava.

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