Das Repräsentationsproblem in der kurdischen Bewegung
Die kurdische Bewegung steht im Spannungsfeld zwischen notwendiger Repräsentation und politischer Erstarrung. Die Rojava-Erfahrung zeigt: Demokratische Teilhabe kann ein Ausweg aus der Legitimitäts- und Strukturkrise sein. Ein Kommentar von Sinan Cûdî.
Die politische Repräsentation der Kurd:innen ist das Ergebnis eines späten und schmerzhaften Kontakts mit der modernen Politik. In der Spätphase des Osmanischen Reiches war das Verhältnis der kurdischen Gesellschaft zur politischen Ordnung weitgehend durch lokale Machtstrukturen geprägt. In der Republikzeit hingegen wurde dieses Verhältnis radikal unterbrochen: Politik im Namen der kurdischen Identität wurde verboten, die Sprache aus dem öffentlichen Raum verbannt. Politik wurde nicht mehr als Raum legitimer Forderungen begriffen, sondern in eine Kategorie des Strafrechts überführt. Unter diesen Bedingungen wurde politische Repräsentation nicht als Karriereweg, sondern als eine mit hohen Kosten verbundene Verantwortung verstanden.
Seit den 1990er Jahren, als der Eintritt in den legalen politischen Raum gelang, verschwanden diese Kosten nicht. Wiederholte Parteiverbote, das beredte Schweigen nach Gerichtsurteilen, die Inhaftierung von Abgeordneten und Verhaftungswellen direkt im Anschluss an Wahlen verdeutlichten stets aufs Neue, wie fragil dieses Terrain geblieben ist. Die Vertreter:innen wurden nicht nur als politische Akteure wahrgenommen, sondern waren zugleich erste Zielscheibe von Repression. Diese Realität machte politische Erfahrung und Kontinuität zu überlebenswichtigen Faktoren. Wer bestehen konnte, dessen Stimme gewann zwangsläufig an Gewicht.
Diese historische Grundlage schuf eine enge Verbindung zwischen politischer Repräsentation und Gesellschaft. Die kurdische Bewegung beschränkte sich nicht auf die Beziehung zur Wahlurne. Gefängnisbesuche, Trauerbekundungen, Reden in verbotenen Sprachen und die kollektiven Traumata durch Zwangsräumungen von Dörfern wurden zu integralen Bestandteilen politischen Handelns. Repräsentation wurde Teil des Alltags. Die Verhaftung einer Abgeordneten oder eines Abgeordneten war nicht bloß ein politisches Ereignis, sondern ein gesellschaftlicher Einschnitt. Diese Verbindung verlieh den Vertreter:innen über lange Zeit eine kaum hinterfragte Legitimität.
Doch eben diese Legitimität begann mit der Zeit Spannungen zu erzeugen. Gestützt auf ihre Verwurzelung in der Gesellschaft, zentralisierten die Repräsentant:innen zunehmend das Mandat, im Namen der Gemeinschaft zu sprechen. Kritik wurde oft als unangebracht in Zeit und Ort gewertet. Sätze wie „Die Lage ist ernst“, „Der Feind ist übermächtig“ oder „Jetzt ist nicht der richtige Moment“ entwickelten sich zu einem Sprachgebrauch, der politische Diskussionen aufschob. Anfangs hatte diese Rhetorik eine schützende Funktion, doch mit der Zeit verengte sie den Raum politischer Auseinandersetzung.
An diesem Punkt begann sich das Verhältnis der Repräsentation allmählich zu verfestigen. Die Kontinuität von Mandaten verwandelte sich von einer natürlichen Folge von Erfahrung in ein Statussymbol. Es wurde zur Normalität, dass dieselben Personen über Jahre hinweg unterschiedliche Posten bekleideten. Entscheidungsprozesse verengten sich. Während die Verantwortung zunehmend nach oben wanderte, wurde die Last politischer Konsequenzen an der Basis getragen. Dies erzeugte innerhalb der Bewegung eine nicht offen ausgesprochene, aber deutlich spürbare Distanz. Diese Distanz war weder ein Bruch noch eine offene Konfrontation – vielmehr handelte es sich um eine stille Spannung.
Gerade in dieser Stille formierte sich eine kastenartige Struktur. Diese war keine Elite im klassischen Sinn – sie gründete sich nicht auf Reichtum oder Privilegien, sondern auf die Sakralisierung politischer Positionen. Je mehr Repräsentation sich von einem zeitlich begrenzten und widerrufbaren Mandat entfernte, desto höher wurde der Preis für Kritik. Kritische Stimmen wurden zunehmend als „unzeitgemäß“, „verantwortungslos“ oder als „schwächend für die Bewegung“ gebrandmarkt. So hörte Repräsentation auf, ein Raum zu sein, der gesellschaftliche Energie freisetzt, und wurde stattdessen zu einem Mechanismus, der diese reguliert.
Der zentrale Widerspruch innerhalb der kurdischen politischen Bewegung besteht heute im Spannungsverhältnis zwischen der historischen Notwendigkeit von Repräsentation und den Risiken, die mit politischer Subjektwerdung einhergehen. Repräsentation bleibt unerlässlich, da der Kontakt mit dem Staat, dem Rechtssystem und internationalen Akteuren über diesen Kanal verläuft. Doch wenn Repräsentation nicht durch Subjektwerdung ausgeglichen wird, tendiert sie zur Abschottung. Diese mag kurzfristig Stabilität erzeugen, führt jedoch langfristig zu einem Abbau gesellschaftlicher Dynamik.
In diesem Zusammenhang ist die Rojava-Erfahrung als eine konkrete Antwort auf dieses Spannungsverhältnis zu verstehen. Die Politik des Demokratischen Konföderalismus eröffnete einen Weg, Repräsentation nicht vollständig abzuschaffen, sondern sie in kollektive Entscheidungsprozesse einzuweben. Kommunen, Nachbarschaftsräte, kantonale Strukturen und das System der genderparitätischen Doppelspitze wurden als Mechanismen etabliert, um Repräsentation kontinuierlich unter gesellschaftliche Kontrolle zu stellen.
In Rojava trat Subjektwerdung als existenzielle Notwendigkeit des Alltags zutage. Die Bedingungen des Krieges, das Leben unter Embargo und ständiger Bedrohung machten ein zentrales und geschlossenes politisches System unmöglich. Die Dezentralisierung von Entscheidungsprozessen war weniger Ausdruck eines politischen Ideals als vielmehr eine Überlebensstrategie. Damit wurde Subjektwerdung aus einem romantisierenden Beteiligungsdiskurs herausgelöst und in eine praktische politische Notwendigkeit überführt.
In dieser Hinsicht bietet die Politik des Demokratischen Konföderalismus in Rojava eine mögliche Antwort auf die allgemeine Repräsentationskrise innerhalb der kurdischen Bewegung. Sie bestätigt auf praktischer Ebene die Erkenntnis, dass Repräsentation zwar notwendig ist, aber ohne ein Gegengewicht durch Subjektwerdung erstarrt. Parlamentarische Politik, Diplomatie und internationale Beziehungen sind zwangsläufig auf Repräsentation angewiesen. Doch wenn diese Bereiche den Bezug zur Subjektwerdung verlieren, steigt das Risiko einer verfestigten Kastenstruktur. Die Praxis in Rojava erinnert daran, dass dieser Bruch kein unausweichliches Schicksal ist.
Das Repräsentationsproblem in der kurdischen Bewegung ist das Ergebnis einer unter Bedingungen historischer Repression gewachsenen und durch gesellschaftliche Legitimität gestärkten Struktur. Wird diese Struktur nicht durch Mechanismen der Subjektwerdung ausgeglichen, verhärtet sie sich. Die Politik des Demokratischen Konföderalismus in Rojava ist die bislang konkreteste historische Antwort auf diese Verhärtung. Sie ist unvollständig, riskant und fortwährend umstritten, doch genau in diesem riskanten Raum vollzieht sich politischer Wandel. Die Zukunft der Repräsentation hängt davon ab, inwieweit man bereit ist, sich diesem Risiko zu stellen.
Sinan Cûdî ist Journalist und lebt und arbeitet in Rojava. Der hier veröffentlichte Kommentar erschien zuerst auf Türkisch als Forumsbeitrag in der Tageszeitung „Yeni Yaşam“.
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