Syrien nach Suweida: Zwischen Isolation, Hass und geopolitischem Einfluss
Die jüngsten Geschehnisse in Suweida wirken weit über die Provinz hinaus. Politisch verschärfen sie den Wettbewerb um Einfluss, gesellschaftlich drohen sie die Kluft zwischen den Syrer*innen weiter zu vertiefen. Ohne Transparenz, Rechenschaft und einen ernsthaften inneren Dialog bleibt das Land gefangen in Gewaltspiralen – mit der Gefahr, dass die Errungenschaften des syrischen Aufstands nach dem Sturz des Assad-Regimes verloren gehen.
Die jüngsten Massaker in Suweida sind ein weiterer Indikator, wie zerrissen Syrien nach dem Regimesturz ist. Unser Partner Mohammad Shakerdy vom zivilen Zentrum Atareb zieht daraus Lehren aus solidarischer Perspektive. Sein Zentrum war bereits nach den Küstenmassakern am Aufbau des Netzwerks „Syrian Family“ beteiligt, das humanitäre Hilfe und Solidaritätsarbeit in alawitischen Gebieten leistete. Zudem setzt sich sein Team für Aufklärung und Demokratie ein.
Die Krise in Suweida hätte durch Dialog innerhalb Syriens gelöst
werden können und müssen. Stattdessen hat die Regierung den
militärischen Weg gewählt und damit Tür und Tor für externe Akteure
geöffnet. Israel reagierte am schnellsten und hat die Situation auch für
eigene Zwecke genutzt: Durch die Unterstützung einzelner Gruppen in
Suweida und den Aufbau einer Präsenz im Süden verschafft sich Tel Aviv
nicht nur Sicherheit an der Nordgrenze, sondern auch strategische
Vorteile gegenüber Jordanien und entlang des Korridors nach Al-Tanf und
in den Irak.
Wenn dieses Projekt abgeschlossen wird, hätte Israel
erheblichen Einfluss auf Damaskus und die gesamte Region. Während die
Übergangsregierung international um Schadensbegrenzung bemüht ist und
von einem Treffen in Europa zum nächsten hetzt, wird die israelische
Einflussnahme immer sichtbarer.
Fehlende Rechenschaft treibt Konflikte an
Neben den geopolitischen Folgen verschärfen die Ereignisse vor allem
die gesellschaftlichen Brüche innerhalb Syriens. Misstrauen, Vorwürfe
und Hass bestimmen zunehmend den Diskurs. Besonders in Suweida ist das
Vertrauen in die Regierung nach den Angriffen völlig zerstört.
Viele
Menschen fühlen sich isoliert und eingekesselt im eigenen Land.
Stimmen, die auf Unterstützung von außen setzen oder gar eine Abspaltung
in Erwägung ziehen, gewinnen an Gewicht. Gleichzeitig bleibt die Stimme
der Zivilgesellschaft schwach, kaum hörbar. Trotzdem sehen die meisten
Syrer*innen, dass kein Blut mehr vergossen werden sollte. Wir müssen zum
Dialog zurückkehren, offen über Fehler sprechen und gemeinsame Lösungen
finden.
Eine zentrale Ursache für die Eskalation in Suweida und die größte Herausforderung für die Zukunft ist die fehlende Rechenschaftspflicht: Verbrechen werden nicht aufgearbeitet, Verantwortliche nicht zur Rechenschaft gezogen. Ein militärischer Einsatz – sei es an der Küste oder in Suweida – ist keine Lösung, sondern der Kern des Problems. Gewalt erzeugt nur weitere Gewalt und hat innere Probleme in internationale Konflikte verwandelt.
Weg aus der Spirale: Nationale Einheit und Zivilgesellschaft
Ich sehe die einzige Lösung darin, wieder zu einer umfassenden nationalen, inklusiven Haltung zurückzukehren. Wir müssen jegliche Form von Hassrede ablehnen, an Dialog glauben und einen echten nationalen Weg für alle öffnen. Jede andere Option – sei es Teilung oder Unterwerfung unter externe Mächte – wird letztlich dazu führen, dass alles, was wir mit dem Regimesturz gewonnen haben, verloren geht.
Vielleicht befinden wir uns in einem dunklen Tunnel, doch ich glaube aufrichtig: Wenn die Stimmen der Zivilgesellschaft sich vereinen und einen gemeinsamen Weg durchsetzen, können wir neue Hoffnung schaffen und ein Licht am Ende dieses Tunnels entzünden.
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