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Frauenkonferenz in Hesekê fordert demokratische Verfassung


In Hesekê diskutieren hunderte Delegierte über die Rolle der Frauen im Aufbau eines föderalen Syriens. Im Zentrum stehen Forderungen nach Gleichberechtigung, Verfassungsreform und politischer Mitbestimmung.

Diskussionen über ein föderales System in Syrien
 
ANF / HESEKÊ, 20. Sept. 2025.

Unter dem Motto „Die Einheit der Frauen ist Grundlage für Gerechtigkeit und Demokratie in einem föderalen Syrien“ findet in der nordostsyrischen Stadt Hesekê eine landesweite Frauenkonferenz statt. An dem Treffen nehmen rund 700 Delegierte teil – darunter Politikerinnen, Juristinnen, Intellektuelle sowie Vertreterinnen arabischer Stämme aus Nord- und Ostsyrien, Aleppo, Damaskus und der alawitisch geprägten Westküste. Frauen aus dem drusischen Suweida beteiligen sich per Videoschaltung.

Veranstalterinnen der Konferenz sind die kurdischen und arabischen Frauendachverbände Kongra Star und Zenobiya. In ihren Eröffnungsreden betonten die Organisatorinnen, dass die Versammlung sich als politische Plattform für ein demokratisches, dezentral organisiertes Syrien verstehe.

Die Zukunft Syriens beginnt mit der Stimme der Frauen

Rîhan Loqo, Sprecherin von Kongra Star, sagte zur Eröffnung: „Wir sind die Kraft der vereinten Frauen – wir tragen die Hoffnung auf ein neues Syrien und den Willen zur Veränderung.“ Sie erinnerte an alle im Befreiungskampf gefallenen Frauen und bezeichnete die Konferenz als strategischen Schritt zur Schaffung eines Syriens, das auf Pluralismus, Rechtsstaatlichkeit und Gleichberechtigung beruhe.

Rîhan Loqo

Loqo kritisierte die jahrzehntelange politische und soziale Ausgrenzung von Frauen unter der Baath-Herrschaft, verwies aber zugleich auf deren anhaltenden Widerstand. Auch nach dem Zusammenbruch des alten Systems und der Etablierung einer islamistischen Regierung seien Frauen weiterhin von Gewalt und struktureller Diskriminierung betroffen.

Die Aktivistin forderte eine neue Verfassung, in der Frauenrechte verankert sind, und rief zur Stärkung demokratischer Institutionen im Sinne der Gleichstellung auf. Die Philosophie von „Jin, Jiyan, Azadî“ – Frau, Leben, Freiheit – sei keine Parole, sondern gelebte Realität, so Loqo.

Forderungskatalog vorgestellt

In einer gemeinsamen Erklärung formulierten Kongra Star und Zenobiya zentrale politische Forderungen, darunter:

▪ Aufbau eines demokratischen, pluralistischen und dezentralen Syriens mit gleichberechtigter Teilhabe aller Bevölkerungsgruppen und Geschlechter

▪ Mindestens 50 Prozent Frauenvertretung in allen staatlichen und lokalen Institutionen

▪ Eine neue Verfassung, die die Trennung von Religion und Staat gewährleistet

▪ Aufhebung diskriminierender Gesetze und rechtlicher Schutz vor Gewalt

▪ Garantierte Frauenbeteiligung an Justizreformen und Wahrheitskommissionen

▪ Schutz der Errungenschaften der Revolution in Nord- und Ostsyrien

▪ Ablehnung jeglicher Besatzung und ausländischer Intervention, insbesondere durch die Türkei

▪ Stärkung einer inklusiven nationalen Identität auf Basis kultureller und religiöser Vielfalt

Ohne Frauen kein Frieden

Die PYD-Politikerin Foza Yûsif, die auch Ko-Vorsitzende des Verhandlungsgremiums Nord- und Ostsyriens mit Damaskus ist, kritisierte in ihrer Ansprache die aktuelle syrische Übergangsregierung. Deren Verfassungsentwurf berücksichtige Frauenrechte nicht ausreichend und schließe große Teile der Gesellschaft aus.

„Ein Frieden, der auf Gewalt beruht, ist kein Frieden. Er beginnt mit dem Dialog und der Anerkennung aller Stimmen – insbesondere der der Frauen“, sagte Yûsif. Sie sprach sich für eine Verfassungsneugestaltung im Sinne einer „Verfassung der Frauen“ aus.

Foza Yûsif

Im weiteren Verlauf verwies Yûsif auf die Rolle der YPJ-Kämpferinnen, die im Widerstand gegen die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) eine „heroische Verteidigung des Lebens“ geleistet hätten, und mahnte, dass politische Beteiligung kein Privileg, sondern ein Grundrecht sei.

„Gesellschaftlicher Vertrag wächst aus der Stimme der Frauen“

Yûsif wies zudem auf Repressionen gegen Aktivistinnen, Journalistinnen und Politikerinnen hin, die sowohl von „offiziellen“ Regierungstruppen als auch von Damaskus-nahen Islamistengruppen ausgingen. Gleichzeitig forderte sie die syrische Opposition auf, sich klar gegen ausländische Interventionen und Besatzung zu positionieren.

„Heute schreiben wir am gesellschaftlichen Vertrag der Zukunft – und dieser beginnt mit den Frauen. Ohne ihre Freiheit bleibt jede Verfassung leer. Die Erfahrungen aus Nord- und Ostsyrien zeigen: Ein demokratisches Syrien ist möglich – durch Selbstverwaltung, Gleichberechtigung und ein kollektives Nein zu Gewalt.“

Im Lauf der Konferenz sollen auch Vertreterinnen der drusischen, alawitischen, ezidischen, armenischen und assyrischen Gemeinschaften zu Wort kommen. Auch Beiträge des Syrischen Frauenrats sind vorgesehen.

 

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