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Viyan Leyla: Frauen müssen sich selbst befreien

 

Viyan Leyla erläutert die Theorie des Bruchs mit dem patriarchalen System und die Bedeutung der Befreiung der Frau von Familie, Medien, der Institution der Ehe, dem Militär und den Staatsschulen.

Loslösung vom patriarchalen System

Die Theorie des radikalen Bruchs mit dem patriarchalen System, mit den Beziehungsmodellen, der Ehe und der patriarchalen Familie durch die kurdische Freiheitsbewegung ist immer wieder Gegenstand intensiver Debatten. Viyan Leyla von der Partei der freien Frau in Kurdistan (PAJK) hat sich in der von Arjîn Baysal moderierten Sendung Xwebûn bei Jin TV dazu geäußert.


Unter welchen Umständen kam die Theorie der dauerhaften Loslösung und des Bruchs mit dem patriarchalen System auf die Tagesordnung der Freiheitsbewegung?

Das Konzept der Theorie kam 1998 auf die Tagesordnung der Frauenbewegung. Die Bedingungen dieser Zeit erforderten die Organisierung der Frauen und den Aufbau einer entsprechenden Ideologie. Warum? Weil bereits zuvor einige Aktionen stattgefunden haben. Durch den Tod von Heval Bêrîtan kam die Gründung einer Frauenarmee auf die Tagesordnung unserer Bewegung. Zur gleichen Zeit, mit der Aktion von Heval Zîlan, kam auch die Theorie des Bruchs auf. Später wurde die Frauenbefreiungsarmee von Rêber Apo [Abdullah Öcalan] konzipiert. Rêber Apo führte Heval Zîlan als Beispiel für die Theorie des Bruchs an. Als Heval Zîlan die Freiheitsbewegung kennenlernte, hatte sie ein anderes Leben, eine klassische Ehe. Sie lebte und arbeitete in der ihr vorgegebenen Ordnung. In kurzer Zeit lernte sie die Freiheitsbewegung kennen, trennte sich von allem und leitete nach ihrem Beitritt einen großen Aufbruch ein. Obwohl seit ihrem Beitritt erst ein Jahr vergangen war, sah sie, dass sich das Komplott gegen Rêber Apo gegen die Frauenbewegung und die Freiheitsbewegung insgesamt richtete. Daher entschied sie sich zu ihrem Selbstopfer bei der Aktion. Sema Yüce zeigte sich als ihre Nachfolgerin.

Wenn Rêber Apo von einem Bruch sprach, meinte er den Bruch mit dem patriarchalen System. Im Jahr 2009 brachte er den Begriff einer endlosen Scheidung vom System ein. Er definierte die seit 5.000 Jahren bestehende Männerzivilistation als Machtinstrument gegen Frauen und als ein Vergewaltigungssystem. Er sagte, dass wir uns zuerst dauerhaft von der Autorität der Männer befreien müssen. So kam dieser Begriff auf unsere Tagesordnung. Dementsprechend führten wir Diskussionen über die Fragen, wie wir mit dem System brechen und uns dauerhaft loslösen können. Als Rêber Apo die dauerhafte Loslösung auf unsere Agenda setzte, beschäftigten sich auch viele Philosophinnen und Philosophen und Forschende mit diesem Thema.

Vor allem in Frankreich wurde die männliche Vergewaltigungspraxis untersucht. Sie nannten es ewige Liebe. Rêber Apo sagte: „Liebe kann unter diesen Bedingungen nicht gelebt werden. Denn es herrscht ein Vergewaltigungssystem. Deshalb kann die gegenwärtige Liebe unter Vergewaltigungsbedingungen keine wahre Liebe sein. Wenn eine Frau sich von diesen dominanten männlichen Praktiken befreien will, sollte sie nicht die ewige Liebe, sondern die ewige Loslösung verwirklichen.“ Wenn Frauen sich dessen bewusst werden, werden sie sich von dem seit fünftausend Jahren von Männern beherrschten System befreien.

Es geht also nicht nur um physische Trennung?

Nein, es geht darum, sich von dem ganzen System zu lösen. Dieses System ist nicht nur materiell. Es will ein Verständnis, eine Kultur, eine Moderne durchsetzen. Es gibt Institutionen, die das System etablieren. Das alles muss aufgegeben werden.

Als Rêber Apo diese Konzepte und die Theorie des Bruchs aufstellte, wie sah die Situation für Frauen in der Freiheitsbewegung bis dahin aus?

Es gab bereits eine Frauenorganisierung. In Verbindung damit gab es auch eine Frauenarmee. Aber es fehlte noch der Glaube an die Kraft der Frauen. Was kann eine Frau erreichen, kann sie kämpfen, kann sie Waffen tragen, kann sie sich gegen Männer behaupten, kann sie sich organisieren, kann sie für ihre Bedürfnisse sorgen, kann sie ohne Männer leben? Es gab Zweifel an diesen Fragen. Es wurde bezweifelt, dass eine Frau ihr Leben unabhängig und physisch getrennt von Männern fortsetzen kann. Doch Heval Zîlan setzte diesen Diskussionen mit ihrer Aktion ein Ende. Sie zeigte der ganzen Welt die Macht der Frauen. Die Frau erkannte sich selbst, organisierte sich und brach aus dem männlichen System aus; sie zeigte es der ganzen Welt. Niemand hatte damals von einer Frau erwartet, dass sie auch nur allein das Haus verlässt.

Heval Zîlan verließ ihr Zuhause, verließ ihren Mann und ihre Familie, ging in die Berge, kämpfte in den Bergen, verband ihre Identität, ihre Existenz und ihr Bewusstsein als Frau mit der Philosophie von Rêber Apo und explodierte wie eine Bombe im Hirn und Herz des patriarchalen Systems. Heval Zîlan wurde zum Symbol für eine starke Frau. Das Auftauchen von Heval Zîlan und Heval Sema Yüce in der Freiheitsbewegung und in der Gesellschaft ist eine Antwort auf das falsche Vorgehen gegenüber Frauen.

Heute ist die Beteiligung der Frauen an Partei und Armee eine andere. Frauen entwickeln einen eigenen Konföderalismus und schaffen soziale Bündnisse. Das ist ein Ergebnis der Theorie des Bruchs. Je mehr sich die Frau von der patriarchalen Mentalität und dem System löste, desto mehr entwickelte sie sich. Kurdische Frauen sind heute zu einer Inspirationsquelle für alle kämpfenden Frauen geworden. Sie brechen mit der Sklaverei, mit den Selbstzweifeln und der klassischen Ordnung und bewegen sich in Richtung Freiheit.

Sie haben gesagt, dass die dauerhafte Trennung nicht nur physisch sei. Was werden also die ökonomischen, intellektuellen und kulturellen Folgen sein?

Unser konkretes Modell ist das System der Gemeinschaft der Frauen Kurdistans (KJK). Es hat in jeder Hinsicht Ergebnisse geschaffen und ist eines der Ergebnisse des demokratischen Konföderalismus. Der Bruch muss jedoch Schritt für Schritt vollzogen werden. Wir müssen uns physisch von der patriarchalen Ordnung lösen. An einem Ort, an dem Männer den Diskurs beherrschen, an dem Männer Einfluss haben, an dem Männer das Sagen haben, können Frauen sich nicht frei äußern. Die Frauen können ihren Willen nicht offenbaren. Wenn sie also sie selbst sein wollen, müssen sie sich von denen abgrenzen, die die Frauen besitzen wollen. Wer will eine Frau besitzen? Der Vater will es, der Liebhaber will es, der Bruder will es, der Staat will es. Wenn es nicht zu einem physischen Bruch kommt, drohen immer Mord, Entführung und Übergriffe. Nach dem physischen Bruch muss dieser Bruch auch mental vollzogen werden. Wir müssen uns von dieser männlichen Mentalität befreien. Wir müssen wir selbst sein. Wir gehören nicht uns selbst. Unsere Ideen und Gefühle sind gestohlen worden.

Wie präsentieren sich die Frauen heute? Sie imitieren Männer. Wenn sie zur Armee gehen, werden sie wie Männer. In der Politik hat das kapitalistische System angeblich freien Frauen den Weg geebnet, und Frauen sind jetzt Abgeordnete und Ministerpräsidentinnen. Aber schauen wir uns Tansu Çiller und Angela Merkel an. Inwieweit sie Frauen sind, darüber lässt sich streiten. Der Form nach sind sie Frauen, aber inhaltlich sind sie Männer. Bakunin sagt in einer Analyse zur Macht: „Selbst wenn man den besten Menschen in eine Machtposition bringt, wird er innerhalb von 24 Stunden zum Despoten.“ Und Rêber Apo sagte: „Wenn diese Person eine Frau ist und an die Macht gebracht wird, wird die Situation schlimmer sein als die eines Despoten.“ So ist das mit der Macht. Frauen werden in wichtigen Positionen eingesetzt. Einige Frauen werden als Vorzeigeobjekt dargestellt. Eine Frau ist entweder eine Nachahmung eines Mannes oder ein Vorzeigeobjekt für Männer.

Ein anderes für Frauen vorgesehenes Modell ist, im Schatten eines Mannes zu stehen. Was ist der Schatten eines Mannes? Es gibt erfolgreiche, kenntnisreiche Experten, Wissenschaftler. Hinter ihnen steht eine ruhige, stille Frau. Sie tragen ihre Frauen herum wie eine Tasche. Es gibt männliche und weibliche Rollenmodelle. Sie soll für ihren Mann Kinder großziehen und als Zierde immer an seiner Seite sein. Auch Diktatoren zeigen Frauen als schmückendes Beiwerk. Das Machtdenken trennt die Frau von ihrem Wesen. Sie wird entweder zu einem Schutzschild oder zu einer Imitation des Mannes. Die Frauen haben den Sinn für ihr eigenes Geschlecht verloren. Was es bedeutet, eine Frau zu sein, was das Bewusstsein der Frau ist, all das ist in Vergessenheit geraten. Da es keinen Prozess in Bezug auf Frauen gegeben hat und keine moralische und politische Gesellschaft für Frauen aufgebaut wurde, hat sich kein matriarchales Konzept entwickelt.

Warum sind wir zu diesem Verständnis verurteilt? Warum werden wir nach diesem Konzept geformt? Wie hat uns diese Haltung genützt? Abgesehen von Mord, Belästigung, Vergewaltigung, Assimilation und Auflösung, was haben uns Männer gegeben? Sogar Männer, die sich selbst als demokratisch bezeichnen, werden zum Vergewaltiger, wenn sie in die Nähe von Frauen kommen. Du kannst nicht als freie Frau leben. Das Wort über dich ist gesprochen. Du wirst als Prostituierte, unehrlich und unmoralisch abgestempelt werden, und das Ergebnis wird deine Ermordung sein. Wenn du nicht an dem dir zugeschriebenen Ort bleibst, wirst du verhaftet. Wenn du auch im Kerker nicht aufhörst, lassen sie dich verrotten. Mit anderen Worten: Wenn du aus diesem System aussteigen willst, werden sie dich einkreisen, dich in einen Käfig sperren und dir jede denkbare Schlechtigkeit antun. Diese Erkenntnis hat uns einige Zwänge auferlegt. Uns werden alle möglichen Dinge beigebracht: Sei ein gutes Mädchen, zeige dein Haar nicht, halte deinen Kopf gesenkt, lache nicht laut, befolge die Regeln, wie man mit Jungen befreundet ist, wie man mit Mädchen befreundet ist, wie man so lebt, dass die Ehre der Familie nicht in Frage gestellt wird. Dann wirst du einen männlichen Beschützer finden, damit dein Name und dein Körper nicht beschmutzt werden. Dieser Mann soll sich um dich kümmern. Du musst dich herausputzen und schmücken, um diesen Mann zu finden und dein so genanntes Leben zu retten.

Welche Rolle spielt die Familie und die Institution der Ehe?

Die Familie bereitet Mädchen schon in jungen Jahren auf die neue Familie vor. Eine Frau ohne Familie und Ehemann hat keine Chance auf Leben. Heutzutage wollen einige Leute einige Dinge verändern und mit einer liberalen Politik aufweichen. Unter dem Namen der sexuellen Freiheit fördern sie Dinge, die die Gesellschaft moralisch angreifen. Dies ist ein anderes Übel. Die Institution Familie ist der erste Prototyp des patriarchalen Systems und prägt die erste Sozialisation. Die Regeln und Vorschriften, die der Vater und der Bruder aufstellen, können nicht übertreten werden. So wie der Staat Tränengas, Polizei, Gewalt und Verhaftungen einsetzt, wenn gegen die Regeln des Staates verstoßen wird, greifen auch der Bruder und der Vater zu Schlägen und Einsperren, wenn gegen ihre Regeln verstoßen wird. Manche Frauen heiraten, um sich von diesem Druck zu befreien.

Die Ehe ist auch eine Familienangelegenheit. Frauen sind drei oder vier Monate verheiratet und wollen sich von ihren Männern scheiden lassen. Denn sie kennen nun die Wahrheit über die Männer. Was passiert dann? Sie werden ermordet. Schauen Sie sich die ermordeten Frauen an, in vielen Fällen sind es Frauen, die sich von ihren Männern scheiden lassen wollten. Der Staat fördert die Ehe. Denn wenn es Eheschließungen gibt, wächst die Bevölkerung des Staates. Er macht eine Spezialpolitik in diesem Sinne. Niemand soll sagen, dass seine Beziehung eine freie Beziehung ist. Niemand sollte sich etwas vormachen. Frauen leben in Knechtschaft unter der Herrschaft der Männer. Zu Hause beweisen die Männer ihre Herrschaft über die Frauen.

Das ist Vergewaltigung. Neben der Ehe gibt es auch einige Begriffe, die auf falscher Freiheit basieren. Das sind Begriffe, die sexuelle Freiheit in Beziehungen zwischen Männern und Frauen definieren, und man will das auf die Tagesordnung der Frauen setzen. Eine Frau ist frei, eine Beziehung mit dem gewünschten Mann zu haben. Aber auch dahinter steckt die Vergewaltigungskultur. Was ist der Unterschied zur Ehe? Ob sie nun ein Dokument mit dem Staat unterzeichnet haben oder nicht, ist das Verständnis des Mannes ein anderes, wenn es kein Papier gibt? Wie viele Frauen sind von angeblichen Liebhabern ermordet worden? Das sind die Lügen und Widersprüche der kapitalistischen Moderne. Wir müssen uns von der Familie, der Arbeit, den Medien, der Institution der Ehe, den Universitäten, dem Militär und den staatlichen Schulen befreien.

Es ist schwierig, eine Mentalität zu ändern, wie haben Sie dieses Konzept im Kampf und in der Organisierung als Freiheitsbewegung in die Praxis umgesetzt?

Im physischen Sinne wurden die Bereiche getrennt. Rêber Apo fragte einmal: „Haben Frauen ihre eigenen Berge?“ Die physische Trennung unserer Bereiche gab den Frauen Selbstvertrauen. Bis dahin galten Frauen als körperlich schwach und machtlos. Es hieß zum Beispiel, sie könnten sich nicht selbst versorgen. Aber jetzt sind die Frauen nicht nur dazu in der Lage, sondern sie kämpfen auch mit Waffen in der Hand gegen die Invasionstruppen. Nichts könnte eindeutiger sein. Das Trillern der Frauen macht den Mächtigen heute Angst.

Es wurden Frauenakademien gegründet. Die Frauen analysierten das patriarchale System und diskutierten neue Erkenntnisse. Sie haben diese Diskussionen selbst geführt. Sie erhalten unabhängige Bildung und haben auch mit der Bildung von Männern begonnen. Sie arbeiten an der Veränderung der Männer, zusammen mit dem Kampf für den Bruch mit dem Patriarchat. In der Gesellschaft ist die Situation die gleiche. Das Ziel ist es, die Männer in der Gesellschaft zu verändern. Frauen organisieren sich in ganz Kurdistan, weil sie ihre eigene Stärke erkannt haben.

Die Freiheitsbewegung war eine Vorreiterin. Wie war es nach der Revolution in Rojava?

Die Revolution von Rojava wurde zur Hoffnung und zog die Aufmerksamkeit aller auf sich, die gegen das System kämpften. Die Frauen haben der Revolution von Rojava die Richtung gegeben, sie haben sich am stärksten am Kampf, in der Gesellschaft und an der Umwälzung beteiligt. Jetzt funktioniert dort ein demokratisches, ökologisches und auf Frauenbefreiung basierendes System, und alle Institutionen entwickeln sich auf der Perspektive der Jineolojî. Die Selbstorganisierung entwickelt sich in allen Bereichen.

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