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Efrîn: Massenproteste nach Tötung von Kurden


Nach der Tötung von vier Kurden durch die Türkei-treue Miliz „Ahrar al-Sharqiya“ an Newroz sind in Efrîn Massenproteste gegen die Besatzung ausgebrochen. Die Selbstverwaltung spricht von einem Kriegsverbrechen und fordert internationales Handeln.

Nach der Tötung von mehreren Mitgliedern einer kurdischen Familie durch die Türkei-treue Söldnertruppe „Ahrar al-Sharqiya“ in Cindirês bei Efrîn sind in der Region im Nordwesten von Syrien Massenproteste gegen die türkische Besatzung ausgebrochen. Bei Demonstrationen in Cindirês, Raco, Mabeta und Zentral-Efrîn verurteilten tausende Menschen am Dienstag die Ermordung der Männer und prangerten die brutale Herrschaft der Besatzungsmacht an. „Efrîn gehört den Kurden“ und „Fünf Jahre Vertreibung und Besatzung sind genug“ war auf Schildern zu lesen.

Am Montagabend hatten Söldner von Ahrar al-Sharqiya in Cindirês bei einer Feier zum Neujahrsfest Newroz das Feuer auf eine Gruppe von Kurden eröffnet. Dabei waren vier Männer im Alter zwischen 18 und 43 Jahren getötet worden, zwei weitere Personen wurden verletzt. Alle Opfer gehören der Familie Osman (Othman) an, die ursprünglich im Kreis Şiye beheimatet ist und seit der Besetzung Efrîns in Cindirês lebt. Eine Augenzeugin, deren Bruder sich unter den Getöteten befindet, berichtete, dass die Söldner die Kurden erst beleidigt und dann mit Steinen beworfen hätten, bevor sie plötzlich ihre Waffen zogen.

Kurdische Demonstranten schwenken die Ala Rengîn | Foto: ANHA

Nach dem tödlichen Angriff wurden die Ermordeten in das türkische Militärkrankenhaus im Stadtzentrum von Efrîn gebracht. Eine wütende Menschenmenge war daraufhin vor die Klinik gezogen und hatte gegen die Söldnertruppen des Besatzungsregimes protestiert. Die ganze Nacht über wurde die Herausgabe der Leichen und die Festnahme der Verantwortlichen des Massakers gefordert. Die türkische Besatzung verweigerte die Forderungen.

Hevrîn Xelef von Ahrar al-Sharqiya ermordet

Die islamistische Terrorgruppe Ahrar al-Sharqiya hat sich Anfang 2016 gebildet, viele ihrer Mitglieder stammen aus Deir ez-Zor. Sie ist Teil der „Syrischen Nationalarmee“ – einer Koalition bewaffneter Milizen, die auf Initiative der Türkei als Nachfolgerin der „Freien Syrischen Armee“ (FSA) ins Leben gerufen und ausgerüstet wurde. Zudem beherbergt sie ehemalige Mitglieder der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) in ihren Reihen und fiel bereits mehrfach durch schwere Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen auf. Besondere Bekanntheit erlangte die Gruppierung für ihre akribische Brutalität und Gräueltaten an der kurdischen Bevölkerung. Dazu zählt auch die Ermordung von Hevrîn Xelef. Die Generalsekretärin der Zukunftspartei Syriens war im Zuge des Angriffskrieges auf Serêkaniyê im Oktober 2019 in einen Hinterhalt von Ahrar al-Sharqiya geraten, schwer misshandelt und bei lebendigem Leib verstümmelt worden. Die USA haben Sanktionen gegen die Gruppe und zwei ihrer Anführer verhängt.

Von HTS aus Cindirês vertrieben?

Am Dienstag erreichten die Proteste der vier getöteten Kurden schließlich auch den syrischen Al-Qaida-Ableger „Hayat Tahrir al-Sham“ (HTS), der neben der Provinz Idlib auch die Mehrheit von Efrîn beherrscht. Dazu gehört auch ein Großteil von Cindirês, das bei dem schweren Erdbeben im türkisch-syrischen Grenzgebiet vor sechs Wochen beinahe vollständig zerstört wurde. HTS-Anführer Abu Muhammad al-Dschaulani, der vom UN-Sicherheitsrat als „terroristisch” gelistet ist, ordnete die Freigabe der Leichname an und ließ sie über Atmeh nach Cindirês eskortieren. Zudem empfing er eine Delegation, der neben Mitgliedern der Familie Osman offenbar auch einige Geistliche angehörten. Laut informierten Quellen soll bei dem Gespräch die Vertreibung von Ahrar al-Sharqiya aus Cindirês verlangt worden sein. Auch seien Übergriffe durch andere SNA-Milizen auf die Bevölkerung angesprochen worden. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte bestätigte entsprechende Berichte über das Treffen und meldete am Abend, Ahrar al-Sharqiya habe Cindirês auf Druck von HTS verlassen.

Khaled Davrisch: Ein Kriegsverbrechen, das internationales Handeln erfordert

Khaled Davrisch, Repräsentant der Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien in Deutschland, ringt um Fassung. „Diese unschuldigen Menschen wollten nichts anderes als das Frühlingsfest Newroz feiern und mussten dafür mit ihrem Leben bezahlen“, sagte Davrisch am Dienstag in Berlin. Der Kurde, der in Serêkaniyê geboren wurde, bezeichnet das Massaker an Zivilisten als Kriegsverbrechen. „Die internationale Gemeinschaft muss endlich dafür sorgen, dass die Türkei sich aus Efrîn zurückzieht“, fordert er.

Türkisch-dschihadistisches Terrorregime in Efrîn

Seit März 2018 hält die Türkei mithilfe von dschihadistischen Proxy-Truppen den ehemaligen Kanton Efrîn besetzt. Der Besatzung vorausgegangen war ein 58 Tage währender Angriffskrieg, bei dem mehr als 1500 Menschen getötet wurden. Über 350.000 Menschen wurden vertrieben und der Alltag für die verbliebene Bevölkerung unter der Besatzung gleicht einem Terrorregime: Ethnische Säuberungen, Veränderungen der Demografie, Plünderungen, Entführungen, Hinrichtungen und Vergewaltigungen prägen heute das Leben in Efrîn.

 

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