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Vor 77 Jahren wurde die Komara Kurdistanê ausgerufen



Die heute vor 77 Jahren in Mahabad ausgerufene Komara Kurdistanê steht bis heute ungebrochen als Symbol des kurdischen Befreiungskampfes und der kurdischen Selbstverwaltung.

Am 22. Januar 1946 wurde in der Stadt Mahabad in Iran die „Komara Kurdistanê“ ausgerufen. Obwohl sehr kurzlebig, gilt die knapp elf Monate existierende kurdische Republik bis heute als Symbol kurdischer Selbstverwaltung. Trotz ihrer historischen Bedeutung bis in die Gegenwart etwas ein Stiefkind der Geschichtsforschung geblieben, wollen wir an ihrem 77. Jahrestag die mit Hilfe der Sowjetunion gebildete erste kurdische Republik in einer Kompilation zweier Artikel des Historikers und intimen Kenners der kurdischen Geschichte Nick Brauns dennoch wieder einmal in Erinnerung rufen.

Mehrfach schien der kurdische Traum eines eigenen Staates [bzw. einer autonomen Selbstverwaltung, Anm.] greifbar nahe zu sein. Doch immer wieder mussten die Kurden die Erfahrung machen, dass sie nur Spielfiguren auf dem Schachbrett der Groß- und Kolonialmächte sind. 

Während des Zweiten Weltkrieges rückten die verbündeten britischen und sowjetische Truppen in den Süden und Norden des Iran ein. Das kurdische Gebiet um Mahabad lag dabei in einem nicht besetzten Machtvakuum. Um den Einfluss der USA und Großbritanniens zurückzudrängen und Ölkonzessionen in Nordpersien zu erlangen, nahmen sowjetische Agenten Kontakte zu kurdischen Intellektuellen und Stammesführern auf.

Insbesondere das 1943 in Mahabad gegründete Komitee für die Auferstehung Kurdistans (Komala) [deren Hauptziel man auf die Formel „Autonomie für Kurdistan, Demokratie für den Iran“ bringen kann, Anm.] geriet zunehmend unter den Einfluss Moskaus. Auf sowjetischen Rat wählte die Untergrundorganisation den angesehenen Richter und religiösen Führer Qazî Mihemed (Ghazi Mohammed)  zum Vorsitzenden, trat dann 1945 an die Öffentlichkeit und benannte sich in „Demokratische Partei Kurdistans – Iran“ (DPKI) um. Das Manifest der DKPI berief sich auf die Versprechen der Atlantik-Charta und forderte Autonomie der Kurden im Iran, kurdisch als Unterrichts- und Amtssprache, den Aufbau der Wirtschaft und des Gesundheits- und Bildungswesens sowie friedliche Beziehungen zu den anderen Volksgruppen im Iran.

Nachdem in Täbris eine Autonome Republik Aserbaidschan unter kommunistischer Führung ausgerufen wurde, hisste Qazî Mihemed am 15. Dezember 1945 in Anwesenheit sowjetischer Offiziere in Mahabad die rot-weiß-grüne kurdische Nationalfahne mit der gelben Sonne. Eine „kurdische Volksregierung“ und ein 13-köpfiges Parlament wurden gebildet. Als der zum Präsidenten ernannte Qazî Mihemed am 22. Januar auf dem Çarçira-Platz (Vier-Lampen-Platz) offiziell die Republik ausrief, trug er als Symbol des widersprüchlichen Bündnisses zwischen der Sowjetunion und kurdischen Stämmen zu einer Generalsuniform der Roten Armee den weißen Turban seines religiösen Amtes. Die frisch gegründete Republik umfasste ungefähr ein Drittel des kurdischen Siedlungsgebietes im Iran nördlich von Saqqez mit rund einer Million Einwohnern. Sie erstreckte sich von Baneh und Sardascht im Süden entlang eines schmalen Streifens an der irakischen und türkischen Grenze bis nach Maku und zur sowjetischen Grenze. Für kurdische Patrioten in allen Teilen der auf vier Staaten aufgeteilten Nation wirkte Mahabad als Magnet. Doch ihr reeller Einfluss blieb auf städtische Zentren beschränkt, da viele strenggläubige Stammeskurden gegenüber der unter dem Schutz der atheistischen Sowjetunion gebildeten Republik Distanz wahrten.

„Die Dörfer wurden von ihren alten Großgrundbesitzern und von Stammesführern mit Hilfe einer Polizei, die sich aus der einheimischen Bevölkerung rekrutierte und die in kurdische Tracht gekleidet war, verwaltet. Die Polizei unterstand jedoch dem Kommando von Offizieren in sowjetischer Uniform, die in Mahabad stationiert waren“, schilderte der stellvertretende US-Militärattaché in Teheran, Archie Roosevelt Jr., einen Besuch in der kurdischen Republik. „Mahabad selbst hatte sich von einer typisch eintönigen persischen Provinzstadt zu einer malerischen und farbenprächtigen Stadt gewandelt, in deren Straßen sich Kurden in ihrer Nationaltracht drängten – für den Augenblick unbehelligt vom Hass der iranischen Soldaten und Polizisten.“

Ihre größten Leistungen vollbrachte die Republik auf kulturellem Gebiet. Der asketisch lebende und kosmopolitisch gebildete Qazî Mihemed hatte die beiden Dichter Hejar und Hêmin Mukrîyanî in seinem Beraterstab berufen. Kurdisch wurde zur Amts- und Unterrichtssprache. Auf einer von der UdSSR zur Verfügung gestellten Druckpresse wurden Lehrbücher und Zeitschriften – auch für Frauen und Kinder – publiziert.

Zwar verfassten kurdische Dichter Lobeshymnen auf Stalin als „Befreier der unterdrückten Völker“. Doch innerhalb der anfangs noch sozialreformerisch orientierten DPKI verhinderten neu hinzu gestoßene feudale Großgrundbesitzer eine Bodenreform. Gestärkt wurden diese konservativen Kräfte durch den mit tausend Stammeskriegern und ihren Familien vor irakischen Truppen in den Iran geflohenen Partisanenführer Mollah Mustafa Barzani. Auf sowjetischen Befehl unterstellte Barzani seine Männer der kurdischen Republik.

Kurdische Offiziere der irakischen Armee desertierten, um ihr Wissen den Nationalen Streitkräften von Mahabad zur Verfügung zu stellen, und der kurdischstämmige Offizier der Roten Armee Saladin Kasimov wurde als Militärberater geschickt. Die zugesagte sowjetische Militärhilfe blieb allerdings weitgehend aus. Als die Rote Armee vertragsgemäß im November 1946 aus dem Iran abzog, bedeutete dies den Todesstoß für die aserbaidschanische und die kurdische Republik. Wichtige Stammesführer hatten zu diesem Zeitpunkt längst aufgrund von Partikularinteressen ihren Frieden mit Teheran gemacht. Am 16. Dezember 1946 marschierte die iranische Armee kampflos in Mahabad ein. [Anm.: Barzani und seine Truppen leisteten keinerlei Widerstand. England wiederum stand auf der Seite des Schahs.] Barzani floh mit 500 seiner Krieger ins sowjetische Exil. Am 17. und 18. Dezember wurden zahlreiche Kurden, darunter Qazî Mihemed, verhaftet. Qazî Mihemed wurde zusammen mit seinem Vetter Seif und seinem Bruder Sadr im Morgengrauen des 31. März 1947 auf dem Vier-Lampen-Platz in Mahabad hingerichtet. [Anm.: Die Folgejahre waren erneut durch die blutige Unterdrückung seitens der Armee und Sicherheitskräfte des Schahs unter der Pahlevi-Monarchie gekennzeichnet.]

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