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Reportage aus Iran (2): Die Menschen leiden sehr unter dem Regime


Seit über zwei Monaten sind die Menschen in Rojhilat und Iran auf der Straße. Der Journalist Abdurrahman Gök berichtet in einer Reportage für die Agentur Mezopotamya von seinen Eindrücken und Gesprächen mit den Menschen dort. Dies ist der zweite Teil.

Nachdem ich den Grenzübergang Xoy-Razi passiert habe, nehme ich ein Taxi nach Xoy. Ein Aseri aus Täbris, der auf dem Beifahrersitz sitzt und ein Geschäft in Wan (tr. Van) hat, spricht über die Unruhen im Land und warnt mich, in Bezug auf die Sicherheit vorsichtig zu sein. Als ich ihm sage, dass ich Iran schon zweimal besucht habe, sagt er: „Diesmal ist es anders. Sie müssen sehr vorsichtig sein. Ich nehme an, Sie haben noch nichts von der Festnahme der Touristen in den letzten Tagen gehört“, und erklärt mir sowohl die Entwicklungen in Iran als auch, was ich tun sollte, um mich während der Reise zu schützen. „Halten Sie sich von überfüllten Räumen fern. Tragen Sie Ihre Kamera nicht um den Hals. Halten Sie sich insbesondere von Orten fern, an denen sich Regierungsbüros befinden, und machen Sie keine Fotos oder Videos. Die Zahl der Zivilpolizisten hat stark zugenommen. Seien Sie also vorsichtig und sprechen nicht zu viel mit den Leuten, denn Sie können nicht vorhersehen, was mit Ihnen passiert, wenn sie merken, dass Sie ein Ausländer sind. Gehen Sie nicht nach draußen, vor allem nicht nachts“, sagt er.

Wird die Würde verletzt, kann der Mensch nicht aufgeben

Während ich mir seine Warnungen anhöre, versuche ich von dem ersten iranischen Bürger, den ich treffe, zu erfahren, warum die Menschen in den letzten zwei Monaten auf die Straße gegangen sind und sich nicht zurückgezogen haben. Er erzählt mir von der Wirtschaftskrise, den Lebenshaltungskosten, dem Wertverlust der Landeswährung, dem zunehmenden Druck, dem abgenutzten Image des Iran in der Welt und den Beleidigungen der Gascht-e Erschad (Sittenpolizei) gegen Frauen und fügt hinzu, dass die Menschen unglücklich seien. Die Menschen könnten Hunger und Armut bis zu einem gewissen Grad ertragen, aber wenn die Würde der betreffenden Person in Frage gestellt werde, sei an Aufgeben nicht zu denken, selbst wenn dies den Tod bedeute. Dies sei übrigens auch der Punkt gewesen, der das ganze Land in diesem Aufstand vereinte. Die Tatsache, dass eine Frau (Jina Amini) geschlagen wurde, weil sie sich nicht nach den islamischen Regeln verhüllt haben soll und dadurch ihr Leben verlor, sei der letzte Tropfen gewesen. Der Mann aus Täbris gibt mir seine Telefonnummer und sagt, ich könne ihn anrufen, wenn ich es brauche, und wünscht mir Glück.

Mit Strichmännchen übermalter Schriftzug © A. Gök | MA

Ich verlasse die Straße, die sich durch die Berge schlängelt, und fahre in die Stadt Xoy, die etwa 500.000 Einwohner:innen zählt, inmitten von Weinbergen, Gärten und Feldern, die in den Farben des Herbstes in einer weiten Ebene liegen. Ich besuche den alten Basar von Xoy in der Nähe von Darvazeh Sangi (historisches Steintor), wo das Herz dieser Stadt schlägt, in der Kurd:innen und Aseri zusammenleben. Der Markt ist überfüllt und das Leben scheint normal zu sein, aber ich werde Zeuge, dass alle über die Proteste sprechen, die sich mit voller Geschwindigkeit im ganzen Iran ausbreiten. Bei einem Spaziergang durch die Stadt fallen mir schwarzfarbene Graffitis wie „Jin Jiyan Azadî“, „Zan, Zendegi, Azadi“, „Jina Amini“, „Marg bar diktator“ (Tod dem Diktator) an den Wänden auf, die durchgestrichen oder noch nicht vollständig entfernt wurden. Obwohl die Proteste im Iran seit zwei Monaten andauern, erfahre ich, dass in Xoy nichts los ist, abgesehen von ein paar kleinen Demonstrationen.

„Seelenlose Menschen“?

Als ich an die Straße komme, wo die Taxis nach Ûrmiye (Urmia) fahren, und ein Foto machen will, kommt ein junger Mann auf mich zu und sagt, ich solle keine Zeit damit verschwenden, diese seelenlosen Menschen zu fotografieren, so als würde er sich über die Stille in der Stadt beklagen. Ich erwidere, dass ich die Wegweiser nach Ûrmiye und Selmas, zum Flughafens und zur Universität abfotografiert habe. Er meint, dass dies mehr Sinn machen würde, als diese Menschen zu fotografieren. Ich überlege, ob ich dieser Meinung auf den Grund gehen soll, aber dann erinnere ich mich an das, was mir der Mann im Taxi gesagt hat, und lächle einfach.

Die hohen Lebenshaltungskosten fallen sofort ins Auge

Wenn man möchte, kann man sich für Überlandfahrten in Iran ein Taxi allein mieten, oder man wartet, bis vier weitere Fahrgäste zusteigen. Ich bin der dritte Fahrgast in einem Taxi, das auf zwei Fahrgäste wartet, und als der vierte endlich kommt, fahren wir los. Während der etwa 130 Kilometer langen Fahrt wird außer den Familienangelegenheiten der anderen drei Fahrgäste fast nichts besprochen. Der junge Fahrer setzt uns im Zentrum von Ûrmiye ab, und ich laufe durch die belebtesten Straßen der Stadt.

Am Velayeti-Faqih-Platz ist viel los. Hausierer und Händler versuchen, in aller Eile etwas zu verkaufen. Aufgrund der geringen Kaufkraft und der niedrigen Lebenshaltungskosten beklagen sich die Menschen jedoch darüber, dass sie kein Geld ausgeben könnten, es sei denn, sie haben zwingende Bedürfnisse. Studierende und Frauen ohne Kopftuch, die durch die Gassen ziehen, erregen nicht nur meine Aufmerksamkeit. Einige Ladenbesitzer, die vor ihren Geschäften sitzen oder lächelnd plaudern, beobachten diese „tapferen“ Menschen. Natürlich gibt es auch solche, die vor Wut den Kopf wegdrehen.

Die Menschen leiden sehr unter dem Regime

Ein von mir befragter Beamter beklagt sich über die Praktiken des Regimes und fügt hinzu, dass in Iran, einem Land, das hinsichtlich der unter- und oberirdischen Ressourcen zu den reichsten der Welt gehört, alle Menschen unter Armut leiden würden. „Neben der Wirtschaftskrise ist die Gesellschaft auch durch die Politik des Mullah-Regimes, die das Leben unerträglich macht, geschädigt worden. Sehen Sie, da vorne ist der Daneshgah Boulevard. Das ist die Gegend, in der die reichen Leute von Ûrmiye leben. Nur eine einzige Straße dieser Stadt mit etwa einer Million Einwohnern besteht aus reichen Menschen. Die übrigen fast 95 Prozent sind arm. Stellen Sie sich eine Stadt vor, die über eine weite Ebene und fruchtbares Land verfügt und von Trauben- und Apfelweinbergen umgeben ist, in der die Menschen Schwierigkeiten haben, Brot nach Hause zu bringen. Diese Menschen litten und leiden immer noch unter Führungskräften, die nichts anderes im Kopf haben, als ihr eigenes Leben zu gestalten. Und sie wollen, dass sie so schnell wie möglich verschwinden“, sagt er.


In Ûrmiye ist es ruhiger als in anderen Teilen

Ich frage den Beamten, der auch Aseri ist, nach den Protesten der letzten zwei Monate. Er sagt, dass Aseri und Kurd:innen in Ûrmiye zu Hause sind, beide Völker die Sprache des anderen kennen und in Frieden leben. Er weist darauf hin, dass es hier und in der gesamten iranischen Provinz West-Aserbaidschan, die ein Verwaltungszentrum ist und in der es viele Universitäten gibt, nicht so aktive Proteste gab wie in der Provinz Kurdistan: „Da es sich jedoch um ein Verwaltungszentrum handelt, ist es eine Stadt, in der bewaffnete und unbewaffnete Regimekräfte konzentriert sind. Der Druck ist zu groß, und Polizei und motorisierte Einheiten patrouillieren die ganze Zeit auf den Straßen und Plätzen. Auch hier gibt es viele Menschen, die festgenommen und bei Hausdurchsuchungen verhaftet wurden. Aber wir wissen, dass es dennoch Menschen gibt, die in letzter Zeit, vor allem abends, auf die Straße gehen.“

Ich schlendere durch die Straßen und bemerke die Anwesenheit von motorisierten Einheiten und Polizisten mit langläufigen Waffen, so wie es der Beamte beschrieben hat. Aus allen vier Wechselstuben, die ich betrete, gehe ich mit leeren Händen heraus. Gefragt nach dem Grund erfahre ich, dass ein Dollar fast 35.000 iranischen Rial entspricht und die Wechselstuben wegen der raschen Kursschwankungen nicht funktionieren würden. Weil ich die Dollars, die ich bei mir habe, nicht umtauschen kann, will ich die von meinen früheren Reisen übrig gebliebene Währung sparsam verwenden und gehe zur Postbank, um eine SIM-Karte zu kaufen. SIM-Karten sind in Iran nur bei diesen staatlichen Banken zu kaufen. Doch auf allen vier Filialen, die sich in verschiedenen Straßen befinden, gehe ich leer aus. Jeder Beamter, der meinen Reisepass sieht, gibt mir die Antwort, mir nichts verkaufen zu können. Ich frage nach dem Grund, bekomme aber keine Antwort.

Am dritten Tag meiner Reise versuche ich ein letztes Mal mein Glück, eine Nummer zu bekommen. Ich werde begleitet von einem Angestellten aus der Lobby des Hotels, in dem ich wohne. Diesmal werde ich nicht abgelehnt, da der Hotelangestellte in der Postbank kein Unbekannter ist. Doch als der Beamte, dem ich meinen Pass gegeben hatte, mitten im Vorgang eine Warnung auf seinem Computerbildschirm sieht, sagt er, dass meine Transaktion nicht fortgesetzt werden könne. Ich verliere meine Hoffnung auf eine SIM-Karte vollends.

Inhaftierte aus anderen Städten wurden nach Ûrmiye gebracht

Ich gehe los und wandere durch die Straßen. Genau wie in Xoy wurden hier ähnliche Parolen an die Wände geschrieben, und als ich die Quellen, mit denen ich sprechen wollte, nicht erreiche, lande ich im größten Naturkundemuseum des Landes, und dann auch im Museum von Ûrmiye.

Nach meinem Aufenthalt in Ûrmiye, dem Verwaltungszentrum der Provinz West-Aserbaidschan, wohin die in Städten wie Bokan, Mahabad, Selmas, Pîranşar (Piranschahr) und Serdeşt (Sardascht) festgenommenen Demonstrierenden gebracht und verhört werden, machte ich mich auf den Weg nach Mahabad. Die Stadt zählt zu den wichtigsten Zentren der Proteste in Rojhilat, wo bisher mehr als zehn Menschen ihr Leben verloren haben.


 

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