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„Die Theaterkommune ist die Stimme des Volkes“


Seit 2019 besteht die Theaterkommune von Nord- und Ostsyrien. Sie begreift Theater als prägende gesellschaftliche Kraft und bemüht sich mit 26 unter ihrem Dach vereinten Gruppen, Bühne und Volk zusammen zu bringen.

Jahrzehntelang war es in Syrien praktisch unmöglich, kurdische Kunst und Kultur zu realisieren. Die seit den 1960er Jahren herrschende Baath-Partei verstand sich stets als Vertreterin des Panarabismus und untersagte den Kurdinnen und Kurden im Norden grundlegende politische und kulturelle Rechte. Das Regime setzte auf aggressive Assimilation und eine rigorose, rassistisch motivierte Arabisierungspolitik. Diese stetige Unterdrückung wurde 2012 mit der Revolution von Rojava überwunden, als die kurdischen Enklaven, die durch den „Arabischen Gürtel“ - die Ansiedlung arabischer Volksgruppen und die Ausbürgerung sowie Vertreibung hunderttausender Kurdinnen und Kurden - voneinander getrennt waren, nach und nach wieder befreit und vereint wurden.

Auferlegung der Entfremdung

Selbst dem kurdischen Theater stand in Nordsyrien eine unterdrückende Staatsmacht entgegen. Auf den Bühnen konnte nur in Arabisch gespielt werden. Die Auferlegung der Entfremdung stellte die gesellschaftlichen, soziologischen und geografischen Probleme im kurdischen Norden zurück und überging die Gefühle, Schmerzen und die Freude der Menschen, da sie nicht in der eigenen Muttersprache zum Ausdruck gebracht werden durften. Mit der Revolution vom 19. Juli änderte sich dieser Zustand und die kulturellen Ausdrucksmöglichkeiten der Menschen erreichten neue Dimensionen. Mit der Rojava-Revolution und der Ausrufung der Autonomen Verwaltung von Nord- und Ostsyrien wurde die Grundlage dafür geschaffen, dass alle Völker mit ihrer jeweils eigenen Sprache, Kultur und Farbe die Bühne betreten können.

Die Theaterkommune von Nord- und Ostsyrien

Die Organisierung, die auch im Bereich der Kultur als grundlegende Voraussetzung angesehen wird, spielte eine führende Rolle bei der Gründung der Theaterkommune von Nord- und Ostsyrien. Die Kommune wirkt wie eine Schauspielschule. 2017 schlossen sich die verschiedenen Gruppen in der Region erstmals unter einem gemeinsamen Dach für Theaterförderung zusammen. Nur zwei Jahre später ist mit der Kommune eine noch umfassendere Organisierungsform entstanden. Dank dieses Aufbruchs besteht vor allem bei jüngeren Menschen vermehrt größeres Interesse an kurdischem Theater.


Die Kommune, die den größten Teil ihrer Zeit der Ausbildung widmet, hat bisher neun Ausbildungsgänge eröffnet, davon fünf in der Cizîrê, drei in der Euphrat-Region und einen im Kanton Şehba. Das zweimal pro Woche durchgeführte Training konzentriert sich auf den Einsatz von Stimme und Körpersprache, das Schreiben von Drehbüchern und die professionelle Regie. Die Mitglieder der Kommune arbeiten daran, den Erwartungen des Publikums gerecht zu werden.

Theaterworkshops in Qamişlo und Dêrik

108 angehende Schauspielerinnen und Schauspieler werden derzeit ausgebildet - nicht nur in Kurdisch, sondern auch in Arabisch. Neben dem kurdischen Theater wird auch dem arabischen Theater Bedeutung beigemessen. Insgesamt 26 Lehrkräfte arbeiten unter dem Dach der Kommune. Für sie sind Schulungen zum Thema Regie besonders wichtig. Die Kommune, die von erfahrenen Theatermacher:innen unterstützt wird, plant, ihre Projekte zur Ausbildung von Regisseur:innen zu erweitern, damit die Lehrkräfte kreativer, entwicklungsfähiger und sicherer werden können. Ziel der Workshops in Dêrik und Qamişlo ist es, qualifizierte Schauspieler:innen, Drehbuchautor:innen und Regisseur:innen auszubilden, um eine Grundlage für die Theaterarbeit zu schaffen. Die Absolvent:innen der beiden Workshops sind bereit für die Bühne.

Festival für die Einheit der Völker

13 Gruppen in Cizîrê, acht in Euphrat und fünf in Şehba, darunter zwei Kindergruppen, sind an den Kultur- und Kunstaktivitäten von insgesamt 26 Kommunen beteiligt. Die Theaterkommune, die bisher fünf Festivals organisiert hat, geht von der Einheit der Völker aus; kurdische, arabische, turkmenische, tscherkessische, assyrische und armenische Menschen nehmen mit ihrer eigenen Sprache, Tracht und Kultur an den Festivals teil.

Ednan Ehmed Mistefa ist einer der Verantwortlichen der Theatergemeinde in Nord- und Ostsyrien. Er begreift Theater als prägende gesellschaftliche Kraft und ist fest davon überzeugt, dass die Revolution ihre eigenen Kunstschaffenden hervorgebracht hat. Sein Stichwort: Bildung. „Es ist uns ein Anliegen, Theater und Gesellschaft zusammen zu denken und zusammen zu bringen. Bildung ist wichtig, um einerseits die Gesellschaft zum Theater zu ermutigen und das kurdische Theater sichtbar zu machen, aber andererseits vor allem den Völkern das Projekt der demokratischen Nation vorzustellen. Bildung ist ein Muss. Es werden sowohl technische als auch ideologische Schulungen angeboten. Unser Ziel ist es, die Mitglieder der Kommune intellektuell weiterzubringen und so die Wahrheit der Revolution sowohl unseren Mitgliedern als auch der Gesellschaft zu vermitteln.“

Neue Projekte für Lehrer:innen

Im Hinblick auf die Bedeutung der Rolle der Lehrer:innen betont Mistefa: „Je mehr Lehrer:innen sich selbst weiterbilden, ihr Wissen weitergeben und mit den Schüler:innen eins zu eins arbeiten, desto mehr wird sich das Theater entwickeln. Unsere Bildungskräfte sollten das vorhandene Potenzial organisieren und bündeln. Der Erfolg einer Gruppe ist auch Ausdruck des Erfolgs der Lehrer:innen. Da im Theater sowohl Fachwissen als auch Kunst erforderlich sind, ist die Ausbildung von Lehrer:innen nicht so einfach, wie es scheint. Sie erfordert Arbeit. Als Kommune bereiten wir uns auf neue Projekte vor, um die Kompetenz von Lehrer:innen zu stärken.“

Die Freiheit der Menschen ist das Grundthema

Mistefa erläutert, warum Theater gebraucht wird: „Theater bedeutet, die Freude und den Schmerz der Gesellschaft erlebbar zu machen. Es geht um die Veränderung, Beseitigung der Rückständigkeit in der Gesellschaft und die Korrektur von Missständen. Wir können das Theater auch eine Schule nennen, die live stattfindet. Das Theater geht direkt auf die Öffentlichkeit zu und vermittelt ihr wichtige Botschaften. Der Hauptzweck des Theaters besteht darin, ein soziales Thema zu bestimmen und die Öffentlichkeit dafür zu sensibilisieren. Es richtet sich also gegen das nationalstaatliche System und ist die Stimme des Volkes. Das Theater kritisiert das Falsche und bietet Lösungsvorschläge, indem es das Richtige vorstellt. Es ruft zum freien Denken, zur freien Entfaltung der Ideen und zur Revolution auf. In unseren Theatern arbeiten wir mit der Philosophie der demokratischen Moderne und organisieren uns nach dieser Philosophie. Es liegt in der Natur des Theaters, frei zu sein, also wird die Freiheit der Menschen als Grundlage genommen.“

 

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