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Regisseurin Argentieri: „Jin Jiyan Azadî" nicht losgelöst von Abdullah Öcalan sehen


Den Slogan „Jin Jiyan Azadî" losgelöst von Abdullah Öcalan zu betrachten, sei ein Widerspruch, so die Regisseurin Benedetta Argentieri. Alle, die ein freies Leben verteidigen, sollen daran erinnern, was in den Bergen Kurdistans und auf Imrali geschieht.

Die italienische Journalistin und Regisseurin Benedetta Argentieri hat den „phoenix"-Preis für den besten Dokumentarfilm, der ihr auf dem Internationalen Filmfestival Köln für ihren Film „The Matchmaker“ verliehen wurde, den Menschen in Nord- und Ostsyrien / Rojava und ihrem Widerstand gegen die Angriffe des türkischen Staates gewidmet. Argentieri legt den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf die Konflikte im Nahen Osten, die Demokratie und die Gleichstellung der Geschlechter. In ihrem neuesten Dokumentarfilm „The Matchmaker“ (Der Heiratsvermittler) ändert sie ihre Perspektive und lenkt den Blick auf Frauen, die sich dem IS angeschlossen haben.


ANF sprach mit Benedetta Argentieri am Rande der Frauenkonferenz „Unsere Revolution: Das Leben befreien" des Netzwerks „Women Weaving the Future" in Berlin über die Botschaften, die sie mit ihrem neuen Dokumentarfilm vermitteln will sowie über die Rolle von Kunstschaffenden und Intellektuellen im Kampf gegen die Chemiewaffenangriffe des türkischen Staates gegen die kurdische Guerilla.

Sie haben an beiden Konferenzen des Netzwerks „Women weaving the Future“ teilgenommen. Wie würden Sie die Unterschiede oder Entwicklungen zwischen den beiden Konferenzen in Bezug auf ihre Ergebnisse beschreiben?

Es gibt große Unterschiede zwischen der ersten und der zweiten Konferenz. Zwischen den beiden Konferenzen sind fast vier Jahre vergangen. Außerdem gibt es die Entwicklung, dass nicht mehr nur die kurdische Frauenbewegung, sondern alle Bewegungen begonnen haben, sich mehr und mehr auf das zu beziehen, was in Kurdistan passiert. Die kurdische Frauenbewegung hat begonnen, das neue Leben, ein alternatives System, das alles umfasst, was wir anstreben, aufzubauen, um uns von diesem unterdrückerischen System, in dem wir leben, zu befreien. An dieser Konferenz nehmen mehr Teilnehmerinnen teil, sie ist größer als die Konferenz in Frankfurt. Wir sind am Ende der Sitzungen angelangt und werden nun über konkrete Vorschläge für das weitere Vorgehen diskutieren. Ich glaube, dass viele Frauen auf der ganzen Welt die jüngsten Diskussionen darüber, wie wir vorankommen können, verfolgt haben, und das halte ich für sehr wichtig.

Ich finde es auch sehr wichtig, das Hauptaugenmerk auf das Handeln der NATO-Staaten, insbesondere der Türkei, zu legen. Wir haben gesehen, dass die Angriffe des türkischen Staates gegen Frauen allgemein, aber vor allem gegen die kurdische Frauenbefreiungsbewegung, zugenommen haben.

Sie sind Journalistin und Dokumentarfilmerin und konzentrieren sich in Ihrer Darstellung vor allem auf die Frauenbewegungen im Nahen Osten bzw. auf die dortigen Grausamkeiten gegen Frauen, die der Grund für die Kämpfe von Frauen sind. Welche Botschaft wollen Sie mit Ihrem letzten Dokumentarfilm „The Matchmaker“, für den Sie in Köln den „phoenix-award“ für den besten Dokumentarfilm erhalten haben, vermitteln?

Es war mir sehr wichtig, diesen Preis den Menschen in Nord- und Ostsyrien zu widmen, denn durch den Krieg in der Ukraine ist alles andere von der Agenda der Mainstream-Medien verschwunden. Alle konzentrieren sich jetzt auf den Krieg in der Ukraine und haben den Rest der Welt vergessen. Zurzeit gibt es 488 Konflikte auf der Welt, wie auch Nilüfer Koç in ihrem Beitrag auf der Konferenz erwähnt hat. Deshalb ist es so wichtig, die Aufmerksamkeit wieder auf Nord- und Ostsyrien und die Geschehnisse in Kurdistan zu lenken, vor allem auf die Angriffe, die ich eben erwähnte. Wir müssen die europäischen Länder daran erinnern, dass es noch immer Tausende von IS-Anhänger:innen gibt, insbesondere Frauen, die aus europäischen Ländern nach Syrien gekommen sind, um sich dem IS anzuschließen, und dort festsitzen. Sie können nicht in ihre Länder zurückkehren, ihre Länder wollen sie nicht zurücknehmen.

Dadurch liegt die ganze Last auf den Schultern der Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien. Das können wir nicht zulassen, denn die europäischen Länder haben eine Verantwortung gegenüber ihren Bürger:innen. Ihre eigenen Staatsangehörigen einfach dort zu lassen, während Nord- und Ostsyrien unter ständigen Angriffen des türkischen Staates steht, verschlimmert die Probleme. Die Angriffe sind auch eine Bedrohung für die Zivilbevölkerung dort, für das alternative System, den demokratischen Konföderalismus, der in Nord- und Ostsyrien aufgebaut wird. Ich habe den Preis den Menschen in Nord- und Ostsyrien gewidmet, um die Aufmerksamkeit wieder auf die Menschen dort zu lenken und auf diese sehr wichtigen Probleme hinzuweisen.

Der türkische Staat setzt auch chemische Kampfstoffe gegen die kurdischen Freiheitskämpfer:innen ein. Welche Botschaft möchten Sie der Weltöffentlichkeit, insbesondere der Gemeinschaft der Künstler:innen und Intellektuellen, gegen diese staatliche Gewalt übermitteln?

Angriffe mit Chemiewaffen gibt es schon seit langer Zeit. Da der türkische Staat die Guerilla in den Bergen Kurdistans nicht besiegen kann, setzt er chemische Waffen ein, die durch internationale Konventionen verboten sind, und das, obwohl er ein NATO-Mitgliedsstaat ist. Und niemand sagt etwas dagegen. Sie weigern sich zu sehen, was vor sich geht.

Das steht auch im Zusammenhang mit der seit mehr als 22 Jahren andauernden Inhaftierung von Abdullah Öcalan in Imrali. Er wurde 1999 entführt und ist seitdem ununterbrochen in Isolationshaft. Viele Menschen haben gegen die Unmenschlichkeit dieser Art von Inhaftierung protestiert und äußerten Bedenken darüber, welche Art von Problemen dadurch verursacht werden. Aber niemand aus der internationalen Gemeinschaft sagt etwas, und das steht im krassen Gegensatz zu dem, was in diesen Tagen geschieht.

Wir sehen, wie enthusiastisch der Slogan „Jin Jiyan Azadî“ heute in der ganzen Welt adaptiert wird, ohne die Verbindung zwischen diesem Slogan und dem kurdischen Freiheitskampf und Abdullah Öcalan zu benennen. Da besteht also ein großer Widerspruch. Deshalb müssen Intellektuelle, Kunstschaffende, alle Freund:innen Kurdistans, aber nicht nur sie, sondern alle, die ein freies Leben verteidigen, daran erinnern, was in den Bergen Kurdistans und auf Imrali geschehen ist, und die Freilassung von Abdullah Öcalan fordern. Heute wird er nicht nur vom kurdischen Volk, sondern auch von vielen anderen Menschen als Philosoph anerkannt. Es ist an der Zeit, dass er freigelassen wird.

 

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