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Sewsens Geschichte: Befreit aus IS-Gefangenschaft


Sewsen Hesen Heyder ist nach acht Jahren IS-Gefangenschaft von den YPJ in Camp Hol befreit worden und wird nach Şengal zurückkehren. Jetzt will sie selbst dafür kämpfen, dass alle verschleppten Ezidinnen gerettet werden.

Im Zuge der am 25. August von den nordostsyrischen Sicherheitskräften gestarteten Operation in Camp Hol sind bisher sechs Frauen aus IS-Gefangenschaft befreit worden, darunter die 2014 in Şengal vom „Islamischen Staat“ (IS) verschleppten Ezidinnen Wefa Elî Ebbas und Sewsen Hesen Heyder. Die Frauenverteidigungseinheiten YPJ haben sich zum Ziel gesetzt, alle ezidischen Frauen zu befreien. Die 24-jährige Sewsen Hesen Heyder hat der Nachrichtenagentur ANHA ihre Geschichte erzählt.

Als der IS 2014 in Şengal einfiel, wurde Sewsen zusammen mit neun Verwandten verschleppt. Ihr Vater, ein Bruder, mehrere Onkel und Cousins werden seitdem vermisst. Sewsen erzählt: „An diesem Tag dauerten die Kämpfe die ganze Nacht an. Morgens hat der IS Şengal besetzt. Frauen und Männer wurden voneinander getrennt. Die Männer wurden weggebracht, wir wussten nicht wohin. Die Frauen und Kinder wurden in Schulen in Telafer und Mosul gebracht, ich kam mit meiner Familie nach Telafer. Danach brachten sie uns an einen Ort in Syrien. Die IS-Männer kamen dorthin, um Ezidinnen als Sklavinnen zu nehmen. Ich wurde mit meiner Mutter und meiner Tante nach Qaim im Irak gebracht und den Islamisten übergeben.“

Dort wurde Sewsen von ihrer Mutter getrennt. Knapp ein Jahr wurde sie in Anbar festgehalten. Als die irakische Armee näherrückte, kam sie nach Mosul und einen Monat später nach Raqqa. Aufgrund der von den Demokratischen Kräften Syriens (QSD) und ihrer Mitgliedsverbände YPJ und YPG geführten Befreiungsoffensive zogen sich die Islamisten immer weiter zurück und Sewsen landete schließlich in der letzten IS-Enklave Bagouz an der syrisch-irakischen Grenze. Wie die meisten Angehörigen des IS wurde Sewsen nach dem Sieg der QSD nach Camp Hol gebracht.

Sewsen hatte Angst, sich als Ezidin erkennen zu geben. Es war nicht nur die Angst vor dem IS, der Horrorgeschichten über „die Kurden“ verbreitete. Aufgrund dessen, was ihr angetan worden war, fürchtete sie auch den gesellschaftlichen Druck. So wurde sie in Camp Hol als Ausländerin registriert und lebte vier weitere Jahre innerhalb der IS-Strukturen, die mit der aktuellen Operation in dem Lager zerschlagen werden sollen.

Es war ein unglaubliches Glücksgefühl“

Am zwanzigsten Tag der Operation wurde Sewsen von den YPJ befreit. „Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich eines Tages gerettet werde und zu meiner Familie zurückkehren kann“, erzählt sie. „Ich werde nie vergessen, wie die YPJ mit mir umgegangen sind. Es war ein unglaubliches Glücksgefühl.“ Die YPJ nahmen Kontakt mit Sewsens Familie auf und berichteten von ihrer Rettung. Danach konnte Sewsen zum ersten Mal nach acht Jahren selbst mit ihren Angehörigen sprechen. „Auch meine Familie war glücklich und sagte, dass ich schnell zurückkommen soll. Ich hätte nie gedacht, dass die YPJ so sind und dass meine Familie mich akzeptieren wird. Ich wünsche mir, dass alle ezidischen Frauen zurückkehren können. Sie sollen keine Angst haben. Was den Ezidinnen angetan wurde, geschah gegen ihren Willen. Ich danke den YPJ, dass ich jetzt ein neues Leben anfangen kann.“

Sewsen hat in den Jahren der Gefangenschaft ihre Muttersprache verlernt, Kurdisch war beim IS verboten. „Ich habe nur manchmal heimlich mit anderen Ezidinnen Kurdisch gesprochen. Seit ich in Hol war, habe ich kein einziges Mal Kurdisch gesprochen. Mir sind meine Kultur und meine Sprache genommen worden. Ich habe Kurdisch jedoch nicht ganz vergessen und werde es schnell wieder lernen. Als ich in der Hand des IS war, habe ich einmal zu ihnen gesagt, dass ich eines Tages nach Şengal zurückkehren und nicht mehr unter ihrer Kontrolle leben werde. Sie sagten, dass ich das vergessen soll. Ich habe Şengal sehr vermisst und werde es jetzt endlich wiedersehen. Früher habe ich sehr gerne gelesen und gelernt, das werde ich jetzt fortsetzen.“

Zuletzt sagt Sewsen, dass sie in Raqqa und Mosul mit vielen weiteren Ezidinnen zusammen war: „Wenn wir zusammenkamen, haben wir vieles versucht, um uns zu retten, aber wir haben es nie geschafft. Die Islamisten dachten, dass wir flüchten wollen, sie schlossen uns ein und ließen uns nicht nach draußen. Den Ezidinnen wird es jedoch gelingen, alle Schlösser zu zerstören. Ich werde alles mir Mögliche tun, damit alle ezidischen Frauen befreit werden.“

 

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