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Karayılan (PKK): Das Massaker an Feriengästen in Zaxo war kein Versehen


Der türkische Angriff mit neun zivilen Todesopfern auf eine Ferienanlage im südkurdischen Zaxo war kein Versehen, sondern Absicht, erklärt Murat Karayilan (PKK). Die Türkei will ihr Herrschaftsgebiet erweitern und die Menschen vertreiben.

Am 20. Juli hat die türkische Armee von einem Stützpunkt in Südkurdistan aus das Sommerressort im Dorf Perex (Parakh) im Distrikt Zaxo mit vier Artilleriegranaten bombardiert. Neun Menschen, darunter mehrere Kinder, wurden getötet, mehr als zwanzig weitere verletzt. Während der Irak bereits früh die Türkei des Artillerieangriffs beschuldigte, bestreitet die Regierung in Ankara weiterhin jegliche Beteiligung. Laut einem Untersuchungsbericht des irakischen Joint Operations Command ist die Bombardierung der Ferienanlage durch türkische 155-mm-Granaten erfolgt. Murat Karayilan, Mitglied des Exekutivkomitees der PKK, hat sich im Radiosender Dengê Welat zu dem Massaker von Zaxo geäußert.

Am 20. Juli griff der türkische Staat das Dorf Perex an. Dabei wurden neun irakische Bürgerinnen und Bürger getötet und Dutzende verwundet. Warum nimmt der türkische Staat auch Zivilpersonen ins Visier?

Zunächst möchte ich den Familien all derer, die bei diesem Anschlag ihr Leben verloren haben, mein Beileid aussprechen und allen Verwundeten eine baldige Genesung wünschen. Sie waren unschuldige Menschen und sind zu Opfern des türkischen Kolonialismus geworden. Ich verurteile dieses vom türkischen Staat begangene Massaker aufs Schärfste. Natürlich sollte es nicht nur verurteilt werden, gegen diese blutsaugende Besatzermentalität muss gekämpft werden.

Diese Frage wird im Irak, in Südkurdistan und in ganz Kurdistan heftig diskutiert. Das Dorf Perex liegt in Heftanîn, nur anderthalb Kilometer von der Staatsgrenze zur Türkei entfernt. Dort befindet sich ein großer türkischer Militärstützpunkt, Kiryareş. Der türkische Staat hält derzeit 23 Berge in Heftanîn besetzt. Mit anderen Worten: Er hat an 23 Orten Militärstützpunkte errichtet, ein großer Teil davon in der Umgebung von Perex. Es handelt sich um eine Region, die vom türkischen Militär kontrolliert wird. An der unteren Kêrê-Linie sind irakische Grenztruppen stationiert, auch einige Peschmerga, aber das Gebiet unterliegt hauptsächlich der Kontrolle des türkischen Staates.

Folgendes muss unmissverständlich klargestellt werden:

* Die PKK hat mit diesem Vorfall nichts zu tun. Der türkische Staat hat dort die Kontrolle.

* Wie auch irakische Politiker sagen, hat der türkische Staat diesen Vorfall verursacht. Dies ist sicher.

* Der türkische Staat hat diesen Vorfall nicht aus Versehen herbeigeführt, sondern bewusst zugeschlagen. Das ist auch sicher, denn er ist direkt vor Ort. 400 bis 500 Fahrzeuge haben dort in dieser Zeit gehalten, es gab dort etwa tausend Touristinnen und Touristen. Auch der türkische Staat weiß, dass es ein touristischer Ort ist. Wenn er mit der ihm zur Verfügung stehenden Technik eine Person unter einem Baum sehen und ermorden kann, wie kann er dann aus Versehen ein ganzes Picknickgebiet abschießen? Hier liegt kein Versehen vor, und es wurde nicht bombardiert, weil ein Kommandeur in dem Gebiet gerade Lust dazu hatte.

Es handelt sich um einen Ansatz der türkischen Staatspolitik. Die türkische Politik will ihre Vorherrschaft in Südkurdistan und im Irak ausbauen. Der Staat will auf diese Weise durch psychologischen Druck den Menschen Angst einjagen, sie vertreiben und beherrschen. Es war nicht der erste Angriff; sie töten auf Grundlage dieser Politik seit vielen Jahren Zivilpersonen in Südkurdistan, Rojava und Nordkurdistan. Sie wollen die Menschen einschüchtern. Es scheint auch, dass sie nicht wollen, dass es ein Picknickplatz ist, das Gebiet soll verlassen werden.

Vor allem in den von der türkischen Armee besetzten Gebieten in Südkurdistan wird eine solche Politik verfolgt. Das Gleiche gilt für Metîna und Xakurke. Der türkische Staat will nicht, dass Menschen in diesen Regionen leben, er will eine vollständige militärische Herrschaft errichten. Kurzum, er hat diesen Anschlag bewusst durchgeführt.

Die Türkei hat eine solche Reaktion nicht erwartet

Vielleicht haben sie eine solche Reaktion nicht erwartet. Mit einer solchen Reaktion hatten sie nicht gerechnet, denn sie haben schon viele Massaker begangen, auf die niemand reagiert hat. So gab es beispielsweise zahlreiche Massaker in der Umgebung von Qendîl, in Şîladizê und zuletzt in Bamernê. Letztes Jahr haben sie zum Beispiel das Krankenhaus in Sikeniyê in Şengal angegriffen; acht Menschen sind dabei ums Leben gekommen. Hätten der irakische Staat und die Regierung von Kadhimi damals reagiert, wäre es heute nicht zu diesem Vorfall gekommen. Im August 2020 wurden zwei ranghohe Militärkommandeure der irakischen Armee, Mohammed Rushdi und Zubair Hali, vom türkischen Staat vorsätzlich ermordet, doch dann ging der irakische Premierminister hin und verneigte sich vor Erdoğan. Der Irak hat nicht reagiert. Aus diesem Grund handelt die türkische Regierung sehr entspannt, aber dieses Mal hat vor allem das irakische Volk eine sehr wertvolle Reaktion gezeigt. Die Menschen im Irak sagten: „Genug ist genug." Dieser Vorfall war der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Auch wenn es Unzulänglichkeiten gibt, so ist doch ein gewisses Maß an Reaktion vorhanden. Hätte es diese Reaktion schon früher gegeben, wäre der türkische Staat nicht in der Lage gewesen, solche Massaker zu veranstalten. Wenn man den türkischen Staat nicht daran hindert, kann er alles tun, denn er will seine Vorherrschaft über das Gebiet etablieren. Das ist Teil seines Konzepts, und zu diesem Zweck schlägt er zu, ohne zwischen militärischen Kräften und Zivilbevölkerung zu unterscheiden.

Massaker, Verleugnung und Lügen

Der türkische Staat leugnet, dass er dieses Massaker verübt hat. Es hieß sogar: „Die PKK war es." Der Irak hat jedoch belegt, dass der türkische Staat den Angriff begangen hat. Die Verweigerungshaltung der Türkei führt dazu, dass die Welt die türkische Realität erkennt. Was ist diese Realität? Die Türkei hat schon immer so gehandelt. Sie verbreitet Terror in Kurdistan und nennt uns „Terroristen". Sie tötet unsere Leute, sagt aber ganz klar: „Ich töte keine Zivilisten." Sie leugnet und ignoriert das kurdische Volk vollständig. Die Realität des türkischen Staates besteht aus Verleugnung, Massakern und Lügen. Er übt Staatsterror aus. Das ist die Realität des türkischen Staates. Jetzt haben die irakischen Behörden die Täterschaft festgestellt, aber die Türkei reagiert gar nicht darauf. Dadurch wird das wahre Gesicht des türkischen Staates deutlich.

30.000 türkische Soldaten im Irak stationiert

Die meisten Angaben des Irak zu diesem Thema sind richtig, aber die von ihm angegebenen Zahlen sind unvollständig. Die Zahl der vom türkischen Staat in Südkurdistan eingerichteten Militärstützpunkte beläuft sich zwar auf etwa 100, aber die Zahl der derzeit auf irakischem Gebiet stationierten und mobilen Soldaten beträgt mindestens 30 000. Tatsächlich sind alle Spezialbrigaden des türkischen Staates, wie z.B. Spezialkräfte, Kommandos usw., derzeit in Südkurdistan, d.h. im Irak, stationiert. Es wäre gut, dies genau zu wissen. Dazu kommt, dass in dem Dreimonatszeitraum vom 14. April bis zum 14. Juli die Zahl der Bombardierungen irakischen Territoriums durch Kampfflugzeuge bei 2.574 und die Zahl der Angriffe durch Hubschrauber bei 1.933 lag.

Ich möchte nicht auf die Frage eingehen, wer dafür verantwortlich ist, dass der türkische Staat so frei agiert. Das ist schon klar, aber wichtig ist, dass das irakische Volk, der irakische Staat und die irakische Regierung jetzt eine Haltung gegen die Aggression des türkischen Staates entwickelt haben. Ich denke, dies ist eine Gelegenheit für die Regierung des Föderierten Kurdistans und die PDK, einen neuen Durchbruch zu erzielen. Wenn sie wollen, hat sich für sie eine Chance ergeben und sie können auch eine neue Haltung gegen den türkischen Kolonialismus entwickeln. Mit anderen Worten, sie können sowohl eine kurdische als auch eine irakische nationale Haltung gegen den türkischen Kolonialismus und die Aggression in Südkurdistan annehmen, und sie können neue Auswege finden. In diesem Sinne hat ein Teil der Politik Südkurdistans bereits eine Position, aber auch diejenigen, die noch keine Position bezogen haben, oder sogar diejenigen, die kooperiert haben, können neue Ausstiege machen. Es besteht nicht nur die Möglichkeit, sondern auch die Erwartung, dass sie diese Politik erkennen und sich entsprechend verhalten. Wir hoffen, dass in diesem Rahmen eine Entwicklung stattfindet.

Einige Kreise kritisieren, dass die PKK ihren Krieg mit dem türkischen Staat in den Süden verlegt hat. Ist das so?

Im irakischen Parlament gab es einige Debatten zu diesem Thema. Diese Diskussionen finden unter dem Gesichtspunkt statt, dass die PKK von Südkurdistan nach Nordkurdistan zieht, dort auf den türkischen Staat trifft und dann nach Südkurdistan zurückkehrt. So etwas gibt es im Moment nicht und hat es in den letzten zehn Jahren nicht gegeben. Vor zehn Jahren gab es einen Waffenstillstand zwischen uns und dem türkischen Staat. Er dauerte zweieinhalb Jahre. Dieser Waffenstillstand sah vor, dass wir unsere gesamten Kräfte nach Südkurdistan zurückziehen würden. Wir hatten bereits einen Teil unserer Kräfte abgezogen, aber als wir merkten, dass der türkische Staat keine guten Absichten hatte, haben wir den Abzug gestoppt. Zu dieser Zeit war auch die Regierung der Region Kurdistan in den Prozess des Abzugs unserer Kräfte nach Südkurdistan involviert; sie wusste davon und hat ihn gebilligt. Auch der Irak stimmte dem Abkommen de facto zu. Jeder weiß das. Um eine Lösung zu finden, musste sich die Guerilla nach Südkurdistan zurückziehen. Dann brach Erdogan, d.h. der türkische Staat, den Prozess ab, obwohl in Dolmabahçe ein Abkommen unterzeichnet worden war. Sehen Sie, wir haben jetzt den Jahrestag dieses Ereignisses. Am 24. Juli 2015 startete der türkische Staat einen direkten Angriff auf Südkurdistan. Seitdem greift er einseitig überall dort an, wo wir Kräfte haben. Wir verteidigen legitimerweise sowohl uns selbst als auch das Gebiet von Südkurdistan. Der Krieg findet in diesem Rahmen statt. Nicht wir haben den Krieg in den Süden gebracht, sondern der Feind hat diesen Krieg hierher gebracht. Er greift einseitig an und will vor allem das von ihm als Misak-ı Milli [dt. Nationalpakt; ein Anfang der 1920er Jahre im osmanischen Parlament entworfener Plan, der ein türkisches Staatsgebiet inklusive Thrakien, Rojava (Nordsyrien) und Südkurdistan (Nordirak) vorsieht.] bezeichnete Gebiet besetzen. Wir sind dagegen, wir verteidigen die Gebiete des Irak und Südkurdistans. Darum geht es im Wesentlichen.

Es geht nicht um die PKK

Wenn wir immer die Rechtfertigung für die Angriffe sind, was macht dann die türkische Militärbasis in Başîqa [nordöstlich von Mosul] dort? Warum hat der türkische Staat beispielsweise seine Truppen nicht von dort abgezogen, obwohl die irakische Regierung ihn schon vor drei oder vier Jahren dazu aufgefordert hatte? Er hat sich nicht nur nicht zurückgezogen, sondern will jetzt im Gegenteil heimlich Kerkûk mit Truppen besetzen, mit Militärs in Zivil und MIT-Funktionären, die er dorthin entsandt hat. Er stellt dort Kräfte zusammen und bildet sie aus. Der türkische Staat hat Berechnungen über diese Gebiete angestellt; das muss erkannt werden. Die PKK mag eine Seite der Angelegenheit sein, aber sie ist nicht das ganze Problem. Auch das ist eine Realität, die anerkannt werden muss.

Sind durch die Proteste im Irak nicht einige Realitäten ans Licht gekommen?

Natürlich hatten die Reaktionen der irakischen Bevölkerung eine solche Wirkung. Alle Völker der Region, insbesondere die kurdischen, arabischen und assyrischen Völker, können und sollten sich gegen das Konzept der Türkei, das auch den Neoosmanismus einschließt, verbünden. Dieses Konzept richtet sich gegen die Kurden, aber auch gegen die Araber und Assyrer. Es richtet sich gegen alle Völker der Region. Auf diese Weise hat sich auch der Boden für ein Bündnis zwischen den Völkern gefestigt. In Nordostsyrien ist bereits ein Bündnis auf der Grundlage der Perspektive der Demokratischen Nation entstanden, aber vor allem sollte ein Bündnis der Völker gegen die Angriffe des türkischen Staates im Allgemeinen gebildet werden. Dieser Aspekt hat sich wieder einmal gezeigt.

Hinzu kommt: Obwohl der irakische Staat derzeit interne Probleme hat, befindet er sich in einer starken Position gegenüber dem türkischen Staat. Wenn der Irak zum Beispiel seine Grenze für zwei Monate schließt und keinen Handel mit der Türkei betreibt, kann er die AKP/MHP-Regierung zerstören. Momentan sind Südkurdistan und der Irak die Luftröhre für den türkischen Staat. Die Türkei bringt alle ihre Waren hierher und verkauft sie hier. Wenn der irakische Staat das stoppt, wird der türkische Staat nicht in der Lage sein, die Wirtschaftskrise zu überstehen, und er wird zusammenbrechen. Der Irak hat die wirtschaftliche Karte in der Hand, und diese Karte stärkt ihn sehr. Darüber kann der Irak Stellung beziehen und dem türkischen Staat die notwendige Antwort geben.

 

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