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NGOs in Camp Hol setzen Arbeit vorübergehend aus


Im fünften Bereich des Auffang- und Internierungslagers Hol angesiedelte NGOs haben ihre Arbeit vorübergehend ausgesetzt. Hintergrund ist offenbar ein bewaffneter Überfall im Zentrum des Norwegischen Flüchtlingsrats.

Im Auffang- und Internierungslager Hol in Nordostsyrien aktive Hilfsorganisationen haben am Montag ihre Arbeit im fünften Bereich des Camps bis auf Weiteres eingestellt. Hintergrund ist offenbar ein bewaffneter Überfall auf ein Büro des Norwegischen Flüchtlingsrats (NRC), berichtet die Agentur North Press (NPA).

Der Meldung zufolge hätten bewaffnete Unbekannte die im fünften Sektor angesiedelte Rechtsabteilung des NRC gestürmt, Handys und Laptops der Angestellten entwendet und einen Mitarbeiter verschleppt. Wann es zu dem Vorfall gekommen sein soll, geht aus der Meldung nicht hervor. Die Organisation hatte bereits im August ihre Arbeit aufgrund eines Überfalls von Islamisten vorübergehend aussetzen müssen.

Das NRC und die Lagerverwaltung in Hol haben sich bisher nicht zu dem jüngsten Vorfall geäußert. Seit vergangener Nacht läuft allerdings eine breit angelegte Operation der Sicherheitskräfte der Autonomieverwaltung Nord- und Ostsyriens (Asayîş) in dem Camp. Es ist anzunehmen, dass der Angriff auf das NRC von IS-Zellen verübt wurde.

Bisher unbestätigten Angaben nach konzentriert sich die Operation der Asayîş auf den Lagerabschnitt „Muhadschirat“, in dem die Familien der ausländischen Mitglieder der Dschihadistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS) festgehalten werden. Acht vermeintliche IS-Frauen usbekischer Herkunft sollen festgenommen worden sein. Im Bereich fünf, wo sich der Angriff auf das NRC ereignet haben soll, werden ebenfalls IS-Dschihadisten und ihre Angehörigen festgehalten. Allerdings haben diese in der Regel die syrische, teilweise auch die irakische Staatsbürgerschaft. Sektor fünf gilt zudem als Zentrum der Anschläge auf Menschen, die sich vom IS trennen wollen oder nicht nach den Maßstäben der Terrororganisation leben.

Seit Anfang des Jahres sind mindestens zwölf Personen in dem Lager ermordet worden, 2021 gab es nach Angaben der Lagerverwaltung mindestens 127 Mordfälle in Hol, die hauptsächlich von der sogenannten IS-Religionspolizei für Frauen und der IS-Jugendorganisation „Junglöwen des Kalifats“ begangen wurden. Hol gilt als Brutstätte der dschihadistischen Terrormiliz und als eines der gefährlichsten Lager der Welt. Diese Situation hängt vor allem mit der fehlenden Bereitschaft zu internationaler Unterstützung für die Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens und die Rücknahme der Internierten ab. Die wenigsten Staaten sind bereit, ihre in Camp Hol festgehaltenen Bürgerinnen und Bürger zurückzunehmen. Die Selbstverwaltung warnt seit Jahren vergeblich vor der Gefahr, dass in Hol eine neue IS-Generation anwächst.

Hälfte aller Internierten minderjährig

War Hol zu Beginn für 10.000 Personen ausgelegt, halten sich heute etwa 56.000 Menschen aus verschiedenen Ländern dort auf. Unter ihnen befinden sich auch tausende IS-Familien, die nach der Einnahme der letzten IS-Bastion Baghuz Anfang 2019 von den Demokratischen Kräften Syriens (QSD) aufgegriffen wurden. Mehr als die Hälfte der Internierten sind Minderjährige unter zwölf Jahren, denen die IS-Doktrin beigebracht wird. 

„IS-Vergeltungsoffensive“

Zu der ohnehin instabilen Lage in Camp Hol kommt aktuell die Gefahr durch weitere IS-Anschläge hinzu. Am 17. April hatte die Dschihadistenmiliz eine „Vergeltungsoffensive“ gestartet und dazu aufgerufen, die Zeit des Ukraine-Kriegs für Anschläge zu nutzen. Europa gehe „durch eine heiße Phase“ und IS-Unterstützer sollten diese Gelegenheit wahrnehmen, überall zuzuschlagen, um den Tod der ehemaligen IS-Anführer Abu Ibrahim al-Hashimi al-Quraishi und Abu Bakr al-Baghdadi zu rächen. Als primäres Ziel für Attentate in Syrien wurde Camp Hol genannt.

 

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