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Symposium über Feminizid in Silêmanî


In Silêmanî ist ein innerkurdisches Frauensymposium über Feminizid veranstaltet worden.

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In Silêmanî ist am Sonnabend ein innerkurdisches Frauensymposium über Feminizid veranstaltet worden. Feminizid oder Femizide, sprich Frauentötungen als Folge geschlechtsspezifischer Benachteiligung, sind die ultimativste Gewaltform und sind Ausdruck eines aus Stereotypisierungen und entsprechender Sozialisierung resultierenden strukturellen Phänomens. Was braucht es also, um tödliche Gewalt gegen Frauen zu verhindern? Mit dieser und weiteren Fragen beschäftigten sich die Teilnehmerinnen der von der Frauenkommission des Nationalkongress Kurdistan (KNK) und der Union der Frauen Kurdistans (Frauenorganisation der YNK) organisierten Tagung.

Die wesentliche Themenfelder des Symposiums wurden in Form von fünf Panels diskutiert: „Gewalt gegen Frauen und Verhaftungen als Folge politischer Machtausübung“, „Die Rolle von Recht und Kultur für die Identität von Frauen“, „Die Situation von Frauen unter politischer Unterdrückung“, „Die Situation von Frauen unter einem Besatzungsregime“ und „Die Lage der Ezidinnen in der aktuellen Realität“. Die Beteiligten waren aus allen vier Teilen Kurdistans und darüber hinaus nach Silêmanî gekommen. Unter ihnen waren Abgeordnete der Parlamente in Hewlêr, Bagdad und Ankara, Vertreterinnen der HDP, Frauen aus der Führungsebene der YNK und des Politbüros der Partei, sowie Aktivistinnen, Journalistinnen und Akademikerinnen.

Eröffnet wurde das Symposium von Kafiya Suleiman, Generalsekretärin der kurdischen Frauenunion, die betonte, dass Feminizid ein globales Problem ist. „Es existiert in jedem Land, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Auch in Kurdistan ist der Alltag von Frauen durch Gewalt gekennzeichnet. In den letzten Jahren verzeichneten wir einen alarmierenden Anstieg von Frauenmorden. Wir leben in einer männerdominierten Gesellschaft, deren sexistische männliche Vorstellung Frauen als Eigentum ansieht und jede Form von patriarchaler Gewalt an ihnen für gerechtfertigt hält. In Ländern, in denen es Freiheiten gibt, existieren Aufbrüche in ein neues Bewusstsein. Jenseits von Feminizid. Doch wenn wir auf Kurdistan blicken, sehen wir eine von Besatzung und Teilung geprägte Geschichte. In allen Teilen ist das kurdische Volk Opfer der kolonialistischen Unterdrückung geworden, doch kurdische Frauen sind einer doppelten Verfolgung ausgesetzt. Einerseits aufgrund ihrer kurdischen Identität und andererseits wegen ihres Geschlechts. Gegen diesen antikurdischen Feminizid setzen wir uns auch weiterhin mit allen nur erdenklichen Kräften ein und kämpfen gegen unsere kollektive Ermordung.“

Die Ko-Vorsitzende des KNK, Zeynep Muradi, bezeichnete den Feminizid in ihrer Begrüßungsrede als Produkt des Systems. „Besatzer etwa setzen gezielt auf den Feminizid und alle anderen Formen von Gewalt an kurdischen Frauen, da dieser zur Kriegspraxis gehört. Es geht nicht darum, lediglich die einzelne Frau zu erniedrigen oder zu demütigen, sondern die Gesellschaft als ganzes zu traumatisieren. Auf der anderen Seite hat der Feminizid in Kurdistan seinen Ursprung auch in einem sozialen Kontext, der von patriarchalischer Denkweise geprägt ist und die soziale Unabhängigkeit von Frauen nicht zulässt. Leider gibt es noch immer politische Parteien, die diese Mentalität fördern, statt sie zu bekämpfen. Doch trotz alledem schwindet die Hoffnung von uns Frauen auf Freiheit nicht. Wir dürfen die männliche Mentalität in keiner Weise akzeptieren, sondern in allen Bereichen dagegen kämpfen.“

Başaran: Offen frauenfeindliches System in der Türkei

Die HDP-Abgeordnete Ayşe Acar Başaran, die gleichzeitig Sprecherin des Frauenrats ihrer Partei ist, zeichnete einen kurzen Umriss des offenen frauenfeindlichen Systems in der Türkei, das patriarchale Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung der Frau und gesellschaftlichen Sexismus verfolge und in allen Bereichen des Lebens männliche Hegemonie und eine hegemoniale Form von Männlichkeit festige. Insbesondere seit die islamistische AKP von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan nach dem einseitigen Abbruch der Friedensgespräche mit Abdullah Öcalan im Jahr 2015 ein Koalitionsbündnis mit der rechtsextremen MHP bildete, würden die Herrschenden unerbittlich Frauenfeindlichkeit betreiben.

„Stoppt Femizid“ war das Motto des Symposiums

Als Beispiel nannte Başaran die Fälle einiger Frauen, die zu utopischen Gefängnisstrafen verurteilt wurden. Die kurdische Politikerin, Journalistin und Feministin Ayşe Gökkan etwa wurde vor einiger Zeit zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt. „Der Staat fürchtet sich vor kämpfenden Frauen und will sie dafür bestrafen, dass sie sich für ihre Freiheit einsetzen“, sagte Başaran. Im weiteren Verlauf trug die Politikerin die Femizid-Statistik von 2021 für die Türkei vor: „Im vergangenen Jahr ist die Zahl der angezeigten Fälle von patriarchaler Gewalt um zwölf Prozent gestiegen“, sagte Başaran. „2021 wurden 330 Femizide registriert, 270 Frauen kamen unter verdächtigen Umständen ums Leben. In den letzten zwei Monaten wurden mindestens 49 Frauen Opfer eines Femizids, in genauso vielen Fällen gaben die Todesumstände von Frauen Anlass zu Verdacht. Wir gehen davon aus, dass die tatsächliche Anzahl der Femizide weitaus höher ist.“

In einer Abschlusserklärung, die zum Ende des Symposiums vorgelegt worden ist, formulieren die ausrichtenden Organisationen ihre Ziele und Forderungen:

* Für Einheit und Zusammengehörigkeit müssen kurdische Frauen die Grenzen überwinden, die zu einem Hindernis geworden sind.

* Frauen aus Başûr, Rojava, Bakur und Rojhilat sollten sich verantwortlich fühlen für das Gelingen der gemeinsamen Ziele; sie müssen ihre politischen und sozialen Diskussionen fortsetzen.

* Es ist eine moralische und gewissenhafte Pflicht, Frauen zu schützen, die Gewalt ausgesetzt waren oder es möglicherweise sein könnten. Es muss eine gemeinsame Haltung in dieser Frage zustande kommen.

* Um den Willen der Frauen zu entwickeln und ihnen zu ermöglichen, dass sie in allen sozialen und politischen Bereichen eine Rolle spielen, müssen Frauen ihre Stimmen noch lauter gegen die politische Elite erheben.

* Der Schutz ezidischer Frauen in Şengal ist die Hauptaufgabe von uns Frauen. Weil die Probleme der Ezidinnen nicht gelöst worden sind, sind ihre Wunden bis heute nicht verheilt.

* Der Frauenrat sollte alle kurdischen und pro-kurdischen Parteien nahebringen, dass der Widerstand um die Befreiung aller ezidischen Frauen eine nationale Pflicht ist.

* Um unser Land zu schützen, ist eine Einheit erforderlich. Doch zuallererst sollten Frauen für den Erfolg anderer Frauen eintreten.

* Wir rufen alle Frauenorganisationen weltweit auf, sich gegen die Angriffe der Besatzerstaaten in Kurdistan zu stellen und den Kampf kurdischer Frauen zu unterstützen.

* Wir rufen alle Frauen in den vier Teilen Kurdistans auf, sich für einen gemeinsamen Lösungsmechanismus einzusetzen.

* Es ist die Pflicht der Frauen, die Nationale Frauenkonferenz Kurdistans zu organisieren.

* Frauen sollten sich gegen die lokalen Medien und die Feinde der kurdischen Kultur stellen.“

 

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